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Vincent van Gogh als Autor Die Briefe sagen alles

10.03.2010 ·  Der Mythos des Malergenies Vincent van Gogh gründet sich auch auf seinen schriftlichen Nachlass. Denn zeitlebens hat er schreibend geordnet, was er später in seinen Gemälden schuf. Eine Londoner Ausstellung feiert van Gogh nun endlich auch als Autor.

Von Gina Thomas
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Am Anfang war die Schrift. Lange bevor Vincent van Gogh den späten Entschluss fasste, bildender Künstler zu werden, schuf er in seinen Briefen literarische Bilder: Mal sind es Landschaften, die er lebendig vor Augen führt, mal Kunstwerke, mit denen er sich auseinandersetzt. Schreiben und Zeichnen waren für ihn eng verknüpft - wie er denn überhaupt empfand, dass Bücher und Wirklichkeit und Kunst auf dasselbe hinausliefen. In einem der allerletzten Briefe an den Bruder Theo berichtet van Gogh von drei Bildern, „ungeheure, ausgestreckte Felder unter wolkigem Himmel“, in denen er seine „ganze Traurigkeit“ und „äußerste Einsamkeit“ artikulieren wollte. Diese Leinwände sagten, was er in Worten nicht auszudrücken vermöge.

Während seines Theologiestudiums in Amsterdam verriet van Gogh, er könne nicht umhin, beim Schreiben ab und an eine kleine Zeichnung zu machen. Aus Den Haag, wo er die mühsame Selbstausbildung zum Künstler fortsetzte, erzählte er Theo, wie ihn dessen kurze Schilderung von Paris bei Nacht beeindruckt habe. Van Gogh erkennt darin eine starke schöpferische Intelligenz und fragt, ob Theo wisse, „dass das Zeichnen mit Worten auch eine Kunst ist und mitunter eine schlummernde Kraft verrät, wie die blaue oder graue Rauchwolke das Feuer im Herd verrät“.

Neunhundert Briefe zeigen einen überaus kultivierten Geist

Die ausführliche Korrespondenz Vincent van Goghs zeugt nicht nur vom Mitteilungsbedürfnis des exaltierten Sonderlings. Beim Schreiben ordnet er auch die Fülle der Gedanken, die sich dann auf der Leinwand kristallisieren. Die Bedeutung der Briefe war Eingeweihten schon zu seinen Lebzeiten bewusst. Nach seinem Tode setzte sich nicht nur sein Bruder Theo für eine Edition ein. Der Maler Émile Bernard, dessen Schriftwechsel mit van Gogh zu den wichtigsten Quellen der modernen Kunstgeschichte gehört, war überzeugt, dass diese Dokumente beim breiteren Publikum Resonanz finden und somit zu van Goghs Anerkennung als Künstler beitragen würden. Es gebe nichts Eindringlicheres als seine Briefe, schrieb Bernard. Nach der Lektüre könne man weder die Aufrichtigkeit noch den Charakter, noch die Originalität in Frage stellen: Die Briefe sagten alles.

Bernard behielt recht. Der Mythos, der um van Gogh und seine Kunst entstanden ist, beruht vor allem auf diesen Schriftstücken, wobei sich die Allgemeinheit, nicht zuletzt dank Hollywood, eher auf den biographischen Leidensweg und das Bild des wahnsinnigen Genies fixiert hat als auf die Erhellung des Denkens und Schaffens eines zwar labilen, aber überaus kultivierten Geistes. Gerade diesen Aspekt sucht die sechsbändige, dreisprachige Ausgabe der Briefe hervorzuheben, die das Van Gogh Museum in Amsterdam zusammen mit dem auf Editionen von literarischem und historischem Quellenmaterial spezialisierten Huygens-Institut nach mehr als fünfzehnjähriger Arbeit abgeschlossen und auch im Internet in vorbildlicher Darbietung kostenlos zugänglich gemacht hat.

Zweihundert Skizzen geben den Blick in die Werkstatt frei

Die Herausgeber haben sämtliche überlieferten Briefe - es sind mehr als neunhundert - in vollständiger Form ohne Verbesserungen und redaktionelle Eingriffe neu transkribiert, ins Englische übertragen und mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat versehen. Kein Name, kein Datum, kein Buch oder Ort bleibt ohne Erläuterung. Alle erwähnten Kunstwerke, seien es Gemälde, an denen van Gogh arbeitete, oder Bilder von anderen Künstlern, liegen ebenso in Reproduktionen vor wie die weit über zweihundert Skizzen, mit denen van Gogh seine Briefe versah.

Die Londoner Royal Academy nimmt diese editorische Meisterleistung zum Anlass für einen frischen Blick auf den Künstler. Zur Einleitung werden vier Briefe in einer Vitrine vereint, die nicht nur demonstrieren, wie sich Schriftbild und Ausdrucksweise verändern, sondern auch einen Vorgeschmack der berührenden Mischung von alltäglichen, künstlerischen, praktischen und geistigen Anliegen geben, aus der dieses Vermächtnis seine nachhaltige Wirkung bezieht.

Der wahre van Gogh malte - und schrieb

Dennoch sind in dieser biographischen Werksbesichtigung einige Schätze zu bewundern, allen voran die Bildnisse der Familie des Postmeisters Joseph Roulin. Einen weiteren Höhepunkt bildet der Abschnitt „Kunst und Literatur“ mit dem Arrangement von Romanen seiner Lieblingsautoren wie Zola, Hugo und George Eliot. Darüber hängt das Buchstillleben „Romans Parisiens (Les livres Jaunes)“ und daneben das symbolträchtige „Stillleben mit geöffneter Bibel, gelöschter Kerze und Roman“. Ergreifend in dem kleinen Aushang über die Auseinandersetzung mit alter Kunst ist auch ebenjene Lithographie mit der „Pietà“ von Delacroix, die er, wie er dem Bruder traurig gestand, beschädigt habe, als er versucht habe, die Schwarzweißvorlage in Farben umzusetzen.

Van Goghs Briefe sind gelegentlich als sein zweites OEuvre bezeichnet worden. In „Der wahre van Gogh“ veranschaulicht die Gegenüberstellung einzelner Bilder mit den dazugehörenden Briefen jedoch, dass Malen und Schreiben für van Gogh zwei Seiten ein und derselben Medaille waren. Aufgrund des Andranges empfiehlt sich übrigens ein spätabendlicher Besuch der Ausstellung am Freitag oder Samstag.

Der wahre van Gogh. London, Royal Academy, bis zum 18. April. Der Katalog kostet 22,95 Pfund, die Edition „Vincent van Gogh: The Letters“ 325 Pfund.

Quelle: F.A.Z.
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