23.07.2009 · Der technische Fortschritt hat die Welt entzaubert? Im Gegenteil - zwei Ausstellungen in London und München zeigen die phantastische Antikensehnsucht der viktorianischen Maler John William Waterhouse und Frederic Lord Leighton.
Von Julia VossWir haben uns daran gewöhnt, das neunzehnte Jahrhundert als die Epoche der nachhaltigen Weltentzauberung zu betrachten, als die Zeit, in der Dampfmaschine, Industrialisierung und Elektrizität die Feen, Nymphen und Naturgeister vertrieben und angeblich jeden Glauben an eine übersinnliche Realität unmöglich machten. Dass in der englischen Kunst jedoch die Feen, Nymphen und Naturgeister in derselben Zeit überhandnehmen, wird mit Dialektik wegerklärt: Im Zentrum der Modernisierung, heißt es dann, sei eben die Sehnsucht besonders stark gewesen. Während draußen die Fabrikschlote qualmten, verschanzte sich demnach das Bürgertum hinter einer romantischen Kulisse, die die viktorianische Kunst bemalte. Eines ist an dieser Erklärung allerdings merkwürdig: Wenn wir ins Frankreich derselben Zeit blicken, werden wir vor allem auf Künstler treffen, die Bahnhöfe, Boulevards, Cafés und andere städtische Szenen malten. Konnten die Franzosen der Moderne besser ins Gesicht sehen? Haben ausgerechnet die Engländer Wissenschaft und Industrialisierung schlechter vertragen?
Die Royal Academy of Arts in London zeigt zurzeit die umfangreichste Ausstellung des viktorianischen Malers John William Waterhouse - und diese Ausstellung stellt die These der Entzauberung ganz anschaulich auf den Kopf. Er, der Unbekannte unter den viktorianischen Malern, dessen Nachlass verschollen ist, malte fast ausschließlich mythologische Szenen: von Meerjungfrauen über Wassernymphen bis hin zu geflügelten Sirenen. Über die Ausgeburten von Waterhouse urteilten die Kritiker mal euphorisch, mal vernichtend. Ein Kritiker maulte, das Personal seiner Bilder entstamme weder „Träumen noch dem Tageslicht“; ein anderer schwärmte, die Kunst von Waterhouse lebe „in einer selbsterschaffenen Welt“. In einem Punkt waren sich also alle einig: Der 1847 in Rom geborene Maler hatte eine Welt geschaffen, die sich weder dem Phantastischen noch der Wirklichkeit zuordnen ließ. In seiner Malerei erhielten Hexen, Mischwesen und Märchenfiguren ein neues Zuhause. Er war ein Meister darin, dem Außerordentlichen eine beiläufige, selbstverständliche Gestalt zu geben. Ebendiesen Willen zur Wirklichkeit sollte man ernst nehmen. Aus irgendeinem Grund nämlich schien Waterhouse und vielen seiner Zeitgenossen das Phantastische im modernen England näher, realer als zuvor. Jedes seiner Gemälde stritt für einen erweiterten Möglichkeitssinn, dessen Fundament mit dem Fortschritt von Technik und Wissenschaft gelegt worden war.
Das Übersinnliche im Alltäglichen
Der Trick, mit dem Waterhouse seinen Gestalten Wirklichkeit verlieh, funktioniert zunächst auf einer malerischen Ebene, die der Besucher in den Räumen der Royal Academy auch heute noch abschreiten kann: Vierzig Gemälde versammelt die Ausstellung, und es lohnt sich, zunächst einen Blick auf die Tiere zu werfen, mit denen der Künstler seine mythologischen Szenen bevölkerte. Es sind die gewöhnlichsten aller Tiere in der Moderne: die Tauben. Dieselben Vögel, die gurrend, pickend und streitend die Großstädte bewohnen, gibt der Maler seinem Frühwerk „Die Säulenhalle“ von 1874 bei, in dem ein Mädchen in antiker Tracht Tauben füttert. Tauben füttert auch der jugendliche römische Kaiser Honorius auf einem Bild von 1883. Tauben haben sich am Fußende der liegenden Dame in „Dolce Far Niente“ von 1880 niedergelassen, und Tauben sind es schließlich, die 1885 durch den Schnee hüpfen, in dem der ausgestreckte Leichnam der heiligen Eulalia liegt, die als Märtyrerin starb. Nach der Legende stieg ihre Seele als weiße Taube in den Himmel. Waterhouse macht aus der einzelnen Taube einen verstreuten Schwarm, aus der weißen eine graue Stadttaube. Das Prinzip, das Übersinnliche im Alltäglichen zu erden, dem Tragischen das Beiläufige zur Seite zu stellen und dem Erhabenen das Komische, zieht sich leitmotivisch durch: der Jüngling, den er 1896 zu den Wassernymphen schickt, droht ungelenk in den Teich zu fallen, Jason sitzt 1907 ebenso scheu wie eckig in seiner Rüstung neben Medea.
