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Visionäre Kunst : Früher Blick in die Röhre

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Aus dem Jetzt betrachtet erscheinen seine Ideen fast prophetisch: Das Museum der Moderne in Salzburg zeigt die visionären Kunst-Prototypen Walter Pichlers.

          Fünfzig Jahre ist Walter Pichlers „TV-Helm“ schon alt und hat doch nichts von seiner Faszination eingebüßt. Wer die futuristisch anmutende Skulptur aufsetzt, blickt auf einen kleinen Fernsehbildschirm. Im Zeitalter omnipräsenter Bildschirme und der Virtual-Reality-Brille erscheint Pichlers Idee prophetisch. Der 2012 verstorbene Künstler nannte seine phallisch anmutende Skulptur auch „Tragbares Wohnzimmer“ und beschwor so bereits 1967 die mediale Durchlässigkeit von Architektur. Die aktuelle Ausstellung „Pichler. Radikal: Prototypen und Architektur“ im Salzburger Museum der Moderne zeigt, wie Pichler konventionelle Vorstellungen von Skulptur und funktionalistischem Bauen über den Haufen warf.

          Für Furore sorgten bereits 1963 die gemeinsam mit Hans Hollein in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellten Entwürfe „radikaler Architektur“, die von pneumatischen Blasen bis hin zu unterirdischen Städten reichten. Der gelernte Grafiker, tief beeindruckt von Atelierbesuchen bei Alberto Giacometti und Constantin Brancusi, kreierte in den sechziger Jahren acht Skulpturen in einer industriell anmutenden Formensprache, die sogenannten „Prototypen“. Aus diesen Grenzgängern zwischen Kunst und Design scheint die Raumfahrtseuphorie des Space Age zu sprechen. Der „TV-Helm“ wurde 1968 auf der Documenta 4 präsentiert und gilt heute als rarer österreichischer Beitrag zur Pop Art und zur frühen Medienkunst.

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          Der Künstler selbst behandelte seine Sci-Fi-Entwürfe jedoch lange stiefmütterlich. Sie seien zynische Repliken auf das Medienzeitalter, erklärte er, nachdem er sie jahrzehntelang unter Verschluss gehalten hatte. 1996 holte Museumsdirektorin Sabine Breitwieser die „Prototypen“ für eine Schau in der Wiener Generali Foundation wieder ans Licht. In ihrer aktuellen Ausstellung legt Breitwieser einen weiteren Fokus auf Pichlers Architekturen, wobei seine Modelle - etliche davon aus dem Nachlass - zu den Highlights der Schau zählen. So goss der Enkel eines Südtiroler Schmieds etwa 1963 aus Beton und Zinn ein bunkerhaftes „Unterirdisches Gebäude mit ausfahrbarem Kern“, dann wieder setzte er einen Gipsturm unter Glassturz, die „Kompakte Stadt mit Schutzhülle“.

          Dandy im englischen Maßanzug

          In der Ausstellung ist das Brummen des Gebläses zu hören, das die durchsichtige PVC-Blase „Großer Raum“ von 1966/67 konstant mit Luft füllt. Pichlers dritter und spektakulärster Prototyp entspricht nur oberflächlich jenen luftigen Bubble-Träumen, mit denen etwa die Wiener Künstlergruppe Haus-Rucker-Co zur selben Zeit das Raumbewusstsein erweitern wollte. Pichlers Lebensthema bleibt vielmehr die Isolation, der selbstgewählte, durchaus spirituelle Rückzug, den Pichler 1972 aus privaten Gründen vollzog. Nach erfolgreichen Jahren in New York - auch das MoMA kaufte seine Zeichnungen - erwarb der öffentlich als Dandy im englischen Maßanzug auftretende Künstler einen Bauernhof im Burgenland und wandte dem internationalen Kunstbetrieb den Rücken zu.

          Mit den Kuppelbauten der Revolutionsarchitekten Étienne-Louis Boulle und Claude-Nicolas Ledoux wie den Pyramiden Mesoamerikas im Hinterkopf, zeichnete Pichler Kirchen, Kapellen oder eine „Stadt in einem Krater“. Im Zentrum seines Werks steht aber die bildhauerische Arbeit sowie die Ausgestaltung der Hofgebäude, die Pichler zu speziellen Sanktuarien für seine Wächterfiguren umwandelte. Die Schau trägt diesem Gesamtkunstwerk Pichlers durch extra produzierte Dokumentarfilme Rechnung und führt auch zu dem „Haus an der Schmiede“, das Pichler im Südtiroler Eggental errichtete.

          Diese architektonischen Stippvisiten bei Pichlers Hauptwerk im Burgenland können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schau sich auf die Seite seines Werks vor 1972 schlägt. Den „erdigen“ Pichler, der seine wie Außerirdische anmutenden Figuren aus Holz und Lehm formte und mit rostbrauner Tusche existentialistische Glatzköpfe zeichnete, streift die Schau kaum. Das ist insofern eine verschenkte Chance, als die postume, den Nachlass verwertende Walter-Pichler-Retrospektive immer noch aussteht.

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