Home
http://www.faz.net/-gsa-74zly
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Walker Evans’ Fotografien in Köln Der nüchterne Blick schielt nicht auf die Museumswand

Die Bilder eines Handwerkers mit kühlem Blick: In Köln werden bisher kaum bekannte Werke des amerikanischen Fotografen Walker Evans gezeigt, nicht aber seine berühmten Bilder. Eine mutige Ausstellung.

Es gibt Fotografien von Walker Evans, die man nie wieder vergisst. So tief haben sie sich in das Bewusstsein eingegraben, dass sie auch über Amerika hinaus längst zu einem Teil des kollektiven Bewusstseins geworden sind. Vor allem seine Aufnahmen aus der verarmten, ländlichen Region der amerikanischen Südstaaten zählen zu den Ikonen der Fotografiegeschichte: die Porträts der Farmerfamilien, die Innenansichten ihrer Hütten, die Dokumentationen der Holzkirchen und der kleinen Läden in den Dörfern sowie der Geschäftszeilen in den Kleinstädten. Die ganze Epoche der Depressionszeit ist in diesen Schwarzweißfotografien wie unter einem Brennglas gebündelt.

Freddy Langer Folgen:  

Aber auch seine nüchternen Aufnahmen von Werkzeugen und afrikanischen Masken, die Bilder zerrissener Plakate und verrosteter Reklameschilder, seine Schnappschüsse der Arbeiter in Detroit auf ihrem Weg zur Fabrik und der ermatteten Fahrgäste in der U-Bahn von New York sichern ihm einen vorderen Platz in der Riege der besten und wichtigsten Fotografen.

Nun zeigt die SK Stiftung in Köln die Ausstellung „Walker Evans. Decade by Decade“ mit mehr als zweihundert Fotografien aus der gesamten, mehr als fünfzig Jahre währenden Karriere dieses Fotokünstlers - von den Aufnahmen der Gladiolenzucht seines Vaters, die er als Jugendlicher aufgenommen hat, bis zu den Polaroids, mit denen er in den Siebzigern, fast am Ende seines Lebens, Markierungen auf Fahrbahnen in abstrakte Kompositionen verwandelt hat. Nur von seinen berühmten Bildern ist so gut wie keines zu sehen.

Eine Geschichte des kleinbürgerlichen Amerikas

Das ist mutig. Und wenngleich es viele Besucher enttäuschen wird, nichts wiederzuerkennen, entsteht hier doch das großartige Bild eines Fotografen jenseits seiner schnell genannten und viel gepriesenen Hauptwerke. Es entsteht das Bild eines Arbeiters, eines redlichen Handwerkers, der mit der Fotografie seinen Lebensunterhalt verdient hat und der keineswegs jedes Mal, wenn er auf den Auslöser drückte, schon nach der Museumswand schielte.

Umso erstaunlicher ist es, dass die gezeigten Bilder fast allesamt aus einer Privatsammlung stammen. Clark und Joan Worswick haben sie im Laufe von Jahren bei dem Galeristen Harry Lunn, der über den Nachlass wachte, erworben. In kleinen Konvoluten. Immer wieder ein Päckchen. Ganz offenbar waren die beiden nicht vom Ehrgeiz des Kunstsammlers getrieben, eher, so gewinnt man den Eindruck, von akademischem Interesse.

Die Präsentation gibt sich denn auch alle erdenkliche Mühe, diesem Ansatz gerecht zu werden. Illustrierte Bücher und aufgeschlagene Ausgaben von „Fortune“, dem Magazin, bei dem Evans über Jahre hinweg fest angestellt war, zeigen, für welche Zwecke die Bilder entstanden sind.

Evans war ein distanzierter Beobachter. Nicht ohne soziales Verantwortungsbewusstsein. Aber eben kein Agitator. Den Schwachstellen und Missständen der Welt tritt er mit kühlem Blick entgegen, so wie er während eines Segeltörns über den Pazifik die Südseeschönheiten völlig leidenschaftslos porträtiert. Er vertraut, das belegen diese Bilder mehr noch als seine berühmten Aufnahmen, völlig der präzisen Abbildung der Kamera.

