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Vergessene Künstlerinnen : Berlin ist die Hauptstadt der Graswurzelbewegung

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Das gilt auch in der Kunst: Die Berliner Inselgalerie entdeckt Malerinnen, deren Werke man selten im Museum findet. Damit korrigiert sie unrechtmäßige Leerstellen in der Kunstgeschichte.

          Graswurzelbewegung? Gibt es so etwas in der Kunstgeschichte? Ja, gibt es. Wenn es um Kunst geht, ist so häufig von Rekordpreisen, Auktionen, Starkünstlern, Blockbuster-Ausstellungen und luxuriösen Museumsbauten die Rede, dass es still um die geworden ist, die es schließlich auch noch gibt: Menschen, die weder reich noch mächtig sind und die Kunst brauchen, lieben, für sie leben und arbeiten. Sie sind Enthusiasten, Detektive, Kunsthistoriker und Kunstkritiker in einer Person. Sie recherchieren die Biographien von Künstlerinnen oder Künstlern, deren Namen fast niemand kennt, und sie suchen Werke, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind. Kunst als Geldanlage? Davon lesen die Anhänger solcher Graswurzelbewegungen nur in der Zeitung; sie sind froh, wenn sie einen Zuschuss erhalten, um einen Raum mieten oder einen Flyer drucken zu können.

          Was ist das für Kunst, für die sich solche Menschen interessieren? Zum Beispiel das Gemälde „Mutter und Kind“ von Käthe Münzer-Neumann. Gemalt wurde es 1944 in Paris, wohin die jüdische Malerin 1933 vor den Nationalsozialisten floh. Beendet wurde damit eine erfolgreiche Karriere: Käthe Münzer-Neumann, geboren 1877, erhielt ihre Ausbildung an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen, sie zeichnete für die „Lustigen Blätter“ und „Die Jugend“, sie nahm später an den Ausstellungen der Berliner Secession teil und engagierte sich für die Rechte von Künstlerinnen - bis 1933.

          Wie gern würde man mehr über das Bild wissen: Mutter und Kind, das ist ein vertrautes Genre der Kunstgeschichte, aber diese Mutter trägt Witwentracht, wie sie bis ins neunzehnte Jahrhundert üblich war, und es ist ein Zeichen, das den Betrachter sofort um beide bangen lässt. An der Brust der Mutter wurde der gelbe Stern angeheftet, sie ist als Jüdin gekennzeichnet. Mit klopfendem Herzen liest man im Ausstellungsflyer nach, was aus Käthe Münzer-Neumann geworden ist. Zum Glück: Sie überlebte im Untergrund, nach 1945 stellte sie regelmäßig in Frankreich aus, bis sie 1959 starb und danach in Vergessenheit geriet.

          Zu Unrecht verborgen

          Nun hängt das rätselhafte Bild in der Torstraße 207 in Berlin, als Teil der Ausstellung „Wieder im Licht. Geehrt, ausgegrenzt, wiederentdeckt“. Organisiert hat die Schau die Berliner Fraueninitiative Xanthippe e.V., die vor zwanzig Jahren gegründet wurde. Auch die Inselgalerie, die ebenfalls seit zwanzig Jahren besteht, stellte immer wieder Künstlerinnen aus. Zu entdecken gibt es in der Berliner Ausstellung noch mehr: Etwa Oda Hardt-Röslers (1880 bis 1965) „Kind aus der Nachodstraße“ von 1929 oder Augusta von Zitzewitzs „Selbstporträt“ von 1910. „Natürlich“, heißt es im Informationsblatt zur Ausstellung, „können wir keine künstlerische Entwicklung der einzelnen Frauen bieten“. Zu klein sind die Räumlichkeiten, zu gering die Finanzierung, zu verstreut die Nachlässe. Und darum darf, wer die Ausstellung besucht, diese auch nicht an einer Museumsschau messen.

          Berlin ist die Hauptstadt der kunsthistorischen Graswurzelbewegungen. Das „Verborgene Museum“ in der Schlüterstraße, 1986 gegründet, feierte vor drei Jahren einen der aufsehenerregendsten Erfolge: Die Neue Nationalgalerie kaufte ein Hauptwerk der Malerin Lotte Laserstein, seitdem sind die Preise auf Auktionen in die Höhe geschnellt. Wer die Künstlerin zuerst ausstellte? Das „Verborgene Museum“, den Katalog und das Werkverzeichnis schrieb die Kunsthistorikerin Anna-Carola Krausse, das Buch war sofort vergriffen.

          Eines machen diese kunsthistorischen Graswurzelbewegungen deutlich: Wenn Museumsdirektoren heute sagen, in der Kunstgeschichte habe es so wenige Frauen gegeben, dann heißt das nur, dass sie sich nicht dafür interessieren.

          Wieder im Licht. Bis 25. Mai in der Inselgalerie Berlin. Kein Katalog.

          Quelle: F.A.Z.

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