Es ist nicht bekannt, in welchen Zirkeln Waterhouse in London verkehrte. Der Blick für das Alltägliche in Antike und Mythos macht jedoch wahrscheinlich, dass er das Werk von Lawrence Alma-Tadema kannte, dem Niederländer, der sich 1870 in der englischen Hauptstadt niederließ und als Erster im großen Stil die Sklaven, Diener oder Marktfrauen der Antike ins Bild setzte.
Ein moderner Präraffaelit
Waterhouse selbst war der Sohn eines englischen Künstlerehepaars, das sich - nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Rom - mit dem fünfjährigen Sohn im Londoner Stadtteil Kensington niederließ. Zwei seiner Brüder starben an Tuberkulose, 1860 erlag die Mutter derselben Krankheit. John William wurde auf eine Schule in Leeds geschickt, nach dem Schulabschluss führte erst der Vater den Sohn in das Handwerk des Malens sein, es folgte ein Studium an der Royal Academy - der Erfolg kam rasch: Waterhouse verkaufte seine Bilder bis nach Australien, auf den Weltausstellungen in Paris, Chicago und Brüssel gewann er Medaillen, die Royal Academy ernannte ihn zum Mitglied, er reiste nach Italien, besuchte Pompeji, wurde als moderner Präraffaelit gepriesen, und Henry Tate kaufte 1895 das Bildnis der heiligen Cecilia, das im Übrigen bis heute die bestverkaufte Postkarte der Tate Britain ist. Eine für 1917 geplante Retrospektive, das Jahr, als Waterhouse starb, wurde durch den Ersten Weltkrieg vereitelt.
Die Begeisterung für seine Kunst verdankte sich der Antikensehnsucht der Viktorianer, in die auch eine Ausstellung in der Münchner Villa Stuck derzeit ein kleines Fenster öffnet: Es war der Maler und Bildhauer Frederic Leighton, der sich in seiner Eigenschaft als Akademiepräsident dafür einsetzte, dass die National Gallery of Victoria im australischen Melbourne mehrere Gemälde von Waterhouse ankaufte. Zu Gast in München sind einige der Gemälde Leightons, in denen dieser die Antike in Szene setzte. Auch er schuf sich eine eigene Welt, wenn auch mit konventionelleren Mitteln als Waterhouse: Leighton, der Kosmopolit und Dandy, der in Italien und am Frankfurter Städel Kunst und Kunstgeschichte studiert hatte, baute sich 1866 in London ein Künstlerhaus, das 1877 um die berühmte „Arab Hall“ erweitert wurde. Er, der Maler der flatternden, fließenden und glühenden Gewänder der Antike, wurde zum Star des dekorwütigen neoklassizistischen Englands.
Neue Mythen der Moderne
Doch auch wenn die Antike in der Kunst des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts allgegenwärtig war, stach Waterhouse mit seinen Bildern heraus. Unter den wenigen Dokumenten, die sich zu Waterhouse erhalten haben, erwähnt der Katalog einen Artikel aus dem Jahr 1908, der Waterhouse zum Okkultisten und Spiritisten erklärt. Waterhouse lebte nämlich nicht nur im Zentrum des technischen Fortschritts, sondern auch in einer der Hauptstädte von Spiritismus und Okkultismus, Phänomenen, die nicht gegen das wissenschaftliche Weltbild, sondern in dessen Schlepptau eingezogen waren. Elektrizität und Fotografie hatten den Glauben an unsichtbare Kräfte bestärkt und die Hoffnung genährt, dass man bald in Kontakt mit höheren Sphären treten könne; die Erforschung der Tiefenzeit, die infolge von Charles Darwins Evolutionstheorie in Gang gesetzt worden war, holte gleichzeitig die Mischwesen aus Mensch und Tier, von denen zuvor die Sagen berichteten, in den Raum des Möglichen zurück. Die moderne Wissenschaft hatte die Welt zu einem Steinbruch gemacht, in dessen Schichten neue Mythen wie Gold funkelten. Sie gaben dem Unsichtbaren ein Zuhause, den Kräften im Verborgenen und einer vergangenen Welt, in der das Tier noch nicht vom Menschen geschieden war. Waterhouse mit seinen detailversessenen Darstellungen war kein entrückter Romantiker. Er war der Protokollant der Moderne.