Die Bilder sind klar strukturiert, der Blick ist meist frontal auf das Motiv gerichtet, fast möchte man sagen: stur. Als Evans um 1970 den Kollegen Robert Frank vor dessen Holzhaus in Nova Scotia porträtiert, gewissermaßen seinen fotografischen Erben, sieht das Bild kaum anders aus als die Fotos der Farmer vor ihren Hütten, fünfunddreißig Jahre zuvor fotografiert.

Weniger die Neigung zu gewissen Motiven als Walker Evans’ Treue zu einer früh entwickelten Bildsprache wird deshalb jetzt zur Leitlinie durch die Präsentation. Wie in einer Erzählung, fast schon einem Epos, fügen sich die Bilder zu einer Geschichte des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Amerikas. Baustile und Einrichtungen verdeutlichen den Wechsel von der Armut während der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren zum Aufschwung in der Nachkriegszeit, und in den Straßenfotografien spiegeln sich wie nebenbei in der Kleidung der Passanten die Wechsel der Moden.

Dazwischengesetzt sind Porträts befreundeter Künstler, gleichsam als Epochengesichter: von Berenice Abbott über James Agee, Carl van Vechten und Tennessee Williams bis Jack Heliker. Dass sich unter diesen Aufnahmen etliche Ikonen künftiger Betrachtungen befinden, dazu bedarf es keiner Hellseherei - nur eines leidenschaftlichen Blicks.

Mehr zum Thema

Walker Evans - Decade by Decade, SK Stiftung Köln, Im Mediapark; bis zum 20.Januar 2013. Die Ausstellung wird danach von März bis Mai in der Landesgalerie Linz und von Juli bis September im Huis Marseille in Amsterdam zu sehen sein. Der Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet 49,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Auktion Kennedys Hochzeitsfotos versteigert

Als John F. Kennedy Jacqueline Bouvier heiratete, war es das größte gesellschaftliche Ereignis seiner Zeit. Nun wurden 13 Fotos des Hochzeitstages in einer Auktion verkauft. Mehr Von Christiane Heil, Los Angeles

15.10.2014, 16:58 Uhr | Gesellschaft
Als die Welt unterging

Die Bilder aus den Schützengräben in Frankreich und Belgien sind für den Ersten Weltkrieg ikonisch geworden. Dass der Krieg aber auch komisch sein konnte, zuweilen sogar seltsam friedlich aussah, zeigen Aufnahmen aus einer lange unveröffentlichten Privatsammlung. Mehr

01.08.2014, 07:38 Uhr | Politik
Iranische Zensur Glücklich sein ist verboten

Millionen Menschen auf der ganzen Welt tanzten zum Lied Happy von Pharrell Williams. Auch sechs Iraner. Sie wurden zu harten Strafen verurteilt. Mehr Von Mehmet Ata

15.10.2014, 14:49 Uhr | Politik
Trend: Unterwasser-Portraits für Brautpaare

Eine romantische Erinnerung der anderen Art bietet ein Fotostudio im chinesischen Shanghai: Brautpaare oder auch Schwangere können sich dort in einem Pool unter Wasser fotografieren lassen. Heraus kommen Bilder, in denen die Porträtierten zu schweben scheinen. Mehr

10.09.2014, 21:40 Uhr | Aktuell
Fotograf René Burri gestorben Den Moment zur Dauer verführen

Der Magnum-Fotograf René Burri Schweizer bereiste alle Kontinente und hielt fest, was den Augen der Welt sonst entgangen wäre. Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben. Mehr Von Swantje Karich

21.10.2014, 09:03 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.12.2012, 14:49 Uhr

Platinveredelt?

Von Felix-Emeric Tota

Die Plattenmillionäre sterben aus, die Musikindustrie hat den Blues. Der Mainstream verkauft sich zwar noch, meist aber nur für kleines Geld. Oder es wird gleich umsonst gehört. Schlechte Zeiten also für den Musikerwandschmuck in Platin. Mehr 1