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Walter Benjamin und Gisèle Freund : Rettung gab es nur im Postscriptum

  • -Aktualisiert am

Zwei Ausstellungen in Paris sind miteinander verbunden: Eine widmet sich dem Nachlass Walter Benjamins, die andere Benjamins Freundin Gisèle Freund und ihren Fotografien.

          Zwischen einem Schönheitssalon und einem Laden für Hundeausrüstung „O’Cabot de Paris“ ragt ein hohes schmuckloses Haus. Plump wirkende Säulen, welche die oberen Loggien tragen, erinnern an eine Bauzeit vor gut hundert Jahren. Es ist die Nummer 10, rue Dombasle im XV. Arrondissement von Paris: die letzte Adresse von Walter Benjamin. Eine schlichte Tafel über dem Eingang erinnert an den deutschen Philosophen und Schriftsteller, den Übersetzer von Proust und Baudelaire. Von 1938 bis 1940 wohnte er hier. Die Wandschrift „O’Cabot de Paris“ (etwa: „Zum Köter von Paris“) stammt womöglich noch aus jener Zeit. Dann müsste Benjamin täglich an den Striegeln, Leinen und hündischen Accessoires vorbeigegangen sein - dort, wo Paris buchstäblich auf den Hund gekommen scheint.

          Denn kaum eine ödere Straße ist denkbar. Gegenüber allerdings ein Schuster und Stiefelmacher mit Maßanfertigung, im Schaufenster alle Arten von Leder und Leisten, wie sie nur noch selten zu sehen sind - als zitierten sie die surrealistischen Auslagen-Fotos von Germaine Krull, die Benjamin so schätzte. Weiter die Straße hinauf ein kleines Anwesen, hinter dessen Mauern Franziskanerinnen mit einer „Chapelle de l’Espérance“ angesiedelt sind - chimärenhafter Ort der Hoffnung in dieser mehr als trostlos anmutenden Straße, deren ideale Verkehrsanbindung zur Bibliothèque Nationale Benjamin indes in einem seiner Briefe lobt. Denn wenige Schritte entfernt um die Ecke liegt die Place de la Convention mit Métro-Station und Cafés, wo endlich auch neu das Leben pulsiert.

          Folgt man der Achse dieser Straße nicht allzu weit in östlicher Richtung, findet man die rue de Ridder, wo der israelische Künstler Dani Karavan sein Atelier hat und das Denkmal für Benjamin in Portbou entwarf. In weiterer östlicher Verlängerung, mittlerweile im XIV. Arrondisement gelegen, die Wohnung eines der letzten Zeitzeugen, der Benjamin noch bewusst gekannt hat: Stéphane Hessel, mittlerweile 94 und noch mit ähnlich jugendlichem Elan begabt, mit dem er 1940 in Marseille dem Freund seines Vaters vergebens Mut und Hoffnung zu machen versuchte: Der Krieg könne nicht mehr lange dauern . . . Nicht weit freilich vom Quartier des nachmaligen Botschafters bei den Vereinten Nationen und Mitverfassers der UN-Menschenrechts-Charta entfernt, nah an den Mauern des Cimétière Montparnasse, gibt es noch jenes Café, in dem der junge Résistance-Kämpfer Hessel im Juli 1944 von der Gestapo verhaftet worden war.

          Konstellationen, Zeit- und Echo-Räume, die nach über 70 Jahren Personen, ihre Geschichte, Orte und Bilder wie in einem Brennglas bündeln und den Resonanzboden bilden für die beiden Ausstellungen, die ihrerseits - auch bis zum ermäßigten Doppel-Ticket - einander Echo geben: zu „Walter Benjamin Archives“ im Jüdischen Museum im Marais auf der einen Seite, und zu der großen Gisèle-Freund-Ausstellung „l’oeil frontière - Paris 1933-1940“ auf der anderen, welche parallel die Fondation Pierre Bergé/ Yves Saint Laurent in deren Niederlassung zeigt, nahe der Tour Eiffel und den Ufern der Seine.

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