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Veröffentlicht: 11.07.2016, 11:19 Uhr

Kunst in der Synagoge Stommeln Wer sich einen Tunnel gräbt

Mit Erde aufgeschüttet, in der sich Spuren von Kisten finden – und ein Loch: Der libanesische Künstler Walid Raad überrascht mit seiner Ausstellung zu Krise und Krieg in der Synagoge Stommeln.

von Georg Imdahl
© dpa Woher kommt, wohin führt dieser Schacht? Walid Raads Installation in der Synagoge Stommeln

Dr. Fadl Fakhouri hatte ein seltsames Hobby. Der angesehene Zeithistoriker mit dem Fachgebiet libanesischer Bürgerkrieg ging sonntags mit seinen Kollegen zum Galopprennen, setzte aber nicht etwa auf ein Pferd. Gewettet wurde darum, um welchen Bruchteil einer Sekunde das Foto des Zieleinlaufs ebendiesen Moment verpassen würde. In seinen persönlichen Unterlagen, die er dem Archiv der „Atlas Group“, einer Beiruter Forschergruppe, vermacht hatte, sammelte Fakhouri bis zu seinem Tod im Jahr 1993 akribisch, was ihm über seine Obsessionen auf der Rennbahn in die Hände fiel, darunter sieben Fotos aus der arabischsprachigen Tageszeitung „An-Hahar“: Die Bilder zeigen sämtliche Sieger eines Sonntags, als sie die Ziellinie fast erreicht - oder diese soeben überschritten haben. Den exakten Zeitpunkt verfehlen alle Aufnahmen. Dass ein renommierter Historiker nichts Besseres zu tun hat, als sich - mitten im Bürgerkrieg - in solche Banalitäten zu vertiefen, möchte einem doch zu denken geben. Oder?

Tatsächlich ist die Figur des Herrn Fakhouri ebenso frei erfunden wie die Atlas-Gruppe, beide sind künstlerische Projekte und Projektionen des 1967 geborenen Walid Raad. Der Libanese ist ein Kind des langen Bürgerkriegs, wegen der Vielzahl der Konflikte spricht er selbst im Plural von den libanesischen Bürgerkriegen von 1975 bis 1992. Raad zählt zu einer Riege von Künstlern, Filmemachern, Architekten und Autoren, die in den neunziger Jahren in Beirut begannen, sich intensiv mit den politischen Verwerfungen in ihrer Heimat auseinanderzusetzen - wie auch Rabih Mroué und Akram Zaatari. Alle drei haben mit reflektierten Arbeiten bei der Documenta und der Biennale in Venedig auf sich aufmerksam gemacht.

Flüchtlinge, Schmuggler, Gefangene

In fingierten, pseudo-dokumentarischen Beiträgen klopft Raad die fragliche Beweiskraft von Bildmaterial ab, mit dem jede Kriegspartei im Nahen Osten ihre eigene Wahrheit konstruiert. So hat er in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren ein Werk geschaffen, das heute als Exempel einer politisch-konzeptuellen Kunst gilt. Verbürgte Geschichte und persönliche Imagination lässt es ebenso ineinanderfließen wie individuelle und kollektive Erinnerungen.

Libanesischer Künstler schüttet Synagoge mit Erde auf © dpa Vergrößern Von außen vernagelt: Die Synagoge ist nur über die Empore zugänglich.

Als Jugendlicher hatte Raad Fotojournalist werden wollen, wurde dann aber 1982, nach dem Einmarsch israelischer Truppen, im Alter von fünfzehn Jahren von den Eltern nach New York geschickt. Dort schloss er die Schule ab und promovierte nach dem Studium über die Gefangenschaft westlicher Geiseln im Libanon während der achtziger Jahre. Sein künstlerisches OEuvre stützt sich auf Collage, Film oder auch auf die Lecture Performance, eine Vortragsform, die nicht zuletzt durch Raad in den vergangenen Jahren geprägt wurde. Umso erstaunlicher jetzt seine Intervention in der ehemaligen Synagoge in Stommeln bei Köln: Fakt und Fiktion führt Raad hier nicht als Kombination von Bild und Text oder in der freien Rede der Performance zusammen; in Kooperation mit dem New Yorker Situ Studio geht er für seine Verhältnisse auffallend naturalistisch vor - mit Holzbalken verbarrikadiert er die Fenster der Synagoge und verwandelt das Innere in eine funzelige Grabungsstätte, wozu er über zwanzig Kubikmeter Erdreich hat aufschütten lassen.

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Bereitwillig gibt Raad seine zahlreichen Assoziationen preis, die bei der Ausstellung gestanden haben: An den Tunnelbau der Hizbullah und die unterschiedlichsten Fluchtwege im kriegerischen Alltag des Nahen Ostens - oder auch im Ersten Weltkrieg - habe er ebenso gedacht wie an die unterirdischen Wegesysteme an der innerkoreanischen Demarkationslinie; der illegale Handel mit Antiken kam ihm ebenso in den Sinn wie das Phänomen „Looted Art“, die durch die Nationalsozialisten geplünderte Kunst. Die Ornamente, die sich in der aufgeschütteten Erde abgezeichnet haben, könnten von Kisten für archäologische Funde eingeprägt worden sein. Offenbar hat Raad seiner Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt. „Kartelle, Flüchtlinge, Dissidenten, Schmuggler, Gefangene, Besatzer und Besetzte“ seien ihm durch den Kopf gegangen, während seine Ausstellung im Rheinland Form annahm.

Ein halber Meter Unterwelt

Zuletzt hat Gregor Schneider die von der jüdischen Gemeinde schon vor den Pogromen im Jahr 1938 geräumte Synagoge hinter den Fassaden einer deutschen Kleinbürgerlichkeit verschwinden lassen. Nun zeigt sie sich als Metapher von Krise, Krieg, Misere und Machenschaft. Der vieldeutige, fraglos auch spielerische Charakter dieser Setzung muss alle überraschen, die ein eindeutiges Statement gegen die Politik Israels erwartet hätten. Tatsächlich käme es für ihn nicht in Frage, mit israelischen Einrichtungen zu kooperieren, gibt Raad zu verstehen. Aber es gebe ja auch arabische Juden, und auch sie besuchten ihre Synagogen.

Zugänglich ist das ehemalige Bethaus im Rheinland während Raads Ausstellung nur über die Empore. Die Vorspiegelung fraglicher Tatsachen gipfelt hier in einem Trompe l’œil: Ein Spiegel schließt den Schacht nach unten ab. Dieser führt am Fuß eines Flaschenzugs scheinbar in die Unterwelt, in Wahrheit aber kaum weiter als einen halben Meter in die Tiefe. Eine einfache, aber wirksame Täuschung, die wohl auch das wachsame Auge des Dr. Fakhouri kaum wahrgenommen hätte.

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