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Paul Cézannes Porträts : Kieselsteine im Gesicht

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Wenn Hinsehen weh tut: Cézannes Selbstbildnis mit Palette, um 1890, Öl auf Leinwand, 92 mal 73 Zentimeter Bild: Sammlung Bührle Zürich

Diese Augen bergen doch ein Rätsel: Warum zeigen Paul Cézannes Porträts so viele Geistesabwesende, Schielende und Blinde? Über die Irritation des erwiderten Blicks.

          Über das Werk von Cézanne, sollte man meinen, ist mittlerweile alles gesagt. Dennoch wurde eine eigentlich recht auffällige Eigentümlichkeit bislang weitgehend ignoriert: die Tatsache, dass bei den Augen der meisten Menschen, die Cézanne gemalt hat, etwas nicht stimmt. Wie ein „Spiegel der Seele“ sehen diese Augen nicht aus. Sie sind ausdruckslos, oft sogar tot und leer. Unter den 160 Porträts, die Cézanne während eines halben Jahrhunderts geschaffen hat, gibt es kaum eine Ausnahme von dieser Regel.

          Bei den Bildern aus den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kann man das noch mit der Ungeschicklichkeit des Anfängers erklären; doch auch später, selbst in den letzten Jahren, bleiben die Augen immer Fremdkörper in den Gesichtern, und bei den allerletzten Porträts, die Cézanne 1906, kurz vor seinem Tod, von einem Gärtner gemalt hat, verschwinden die Augen völlig, und der Kopf wird zu einer gesichtslosen Masse.

          Das bewirkt, wenn man ein einzelnes Porträt betrachtet, kaum mehr als eine leichte Verwunderung; doch sobald man mehrere nebeneinander sieht, wächst die Irritation beträchtlich, und sie wird zu einer akuten Beklemmung, wenn man – wie in einer Ausstellung, die bis zum 11. Februar in der National Portrait Gallery in London gezeigt wird – mit der geballten Masse von siebzig Bildnissen konfrontiert wird. Wer so viele Porträts abschreitet, erlebt eine Kälte, die, käme sie von den dargestellten Personen, schwer zu ertragen wäre. Nirgendwo wird der eigene Blick erwidert, überall trifft man nur auf In-sich-Gekehrte und Geistesabwesende, Schielende und Blinde. Anfangs wähnt man sich vielleicht in einer Nacht der lebenden Toten; doch dann erkennt man, dass sich diese Gestalten nie mehr bewegen werden. Sie sind so leblos wie die Schalen ausgetrockneter Krustentiere. Die Gesichter sind Masken, die Körper steinerne Statuen, und sie verharren, rätselhaft wie die Figuren der Osterinsel, auf ewig in vollständiger Teilnahmslosigkeit.

          Einen unverhohlenen Blick gestattet er sich nicht

          Besonders befremdlich wird das bei den 26 Selbstporträts, die Cézanne gemalt hat. Fast alle zeigen den Kopf im Dreiviertelprofil. Das linke Auge ist immer deutlich kleiner als das andere. Meistens schaut es schräg an uns vorbei. Im Gegensatz dazu blickt das rechte Auge direkt nach vorn, so, wie der Maler es sieht, wenn er in den Spiegel schaut, um zu sehen, was er malen muss, wenn er sich selbst malen will. Doch einen unverhohlenen Blick aus dem Bild gestattet sich der Maler dann meistens doch nicht, und deshalb versucht er sehr oft, die Blickrichtung durch ein paar nachträglich aufgetragene Pinselstriche wieder etwas undeutlicher zu machen.

          Cézannes „Paysan assis“, entstanden zwischen 1900 und 1904 Bilderstrecke
          Der erwiderte Blick : Augen in Porträts von Cézanne

          Synchronisiert sind Cézannes Augen jedenfalls nicht. John Elderfield, der Hauptkurator der Londoner Porträtausstellung, nennt sie „mismatched“, geht aber auf dieses merkwürdige Phänomen nicht weiter ein. Wenn zwei Augen in verschiedene Richtungen blicken, bezeichnet man das üblicherweise als Schielen. Doch hier ist es anders. Cézanne war zwar kurzsichtig, und er litt aufgrund seiner Diabetes auch noch unter zusätzlichen Sehschwächen, aber er schielte nicht. Warum malt er sich dann mit zwei Augen, die nicht zueinander passen? Und warum malt er auch andere Personen, zum Beispiel seine Frau, in derselben Weise?

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