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Walker Evans’ Fotografien in Köln : Der nüchterne Blick schielt nicht auf die Museumswand

Die Bilder eines Handwerkers mit kühlem Blick: In Köln werden bisher kaum bekannte Werke des amerikanischen Fotografen Walker Evans gezeigt, nicht aber seine berühmten Bilder. Eine mutige Ausstellung.

          Es gibt Fotografien von Walker Evans, die man nie wieder vergisst. So tief haben sie sich in das Bewusstsein eingegraben, dass sie auch über Amerika hinaus längst zu einem Teil des kollektiven Bewusstseins geworden sind. Vor allem seine Aufnahmen aus der verarmten, ländlichen Region der amerikanischen Südstaaten zählen zu den Ikonen der Fotografiegeschichte: die Porträts der Farmerfamilien, die Innenansichten ihrer Hütten, die Dokumentationen der Holzkirchen und der kleinen Läden in den Dörfern sowie der Geschäftszeilen in den Kleinstädten. Die ganze Epoche der Depressionszeit ist in diesen Schwarzweißfotografien wie unter einem Brennglas gebündelt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Aber auch seine nüchternen Aufnahmen von Werkzeugen und afrikanischen Masken, die Bilder zerrissener Plakate und verrosteter Reklameschilder, seine Schnappschüsse der Arbeiter in Detroit auf ihrem Weg zur Fabrik und der ermatteten Fahrgäste in der U-Bahn von New York sichern ihm einen vorderen Platz in der Riege der besten und wichtigsten Fotografen.

          Nun zeigt die SK Stiftung in Köln die Ausstellung „Walker Evans. Decade by Decade“ mit mehr als zweihundert Fotografien aus der gesamten, mehr als fünfzig Jahre währenden Karriere dieses Fotokünstlers - von den Aufnahmen der Gladiolenzucht seines Vaters, die er als Jugendlicher aufgenommen hat, bis zu den Polaroids, mit denen er in den Siebzigern, fast am Ende seines Lebens, Markierungen auf Fahrbahnen in abstrakte Kompositionen verwandelt hat. Nur von seinen berühmten Bildern ist so gut wie keines zu sehen.

          Eine Geschichte des kleinbürgerlichen Amerikas

          Das ist mutig. Und wenngleich es viele Besucher enttäuschen wird, nichts wiederzuerkennen, entsteht hier doch das großartige Bild eines Fotografen jenseits seiner schnell genannten und viel gepriesenen Hauptwerke. Es entsteht das Bild eines Arbeiters, eines redlichen Handwerkers, der mit der Fotografie seinen Lebensunterhalt verdient hat und der keineswegs jedes Mal, wenn er auf den Auslöser drückte, schon nach der Museumswand schielte.

          Umso erstaunlicher ist es, dass die gezeigten Bilder fast allesamt aus einer Privatsammlung stammen. Clark und Joan Worswick haben sie im Laufe von Jahren bei dem Galeristen Harry Lunn, der über den Nachlass wachte, erworben. In kleinen Konvoluten. Immer wieder ein Päckchen. Ganz offenbar waren die beiden nicht vom Ehrgeiz des Kunstsammlers getrieben, eher, so gewinnt man den Eindruck, von akademischem Interesse.

          Die Präsentation gibt sich denn auch alle erdenkliche Mühe, diesem Ansatz gerecht zu werden. Illustrierte Bücher und aufgeschlagene Ausgaben von „Fortune“, dem Magazin, bei dem Evans über Jahre hinweg fest angestellt war, zeigen, für welche Zwecke die Bilder entstanden sind.

          Evans war ein distanzierter Beobachter. Nicht ohne soziales Verantwortungsbewusstsein. Aber eben kein Agitator. Den Schwachstellen und Missständen der Welt tritt er mit kühlem Blick entgegen, so wie er während eines Segeltörns über den Pazifik die Südseeschönheiten völlig leidenschaftslos porträtiert. Er vertraut, das belegen diese Bilder mehr noch als seine berühmten Aufnahmen, völlig der präzisen Abbildung der Kamera.

          Die Bilder sind klar strukturiert, der Blick ist meist frontal auf das Motiv gerichtet, fast möchte man sagen: stur. Als Evans um 1970 den Kollegen Robert Frank vor dessen Holzhaus in Nova Scotia porträtiert, gewissermaßen seinen fotografischen Erben, sieht das Bild kaum anders aus als die Fotos der Farmer vor ihren Hütten, fünfunddreißig Jahre zuvor fotografiert.

          Weniger die Neigung zu gewissen Motiven als Walker Evans’ Treue zu einer früh entwickelten Bildsprache wird deshalb jetzt zur Leitlinie durch die Präsentation. Wie in einer Erzählung, fast schon einem Epos, fügen sich die Bilder zu einer Geschichte des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Amerikas. Baustile und Einrichtungen verdeutlichen den Wechsel von der Armut während der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren zum Aufschwung in der Nachkriegszeit, und in den Straßenfotografien spiegeln sich wie nebenbei in der Kleidung der Passanten die Wechsel der Moden.

          Dazwischengesetzt sind Porträts befreundeter Künstler, gleichsam als Epochengesichter: von Berenice Abbott über James Agee, Carl van Vechten und Tennessee Williams bis Jack Heliker. Dass sich unter diesen Aufnahmen etliche Ikonen künftiger Betrachtungen befinden, dazu bedarf es keiner Hellseherei - nur eines leidenschaftlichen Blicks.

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