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Marcks-Ausstellung in Weimar : Freundschaft geht über Modernität

„Die Schwimmerin II“ zieht sich die Badekappe über: Gerhard Marcks lebensgroße Bronze von 1938 ist in Weimar zu sehen. Bild: AP

Die ursprünglich ästhetisch eher konservative Ausprägung des Bauhauses ist heute in Vergessenheit geraten. Eine faszinierende Weimarer Ausstellung ehrt Gerhard Marcks, ihren wichtigsten Protagonisten.

          Am besten visualisiert wird die Grundidee dieser Ausstellung nicht durch die darin versammelten, allemal großartigen Werke, sondern durch einen kreisförmigen Bildschirm von einem Meter Durchmesser, bei dem man durch die Betätigung einer Art Schwungrad Hunderte von reproduzierten Schriftstücken individuell ansteuern und dann auf dem Display lesen kann. Es sind Dokumente aus den Jahren 1919 bis 1981, und sie entstammen dem Freundeskreis um den Bildhauer Gerhard Marcks. Gleich das früheste birgt vielfältigen Sprengstoff; Marcks schreibt am 19. Februar 1919 in einem Brief: „Da ich kein Jude bin und auch aus Gesundheitsgründen kein Opium nehmen darf, wirst Du keine Utopie von mir erwarten dürfen.“ Der Empfänger dieses Schreibens war Walter Gropius.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Pikant an diesem Satz ist zweierlei: die Gleichsetzung von Juden und Drogenberauschten als nicht ernst zu nehmende Phantasten und die persönliche Absage an Utopien. Marcks, 1889 geboren und Autodidakt in seiner Kunst, stand damals vor der ersten Festanstellung, und die sollte am neugegründeten Bauhaus in Weimar erfolgen, als dessen Direktor sein alter Freund Gropius amtierte. Die Berufung von Marcks zum „Formmeister“ war Gropius’ Wahl, aber beider Vorstellungen über das, was das Bauhaus zu leisten habe, gingen rasch auseinander: Marcks wollte traditionelles Handwerk im Mittelpunkt der Ausbildung sehen, Gropius industrielle Fertigung. 1925, als das Bauhaus nach Dessau umzog, trennten sich die Wege der Freunde. Gropius übernahm auch am neuen Standort die Leitung und schwor die Hochschule ganz auf seinen Kurs ein, Marcks nahm eine Professur in Halle an. Immerhin sechs Jahre lang war er Bauhaus-Meister gewesen.

          Er interessierte sich nicht für den Trubel

          Er ist keiner der heute weltweit bekannten, die unser Bild der Moderne entscheidend mitbestimmen wie Moholy-Nagy, Kandinsky, Feininger, Klee, Breuer, Schlemmer und natürlich Gropius selbst. Marcks ist ein weitgehend deutsches Phänomen geblieben, nach dem Zweiten Weltkrieg verweigerte er sich dem internationalen Trend zur Abstraktion, für den mancher Meisterkollege am Bauhaus Entscheidendes geleistet hatte. Die ursprünglich ästhetisch eher konservative Ausprägung des Bauhauses ist heute in Vergessenheit geraten, und Marcks war ihr wichtigster Protagonist. Als Formmeister der Keramikwerkstatt arbeitete er nicht in Weimar selbst, sondern im dreißig Kilometer entfernten Dornburg, wo man eine bereits existierende Töpferei für die Ausbildung nutzte. Diese Distanz vertiefte die Diskrepanz zu seinen Kollegen. Marcks konzentrierte sich auf seine kleine Schülerschar. Als die Bauhaus-Meister 1923 ein Postkarten-Set zur ersten großen Ausstellung ihrer Institution in Weimar entwarfen, war Marcks der Einzige, der auf seiner Karte die Laufzeit der Schau falsch angab. Er interessierte sich nicht für den Trubel.

          Das „Relief einer Frau mit Säugling“ ist aus vergoldetem Lindenholz gefertigt und entstand im Jahr 1919. Bilderstrecke
          Das „Relief einer Frau mit Säugling“ ist aus vergoldetem Lindenholz gefertigt und entstand im Jahr 1919. :

          Das berühmte Ensemble von zwanzig Postkarten ist ein Glanzpunkt in der Ausstellung, die jetzt im Neuen Museum Weimar gezeigt wird. Sie ist das Mittelstück des Auftakts zum 2019 anstehenden hundertjährigen Bauhaus-Jubiläum, das dann mit einem Riesenprogramm in zehn Bundesländern gefeiert wird – man kann nur hoffen, dass dabei nicht eine ähnliche Ermüdung des Publikums einsetzt wie im Falle der zahllosen diesjährigen Reformations-Ausstellungen. Deshalb wird an den drei Hauptschauplätzen der Bauhaus-Geschichte jetzt schon einmal ausgestellt: in Dessau seit April „Handwerk wird modern“, in Berlin vom November an „New Bauhaus Chicago“ und dazwischen nun in Weimar „Wege aus dem Bauhaus – Gerhard Marcks und sein Freundeskreis“.

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