20.11.2009 · Es ist einer latent frauenfeindlichen Kunstgeschichtsschreibung geschuldet, dass Jeanne-Claude auf die Rolle einer Pressesprecherin, Organisatorin oder bestenfalls „Muse“ des stillen Genies Christo reduziert wurde. Dabei war die Arbeitsverteilung des Paares vollkommen symbiotisch. Ein Nachruf.
Von Niklas MaakIhre Geschichte liest sich wie ein modernes Märchen: Jeanne-Claude Denat de Guillebon, geboren 1935 in Casablanca, Adoptivtochter des reichen Pariser Generals Jacques de Guillebon, traf im Oktober 1958 im Haus ihrer Eltern auf einen völlig verarmten bulgarischen Maler, der das Porträt ihrer Mutter Précilda anfertigen sollte. Der Maler hieß Christo Vladimirov Javacheff und hatte seltsamerweise am gleichen Tag wie Jeanne-Claude, am 13. Juni 1935 Geburtstag. Was dann passierte, muss alle Schreiber von Vorabendserien vor Neid erblassen lassen: Christo und Jeanne-Claudes Schwester Joyce wurden ein Paar, Jeanne-Claude heiratete standesgemäß ihren Freund Philippe Planchon, wurde aber von Christo schwanger, die Familie war empört und wollte die Tochter verstoßen - was das heimliche Paar auf eine Weise zusammenschweißte, die bis zu Jeanne-Claudes Tod hielt.
Es ist einer latent misogynen Kunstgeschichtsschreibung geschuldet, dass - anders als bei Künstlerduos wie Jake und Dinos Chapman oder Gilbert und George - Jeanne-Claude auf die Rolle einer Pressesprecherin, Organisatorin oder bestenfalls „Muse“ des stillen Genies Christo reduziert wurde. Abgesehen davon, dass die Öffentlichkeitsarbeit - die Fähigkeit, Behörden, Politiker, Bürokraten zu überzeugen, eine Brücke, eine Insel oder ein Parlament zu verpacken - bei Jeanne-Claude und Christo zum Teil des Kunstwerks gehörte, sah die Arbeitsverteilung des Paares anders aus als oft dargestellt, nämlich vollkommen symbiotisch.
Als könne es davonfliegen
1962 stapelte das Paar in der schmalen Pariser Rue Visconti Ölfässer auf, was als Kommentar auf den Berliner Mauerbau gelesen wurde, aber rückblickend eher wirkt wie eine Hommage an die Pariser Barrikaden der Commune, die ja sechs Jahre später wieder auftauchten bei dem Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, in dem man die gängigen Wege verstopft. Danach folgten die landgreifenden Arbeiten, die dem Paar die Bezeichnung „Verhüllungskünstlern einbrachten und die 1995 - nachdem eine erbitterte Bundestagsdebatte, in der sich trotz des erbitterten Widerstands von Wolfgang Schäuble eine Mehrheit für die Aktion fand - in der Verhüllung des Berliner Reichstags mit hunderttausend Quadratmetern aluminiumbedampftem Polypropylengewebe gipfelte. Selten sah ein Berliner Gebäude so strahlend und gut aus - als könne es Abendkleider tragen oder einfach davonfliegen. Aus dem eher finsteren Wallotbau wurde etwas, das wie ein Naturereignis aussah, ein schimmernder Felsen mitten in der Stadt.
Fünf Millionen Besucher kamen, und hier sah man am deutlichsten, warum Christos und Jeanne-Claudes Kunst nicht nur Land Art in dem Sinne ist, dass sie ganze Landstriche skulptural überformt und so das Verhältnis von Natur und Kultur in Szene setzt, sondern tatsächlich auch politisch wirkt: Vor und in den Werken entstehen Idealgemeinschaften von Neugierigen auf Zeit, utopische Gegenöffentlichkeiten, Menschentrauben hockten auf der Wiese vor dem Reichstag, als sei man auf einem Rockfestival. Die Verhüllungen waren immer auch Enthüllungen: man sieht die Orte, die Formen, das was dort geschieht oder geschehen könnte, bewusster, wenn Christo und Jeanne-Claude da waren - ob das nun der 40 Kilometer lange „Running Fence“ war, der auf der Spur der Siedler durch Kalifornien westwärts in den Pazifik lief oder der 1985 verhüllte Pariser Pont Neuf.
Es gehört zum Wesen dieser Kunst, dass sie temporär ist und dass jeder sie erleben kann: Christo und Jeanne-Claude machten Ernst mit dem Versprechen des Pop, dass Kunst mehr ein Erlebnis als Sammelgegenstand sei, dass sie nicht als Mobiliar des Kulturreservats Museum, sondern in der Welt ihre verändernde Kraft entfalten müsse.
Jetzt ist Jeanne-Claude in New York an einer Hirnblutung gestorben. Sie wurde 74 Jahre alt.
Von jetzt an
Jitzak Tanenbaum (tanenbaum)
- 20.11.2009, 00:15 Uhr