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„Vodou“-Ausstellung in Berlin Ohne Vampirpass ist das Leben verwirkt

09.06.2010 ·  Eine Berliner Ausstellung über haitianischen Vodou zeigt, wie die Greuel der Sklaverei in der kollektiven Erinnerung fortwirken. Bei aller faszinierenden Exotik zeigt die Schau auch die Nachtseite des Kults.

Von Hans Christoph Buch
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Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Schreibweise: Muss es nun Voodoo heißen oder Wodu, Vaudou, Vodun oder Vodou? Und was verbirgt sich hinter diesem ominösen Wort, über dessen Herkunft und exakte Bedeutung nicht mal unter Ethnologen Klarheit herrscht?

Der Vodou, sagte Rachel Beauvoir-Dominique bei der Ausstellungseröffnung im Ethnologischen Museum Dahlem, sei keine Religion, sondern Ausdruck des jahrhundertelangen Befreiungskampfs und Widerstandswillens des damals wie heute geknechteten Volks von Haiti. Die Tochter des Vodou-Priesters Max Beauvoir, im Katalog apostrophiert als „Leiter“ des Kults, so als gebe es im Vodou eine wie auch immer geartete Hierarchie, Rachel Beauvoir also ist Priesterin und Ethnologin: Sie weiß, wovon sie spricht, und ihr Plädoyer war so beredt, dass man die falschen Töne und fragwürdigen Thesen, die es enthielt, leicht überhören konnte. Auf welch wackligen Füßen die Behauptung steht, der Vodou sei keine Religion, zeigt sich, wenn man sie auf ein Land wie Polen überträgt, wo die katholische Kirche jahrhundertelang ein Hort der nationalen Identität und des Widerstands war: Daraus zu folgern, der Katholizismus sei keine Religion, ist logisch nicht stichhaltig.

In Haiti wird das besser nicht gezeigt

Die Doppelgesichtigkeit des Vodou, wie anderer Glaubenssysteme, wird deutlich, wenn man den Satz des jungen Marx, Religion sei Opium des Volks, in seinen Kontext zurückversetzt: „Das religiöse Elend ist Ausdruck des wirklichen Elends und Protestation gegen das wirkliche Elend, Seufzer der bedrängten Kreatur, Gemüt einer herzlosen Welt“, schrieb Marx in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Der haitianische Vodou war und ist all das zugleich, Ausdruck der Volksseele und Medium kollektiver Erinnerung, in der die Greuel der Sklaverei fortwirken und im Hegelschen Sinn „aufgehoben“ sind.

Nicht nur die Namen afrikanischer Götter, auch Rhythmen, Gesänge und Tänze kamen an Bord der Sklavenschiffe aus der Alten in die Neue Welt: Das kreolische Wort „ginin“ (Guinea) wurde zum Synonym für das Jenseits, in das die Seelen der Verstorbenen zurückkehren, und Badagri, eine Küstenstadt in Benin, wurde zum Beinamen des Kriegsgotts Ogun, so wie Oueddo an den Schlangentempel von Ouidah erinnert, einen Umschlagplatz des Sklavenhandels, wo man den Schöpfergott Dan, kreolisch Damballa Oueddo, noch heute verehrt. Auch der Zombie-Glaube hat hier seinen Ursprung: Zangbeto heißen in Benin, dem früheren Dahomey, die Geister der Nacht.

Die in Berlin gezeigten Exponate stammen aus dem Privatbesitz von Marianne Lehmann, einer Schweizerin, die seit 1957 in Port-au-Prince lebt und dort eine spektakuläre Sammlung geheimer Kultobjekte zusammengetragen hat, die zwar in Europa und den Vereinigten Staaten, aber nie in Haiti öffentlich ausgestellt worden sind. Das ist auch kaum möglich, denn tätliche Angriffe auf Vodou-Tempel und Priester – bis hin zu Brandstiftung und Lynchjustiz – sind hierzulande keine Seltenheit, und das nicht erst, seit der Fernsehprediger Pat Robertson dem Vodou die Schuld an dem verheerenden Erdbeben gab: Angeblich schlossen Haitis aufständische Sklaven 1791 einen Pakt mit Satan, um Frankreichs Kolonialherren zum Teufel zu jagen.

Keine Blutprobe vom Zombie

Früher waren es katholische Missionare, heute sind es evangelikale Eiferer, die den angeblichen Satanskult mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen, und der wachsende Druck, verstärkt durch Geldnot, Landflucht und zunehmende Verelendung, hat viele Vodou-Priester veranlasst, ihre wertvollen Kultobjekte zu verkaufen. Bevor die den Göttern geweihten Skulpturen und Statuen in ihr Haus einziehen, lässt Marianne Lehmann jedes Mal, vor den Augen der Anwohner, eine Zeremonie abhalten, denn Vodou sei der beste Schutz vor Dieben und Einbrechern.

