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Venedig zeigt Piranesi Diese Winzlinge sind wir selbst

01.09.2010 ·  Ausgräber unserer Albträume, Schöpfer toller Nutzlosigkeiten: Venedig feiert Giambattista Piranesi als Architekten, Designer und Zeichner. Man bestaunt der Glanz einer schwarzen Seele.

Von Dirk Schümer
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Wer war Giambattista Piranesi? Eine spektakuläre Ausstellung der Fondazione Cini feiert den Künstler, der im achtzehnten Jahrhundert aus dem Rom der Antike eine Welt imaginärer Räume schuf, als „Architekt, Kupferstecher, Kunsthändler, Vedutist und Designer“. Die Stiche, auf denen dieser seltsam konturlose Tausendsassa in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Sehenswürdigkeiten der Ewigen Stadt in Papier meißelte und so einem Massenpublikum zugänglich machte, sind fast noch bekannter als seine erratischen „Carceri“.

Diese immer wieder überarbeitete Serie finsterer und unterirdischer Kerkerlandschaften türmte die beunruhigendsten Visionen der Kunstgeschichte auf und konnte aus der „schwarzen Seele Piranesis“ (Marguerite Yourcenar) niemals befriedigend gedeutet werden. Anstatt nutzlos über die Beweggründe und die Mentalität dieses rückwärtsgewandten Sonderlings im Zeitalter Fortschritts zu räsonieren, konfrontieren uns die Ausstellungsmacher direkter denn je mit dem Werk Piranesis. Denn nur er selbst kann uns die Antwort geben.

Eingenistet im Schatzhaus der abendländischen Überlieferung

Auf den ersten und oberflächlichsten Blick bietet das oft vergilbte Schwarzweiß alter Stiche keine Augenweide für eine Ausstellung, doch in den abgedunkelten Räumen auf der Isola di San Giorgio erweist sich die Verachtung für Kunstwerke im Stadium ihrer technischen Reproduzierbarkeit als Missverständnis. Die rauhe Oberfläche der Drucke, das zuweilen gelöcherte Papier hat man sorgsam restauriert und geglättet, das Dunkelgrau von Piranesis architektonischen Labyrinthen bekommt dabei ungeahnte Textur, eine geradezu atemberaubende Farbigkeit des Dämmerlichts. Welche wuchernde Phantasie muss den Künstler getrieben haben, der in seiner Vaterstadt Venedig außer in der Werkstatt Tiepolos keine besondere Anregung erhalten hatte.

1727 geht er endgültig nach Rom, das er nie wieder verlassen wird, und richtet sich im Schatzhaus der abendländischen Überlieferung ein wie ein Parasit im Wirtstier. Quasi bruchlos entstehen architektonische Capricci, die jede lästige Wirklichkeit abschütteln. Übermooste Trümmer türmen sich ohne statischen Halt übereinander, Schlangen und Echsen kriechen unter Bruchstücken von Sarkophagen hervor, Wurzeln zersprengen Kapitelle und Bodenfließen, während von den Rändern solcher Blätter der Irrsinn sich lächelnd nähert: Palastfassaden zerschmelzen, himmelhohe Türmchen wanken im Hintergrund, eine Malerpalette wächst aus dem Boden, merkwürdiger Nebel bewölkt das Ruinenfeld, das hier im Innern des Künstlers Gestalt annahm.

Die Hinterlassenschaften der Imperatoren

Denn wir müssen bei aller Genauigkeit im Detail und trotz mancher epigraphischen Kopie aus altrömischen Inschriften von reinen Seelenlandschaften sprechen. Piranesi gestaltet unter der Maske eines Altertumsforschers und Archäologen das Lebensgefühl von Zwergen im Riesenland einer lange schon untergegangen Kultur.

Seine Grablegen imaginärer römischer Kaiser, seine ausgedachten Tempelanlagen mit heidnischen Opfern geraten Piranesi zu Riesenraumfluchten ohne Ende. Mittelalterliche Menschen mögen sich in den Trümmern Roms wie Insekten gefühlt haben, doch ausgerechnet im Zeitalter einer wieder erstarkten Ingenieurskunst übersteigert dieser Sammelwütige die Hinterlassenschaften der Imperatoren ins Gigantomanische: Rom wird Metropolis, wenn stecknadelkopfgroße Figürchen sich auf Monumentaltreppen fast in den Fugen verlieren, wenn Tempelfronten und Palastvestibüle nur noch in Kilometern von Fluchtlinien zu messen sind. Ob Albert Speer, ob Hitler sich für ihren Größenwahn an solchen Phantasmen berauschten?

