18.01.2008 · Als der Imperator Augustus noch Octavian hieß, lebte er schon in einer noblen Villa auf dem römischen Palatin. Hier ist das antike Rom lebendig wie nie seit den Tagen, da hier die Imperatoren bauten und freskierten, brannten und planierten, mordeten und gemordet wurden.
Von Dirk Schümer, RomDas klingt nach einem Hollywoodfilm, nach einem Videospiel ums Alte Rom oder gleich nach einem rührenden Humanistentraum - im Wohnzimmer von Augustus herumspazieren. Von März an wird genau dies wahr. Erstmals öffnet die römische Antikenverwaltung auf dem Palatin frisch restaurierte Privatgemächer des Imperators, der, immer im Gewand des Republikaners, das römische Weltreich eigentlich schuf und mit der bewaffneten pax romana zusammenhielt.
Wie so jemand wohnte? Bescheiden, auf gut zweihundert Quadratmetern, umgeben von bunten Fresken. Immerhin hatte er für Lektüre und Meditation ein winziges Studiolo mit (heute natürlich verbauter) Fernsicht zum Tiber. Wie ist dieser intime Fund möglich, da doch von so vielen Bauten der Nachfolger des Augustus nur mehr Ruinen existieren?
Mitten in der Millionenstadt Rom geht ein Pfad vom republikanischen Forum durch eine arkadische Parklandschaft hinauf auf den Palatin. Genau dort, das weiß man aus antiken Quellen, wohnte Octavian bereits vor der Machtübernahme und dem Augustus-Titel. Dort ließ er um die Zeitenwende seinem Schutzgott Apollon einen Tempel errichten, dort residierte er in standesgemäßen, wenn auch nicht überkandidelten Räumlichkeiten, nachdem er Kaiser geworden war.
Kam hier Cäsar zu Plausch und Wein?
Der Aufstieg des Patriziers zum Imperator verlief parallel mit dem architektonischen Wachsen des Hügels: Der Kaiser schüttete die alte Villa zu und baute sich mit Luxusblick auf Rom ein geistliches, politisches und privates Zentrum. Das war unser Glück: Seit den sechziger Jahren gruben Archäologen seine erste Residenz aus und fanden, was in Rom sonst nur in einer Villa unter der Kirche Giovanni e Paolo und im Römermuseum des Palazzo Massimo zu finden ist: mit Fresken geschmückte Wohnräume in menschlichem Maß. Kam hier Cäsar zu Plausch und Wein? Gab es eine intime Dichterlesung mit Horaz? Ließ Cicero Gemüse von seinem Gut in Tusculum vorbeibringen?
Anders als spätere Imperatoren, deren Größenwahn riesige Paläste schuf, bevorzugte Octavian/Augustus bürgerliche Maße - wie er seine Person ja überhaupt klug als Hausvater des Vaterlands und postrepublikanischer primus inter pares zu inszenieren verstand. Ein Cubiculum strahlt in der Größe eines deutschen Wohnzimmers in mediterranen Farben, wie wir sie sonst nur aus Pompeji kennen. Im Dreiklang aus Grün-Rot-Gelb sind dezent gemalte Friese freigestellt, Säulchen und Fruchtgirlanden lockern die Wand auf, die tonnengewölbte Decke ist zart stuckiert. Gar nicht genug kann man die Geduldsarbeit der römischen Archäologen loben, die viele der bunten Bilder aus Hunderttausenden von Bröckchen und Krümeln, auch mit Hilfe von Computern, wieder zusammensetzen und den belebten Eindruck schaffen konnten. Vor allem die Decken waren ja weggebrochen.
Wer hier wohnte, muss Maß und Stil gehabt haben
Wundervoll ist, immer fein abgegrenzt in geometrischen Linien und hingetuschten Tempelfronten, die Figurenmalerei wie die einer familiären Kulthandlung vor einer Götterstatue. An anderer Stelle gibt es eine Parade komisch-grimmiger Theatermasken, wieder woanders flattern Genien und Satyrn wie Kolibris. Wer hier wohnte, muss Maß und Stil gehabt haben, muss ein kultivierter Mensch gewesen sein. Von Personenkult keine Spur.
Die Wahl des Ortes war keineswegs zufällig. Das wissen wir erst seit kurzem: Pia Petrangeli, die für die Sicherungsarbeiten zuständige Architektin, zeigt auf ein grob zubetoniertes Loch in der Macchia des Palatins, keine zehn Meter hinter dem einstigen Patio der Augustusvilla. Hier ortete im November eine Sonde das Hypocaustum, welches die Römer als Grotte des Romulus und Remus, also als Gebärmutter ihrer Zivilisation, verehrten. Beziehungsreich hatte Augustus sich im mythischen Zentrum dessen plaziert, was dann als Weltreich um seine Person zu kreisen begann.
