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Archäologie unter Wasser : Tauchgang in die Römerzeit

Unweit der libyschen Küste aus dem Meer geholt: Amphore von der Fundstelle Pantelleria Salvo Emma. Bild: Soprintendenza del Mare Palermo

Dem Meer entrissen: Eine Bonner Ausstellung zeigt, was die Unterwasserarchäologie alles rund um Sizilien zutage gefördert hat. Dabei sind die 1500 Wracks, die dort gefunden wurden, noch lange nicht ausgewertet.

          Die Rede vom überbordenden kulturellen Reichtum Siziliens darf wörtlich genommen werden. So üppig ist die größte Insel des Mittelmeeres mit Kunstschätzen gesegnet, dass sie über den Rand traten und ins Wasser fielen: Immer wieder sind Schiffe, die sie ansteuerten oder von hier aufbrachen, in Stürme, Schlachten oder die Fänge von Piraten geraten und gesunken. Die mehr als 1500 Wracks, die entlang den Küsten gefunden wurden und noch lange nicht alle ausgewertet sind, haben eine neuen Forschungszweig auf den Plan gerufen: die Unterwasserarchäologie.

          Auch wenn es schon in römischer Zeit Berufstaucher, sogenannte Urinatores, gab, die über Bord gegangene Ladung vom Meeresgrund holten (und dafür großzügig entlohnt wurden) – die ersten Grabungen unter Wasser wurden 1900 vor der griechischen Insel Antikythera unternommen. Schwammtaucher waren in fünfzig Meter Tiefe auf die Reste eines zweitausend Jahre alten Schiffes gestoßen, dessen Fracht aus Amphoren, Glas und Geschirr, Marmor- und Bronzestatuen bestand. Manches davon war vom Salzwasser stark in Mitleidenschaft gezogen, anderes vom Sand konserviert und erstaunlich gut erhalten.

          Zu einer Wissenschaft entwickelte sich die Unterwasserarchäologie erst zwischen den Weltkriegen. Einer ihrer Pioniere war Nino Lamboglia in Genua, der das Schiff „Daino“ dafür ausrüstete. Die erste eigene Denkmalschutzbehörde aber wurde 2004 mit der Soprintendenza Del Mare in Palermo eingerichtet. Wer ihren Leiter, Sebastiano Tusa, der für die Ausstellung „Im Meer versunken“ am Rheinischen Landesmuseum in Bonn seine Schatzhäuser geöffnet hat, fragt, ob sich auch andere Regionen Italiens, etwa Ligurien oder Kalabrien, eine solche Institution leisten, macht Bekanntschaft mit dem Stolz des Sizilianers: „Nein, das gibt es nur bei uns, das ist Teil unserer Autonomie“, sagt der kleine distinguierte Herr und scheint dabei einen halben Kopf größer zu werden.

          Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Anjou, Spanier, Neapolitaner, Bourbonen – die Geschichte Siziliens ist eine der Eroberung, Fremdherrschaft und Ausbeutung. Die Insel war Kornkammer und reich an Bodenschätzen, Handelsdrehscheibe und von strategischer Bedeutung. Wer sie beherrschte, kontrollierte das Mittelmeer. „Lu mari è amaru“, das Meer ist bitter, sagt der Volksmund, und Leonardo Sciascia bezeichnet das Meer als „Siziliens immerwährende Unsicherheit, sein launisches Schicksal“. Schon Odysseus hat es alles abverlangt. Auch davon erzählt die Schau. Ihr Parcours folgt der Chronologie und beginnt mit einer Statue des Gottes Reschef, die aus dem Wrack eines dreitausend Jahre alten phönizischen Handelsschiffes geborgen wurde.

          Griechische Keramik, die um 300 v. Chr. vor Lipari versank, wird aufgereiht, Luxuswaren wie ein Gefäß, das Parfum aus Afrika enthielt, oder Amphoren mit Wein aus Kampanien. Ein Tag von welthistorischer Bedeutung wird als CAD-Animation inszeniert: Am 10. März 241 v. Chr. kam es vor der Ägadischen Insel Levanzo zu einer Schlacht, in der die Römer 120 Schiffe der Karthager versenkten – drei mächtige Rammsporne, in denen noch Holzsplitter der aufgebrochenen und daraufhin untergegangenen Schiffe stecken, zeugen davon. Vernichtungswaffen, die für den Ausgang des Ersten Punischen Krieges, mit dem der Aufstieg Roms zur Weltmacht begann, entscheidend waren.

          Kurioser Blickfang der Ausstellung ist ein Elefantenfuß aus Bronze, der aus der Straße von Sizilien geholt wurde (und zu einer lebensgroßen Statue gehört haben dürfte). Welchen Umfang der Kunsthandel aus Sizilien hatte, ist aus der Rede des Marcus Tullius Cicero bekannt, der im Jahr 70 v. Chr. die Insel im Prozess gegen ihren Statthalter Gaius Verres vertrat und ihn anklagte, sie ausgepresst und Skulpturen aus öffentlichem Besitz geraubt zu haben. Nur drei Jahre später hat Cicero seinen Freund Titus Pomponius Atticus in Athen gebeten, ihm griechische Kunstwerke – „Bronzeköpfe“ und „Standbilder“ – nach Rom zu schicken. Was unterwegs ins Wasser fiel, hat die Natur mitunter verändert: So wurden Amphoren von Korallen besetzt und grotesk verformt.

          Die etwa 180 Exponate umfassende Schau stellt, um Artefakte aus den vier beteiligten Häusern in Amsterdam, Bonn, Kopenhagen und Oxford ergänzt, den Reichtum Siziliens noch im Verlust dar und knüpft auch an die Ausstellung „Das Wrack“ von 1994 an, für die das Rheinische Landesmuseum einen Teil der Ladung des 1908 vor Mahdia entdeckten und um 80 v. Chr. untergegangenen Schiffes restauriert hatte.

          Dass die bedeutendsten Funde der Meeresarchäologie von Magna Graecia nicht an den Rhein reisen durften, ist verständlich, dass sie nicht einmal erwähnt werden, dagegen kaum: Neben den Bronzestatuen von Riace (aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts v. Chr.), die Hobbytaucher 1972 in der Straße von Messina aufspürten und die im Nationalmuseum in Reggio Calabria stehen, sind das vor allem das punische Schiff, das die britische Archäologin Honor Frost 1971 aus dem Sand vor Marsala barg, und der tanzende Satyr (aus der zweiten Hälfte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts), den Fischer 1998 in der Straße von Sizilien aus vierhundert Meter Tiefe holten. Die fragmentarische Rekonstruktion des einen Funds ist die Attraktion des Regionalmuseums Baglio Anselmi in Marsala, für den anderen wurde in Mazara del Vallo eine kleine Kirche in ein Museum verwandelt. Wer sich die Ausstellung in Bonn ansieht, ahnt, warum diese beiden Städte im äußersten Südwesten Siziliens eine Reise wert sind.

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