Unsere Wahrnehmung der großartigsten aller Städte

Piranesi brauchte keine Angst zu haben, dass jemand seine Nostalgieforen nachbaute. Als Architekt bekam er ohnehin nur einen einzigen Auftrag für die heute kaum beachtete Malteserkirche Santa Maria del Priorato auf dem Aventin – ein in den manieristischen Details verspielte, sonst aber ziemlich brave Barockkirche. Und so wurde der antikenverrückte Stöberer, der ganze Ruinenstadtpläne mit dem Griffel zeichnete, zum beliebten Vermarkter einer touristischen Sicht auf Rom, die unsere Wahrnehmung der großartigsten aller Städte bis heute prägt. In kluger Mimesis konfrontiert die Schau Dutzende von Piranesis Veduten der großen Basiliken, der Tempelreste, der Foren mit statuarischen Schwarzweißfotos von Gabriele Basilico.

Die Fotovorläufer, die gestochenen Ansichten antiker Herrlichkeiten, passten schon damals in jede Reisetasche der Grand-Touristen. Weiteres Geld verdiente Piranesi im fidelen Milieu von Antiquaren, britischen Kunsthändlern, Kirchenräubern, Jungarchitekten und Fälschern mit erlesen-unmöglichem Design für Interieurs. Von seinen überbordenden Kaminen im etruskischen Maskenstil, eigentlich wie geschaffen für englische Landhäuser, wurden seinerzeit nur zwei verwirklicht; wahrscheinlich waren sie selbst für die betuchte Gentry zu aufwendig.

Eine Teekanne aus Muschelschalen, die auf einer Schildkröte balanciert

Ebenso wenig wie manche unter Ziselierungen begrabene Uhr oder ein metallgedrechselter Dreifuß schaffte es auch eine phantastische Riesenteekanne jemals aus Piranesis kapriziösem Geist in die Wirklichkeit. Und hier wird die Ausstellung bei aller philologischen Sachkunde zur Sensation: Der in Madrid lebende Brite Adam Lowe hat einige Artefakte Piranesis tatsächlich exakt nachgeschaffen, allen voran besagte Teekanne aus Muschelschalen, die auf einer Schildkröte balanciert, Schnecken an der Deckelspitze trägt und durch den Rüssel einer pummligen Riesenbiene ausschenkt. Auch ein Dreifuß mit Widderköpfen, Phönixschnäbeln und in sich gewundenen Tierhörnern steht nun leibhaftig in der Schau (und hinterher sogar für Liebhaber zum Verkauf).

Piranesi wäre gewiss ein glücklicher Mann, könnte er erleben, dass einige seiner gewagtesten Stücke tatsächlich statisch und handwerklich funktionieren. Er selbst verlor sich in einem Zeitalter, das wir heutigen eben als aufgeklärtes und optimistisches mindestens zur Hälfte missverstehen, in immer tieferen Abgründen der Vorgeschichte. Aus wenigen Funden und den römischen Obelisken imaginierte er das Totenreich der Pharaonen und wurde nebenbei durch seine Hieroglyphen-Abschriften zu einem der Vorväter der Ägyptologie. Und als traue er untergegangenen Despotien in deren Ruinenstaub eher denn künftigen Herrschaftsformen, schuf Piranesi in immer neuen Schraffuren und Raumvisionen seine „Carceri“.

Begehbar wie einen Albtraum

Offen muss bleiben, in welchen Despotien der Künstler seine ausweglosen Verliese, seine verschachtelten Treppen, Brunnenschächte und Zugmaschinen überhaupt ansiedelt. Je länger man die Winzlinge studiert, die nibelheimhaft durch die Kerker hasten oder auf gigantischen Streckbänken gefoltert werden, desto kühler wird einem. Kurz vor der Erfindung von Todesmaschinen wie der Guillotine und lange vor den Konzentrationslagern und Gulags hat hier einer im stillen Kämmerlein die grauenvollen Effizienzfortschritte der Moderne zu Ende gedacht: Das menschliche Leben als penibel durchdachte Pein ohne Ausweg, ohne Lichtblick, ohne Zukunft.

Und auch hier setzt Lowes Faksimilekunst noch einen unerhörten Akzent: Eine Computeranimation, projiziert auf die Kuppel eines Minikerkers, macht zwei Stiche der „Carceri“ mit ihren Nebenkammern, Raumfluchten, Schächten begehbar wie einen Albtraum, untermalt von Bachs tief melancholischen Cellosuiten. Immer neue Winkel unmöglicher Räume werden plötzlich sichtbar und entführen den Betrachter in einen finalen optischen Irrgarten. Atemlos entlässt einen die tiefschwarze Prophezeiung dieses Jahrhundertkünstlers in die Schwüle der Lagune. Und man ahnt: Diese insektenhaften Winzlinge, die auf den besten Stichen Piranesis durch das Trümmerfeld ihrer Kultur stolpern – das sind wir selbst.

Mostra Le arti di Piranesi. Bis zum 21. November auf der Isola di San Giorgio, Venedig. Der Katalog kostet 28 Euro

Quelle: F.A.Z.
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