Sage noch jemand, die Antike sei tot und begraben
Während man noch Licht, Holzböden und Absperrungen für die Öffnung am 2. März vorbereitet, werden die Archäologen weiter graben. Drei hintere Räume der Augustusvilla, die bereits im Jubeljahr 2000 kurz geöffnet waren, bleiben deshalb dicht, während man den Ansturm auf die neuen Gemächer in Fünfergruppen nur mühsam durchs Gelände wird führen können. Wer sie sehen will, wird lange vorbestellen müssen. Doch so unglaublich das beim Blick über den kahlen Circus Maximus und das tausendfach umgegrabene Forum auch scheint: Genau hier liegt der derzeitige Schicksalsberg der Archäologie. Erst vor zwei Wochen hat man einen unterirdischen Verbindungsgang, einen Kryptoportikus aus der Zeit des Augustus voller Skulpturenfragmente, freigelegt: riesige Marmorflügel, Togagestalten, aber leider noch keine Datierungsmünzen. Nach der Literatur wurde zwischen diesen Säulen, die jetzt Tiefbauarbeiter abgesichern, am 14. Januar 51 Caligula ermordet. Sage da noch jemand, die Antike sei tot und begraben.
Natürlich haben auch spätere Kaiser in dieser Traumlage zwischen den imperialen Arbeitsplätzen Reitbahn und Kolosseum gebaut. Doch ist selbst vom ehrgeizigsten, dem Pyromanen Nero, nur das hybride Gartenhaus gegenüber auf dem Esquilin geblieben: die domus aurea. Dieses piranesische Labyrinth (ebenfalls nur wegen der Zuschüttung kurz nach seiner Vollendung erhalten geblieben), das 2006 nach Wassereinbrüchen geschlossen werden musste, kann die römische Antikenverwaltung momentan nicht einmal zur Hälfte öffnen. Hinten stützen Gerüste die maroden Gewölbe von Riesensälen; Speziallampen bestrahlen Stuck und Fresken, die von Feuchtigkeit zusehends angefressen und mit Grünalgen überzogen werden. Licht und Regen dringen durch Deckenlöcher, durch die sich einst Michelangelo und Winckelmann zu den Schätzen der Antike hinuntergelassen haben.
Über Jahrzehnte gesperrte Grabungen soll es nicht mehr geben
Es ist - im Übermaß immer spektakulärer Funde - ein Wettlauf gegen den Verfall, der vielleicht gar nicht zu gewinnen ist. Um auch hier das Publikum an den aufregenden Fund- und Rettungsarbeiten teilhaben zu lassen, wird ein neuer Eingangsstollen in den Hügel führen, wenn der vordere Teil der domus aurea wieder schließt. Über Jahrzehnte gesperrte Grabungen und Restaurierungen, das ist die neue Politik, soll es nicht mehr geben.
Als wäre das alles noch nicht genug, als würde das Museo Romano beim Bahnhof nicht bis Ende März zu allem Überfluss noch eine atemberaubende Schau mit römischen Wandmalereien aus dem Fundus von Pompeji und Neapel zeigen, haben am entgegengesetzten Ende des Forums, wo Mussolini nach 1930 ganze Häuserreihen für Schnellgrabungen abreißen ließ, im Oktober die neugestalteten Trajansmärkte aufgemacht. Rund um die heute freistehende Prunksäule des Imperators zog dieser Kaiser um 100 nach Christus ein pompöses Viertel mit Bibliothek, Tempeln, Riesenhallen und einem Markt hoch.
Auf den Sieben Hügeln wie im Tal der Könige
In den Geschäften, wo früher Fisch und Garum zum Himmel stanken, kann man nun die Funde der Grabungen zwischen 1991 und 2007 bewundern. Etwa ein klobiges Handfragment, Teil einer Kolossalstatue, die wohl den Genius der augustäischen Sippe darstellte. Als Stahlgerüst mit eingefügtem Bruchstück ist schon der Arm übermannsgroß. Ein sensationeller Fund reiht sich an den anderen: ein reizender Umzug von Putten aus dem Fries des Venus-Genitrix-Tempels, ein malerisch abgebrochener Bronzefuß einer Victoria, allerfeinst skulptierte Brustpanzer, eine lockige Jupitermaske ... Und anders als im alten Forum, wo man sich mit Jacob Burckhardt aus einem Kapitellstück einen ganzen Tempel im Geiste rekonstruieren muss, helfen hier Bildtafeln und vor allem Videofilme der Phantasie. So bekommt der ganze Komplex seine Originalgestalt wieder - und wird danach sogar elegant zur Ruinenlandschaft rückverwandelt, in der mittelalterliche Römer ihre Hütten bauten und Schafe weiden ließen.
Mit frischen, noch zu ergrabenden Funden wie dem Hypocaustum, dem Kryptoporticus, mit dem wundervollen Freskenpuzzle der Privatgemächer des Augustus, mit den Trajansmärkten, mit der bröckelnden domus aurea und mit dem ehrwürdigen Forum am Kapitol sowieso fühlt man sich auf den Sieben Hügeln wie im Tal der Könige. Die Archäologen erzählen, dass sie sich kaum mehr mit dem Auto über den von ihnen und bereits von den Römern ausgehöhlten Riesenkäse des Palatin trauen; der Boden könnte nachgeben. Doch das antike Rom ist dabei lebendig wie nie seit den Tagen, da hier die Imperatoren bauten und freskierten, brannten und planierten, mordeten und gemordet wurden.
Palatin
Dirk Sternberg (crescendo)
- 18.01.2008, 17:38 Uhr