Sie hat keine Angst vor den in die Objekte integrierten Totenköpfen oder den in Tonkrügen und Spiegeln eingeschlossenen Seelen Verstorbener: Aber als der Schweizer Pharmakonzern Sandoz sie bat, einem Zombie, also einem lebenden Toten, zu Forschungszwecken Blut abzuzapfen, war ihr das dann doch zu viel. Sie ist aber nicht abergläubisch und musste lachen, als die Zeitung „Listín Diario“ in Santo Domingo sie als Hexe outete unter der reißerischen Überschrift: „La misteriosa señora Lehmann“: Dass ihr mit Vodou-Objekten vollgestopftes Haus die Erdstöße unbeschädigt überstand, passte ins Bild.

Nachts auf Menschenfang

Genaugenommen gibt es keine Vodou-Kunst: Die Identität der Künstler wie auch Sinn und Zweck der Kultgegenstände sind in den meisten Fällen unbekannt, obwohl die Sammlerin sich an deren jeweilige Herkunft und die Umstände ihres Erwerbs erinnern kann – keine Kleinigkeit bei mehr als dreitausend Artefakten, von denen 350 in Berlin zu sehen sind. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, schwarzer und weißer Magie wird der Komplexität des Vodou nicht gerecht, denn die afrikanischen Götter sind launisch wie die der Griechen, mal gnädig, mal zornig gestimmt. Trotzdem ist es richtig, von der Nachtseite des Vodou zu sprechen, denn die in Berlin gezeigten Exponate sind den meisten Haitianern unbekannt.

Es sind Kultobjekte geheimer Gesellschaften, deren afrikanische Herkunft sich schon an den Namen verrät: Congo, Wangol (Angola) oder Bizango in Anlehnung an die Bissagos-Inseln in Guinea-Bissau, deren Einwohner als kriegerisch und grausam galten; andere Geheimgesellschaften wie Petro und Macaya sind nach Vodou-Priestern oder aufständischen Sklaven benannt. Ähnlich wie die Berserker oder Erinnyen geht das lichtscheue Gesindel nachts auf Menschenfang, und dem kreolischen Volksglauben nach hat sein Leben verwirkt, wer keinen Vampir- oder Werwolfpass vorweisen kann und die Frage „entrer ou sortir?“ mit „sortir“ beantwortet. „Entrer“ aber heißt, dass man mittun und den Verschwörern Opfer bringen muss.

Kein Ausdruck des Befreiungskampfes

Der Vorgabe entsprechend, ist die Ausstellung als Labyrinth konzipiert, in dem die Besucher Blicke erhaschen auf furchterregend kostümierte Gestalten und phantastisch ausstaffierte Figuren, mit Knochen und Schädeln drapierte Untote, die das Gegenteil von ästhetischem Wohlgefallen, nämlich Schock und Entsetzen erzeugen: Ein Schreckenskabinett, das Haitis kollektives Unbewusstes als Pandämonium sichtbar macht, mit Anleihen aus Katholizismus, Freimaurerei, asiatischer Mystik und indianischer Magie.

Die These, all das sei Ausdruck eines bis heute andauernden Befreiungskampfs, ist allzu weit hergeholt, denn die Geheimgesellschaften spielten zwar eine Rolle beim Ausbruch des Sklavenaufstands von 1791, aber der war untrennbar mit der französischen Revolution verknüpft, und die Führer des Unabhängigkeitskrieges haben den Vodou-Kult gnadenlos unterdrückt: Das gilt für Haitis Freiheitsheld Toussaint Louverture, der als Staatsgefangener Napoleons in Frankreich starb, wie für seine Nachfolger Dessalines und Christophe.

Umgekehrt benutzte Haitis schlimmster Despot, François Duvalier, die Nachtseite des Kults zur Einschüchterung und Terrorisierung der eigenen Bevölkerung: Papa Docs Miliz, die Tontons Macoutes, war vom Vorbild der SA, aber auch afrikanischer Männerbünde inspiriert, ähnlich wie die „Schimären“ seines Nachfolgers Aristide. So besehen, ist die Stilisierung des Vodou zu kreolischer Folklore und zu einer Klammer nationaler Identität Teil des Problems und nicht die Lösung, weil sie den Kult nur noch stärker mystifiziert.

Vodou. Kunst und Kult aus Haiti. Im ethnographischen Museum Dahlem in Berlin, bis 24. Oktober.

Quelle: F.A.Z.
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