http://www.faz.net/-gqz-7lqzx

Unbekannte Warhol-Fotos : Als der Pop nach Deutschland kam

  • -Aktualisiert am

40 Jahre waren sie in einer privaten Sammlung verborgen: Aufnahmen von Andy Warhol, die der Fotograf Leo Weisse machte, als der Pop-Künstler 1971 durch Deutschland reiste. Nun zeigt die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen eine breite Auswahl der Bilder.

          Die Augen geschlossen. Die Lippen leicht geöffnet, als würde er gerade ganz tief durchatmen. Die Haltung aufrecht, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, wie ein Kind, das sich sammelt, um ein Gedicht zu rezitieren. So hat der Fotograf Leo Weisse Andy Warhol vor einem Gemälde Alfred Böcklins eingefangen.

          Februar 1971. Drei Jahre waren seit dem Attentat auf Andy Warhol vergangen, bei dem die radikale Frauenrechtlerin Valerie Solanas versucht hatte, den Künstler zu erschießen. Infolge des Anschlags hatte sich Warhol aus vielen Projekten zurückgezogen - die Regie, Kamera und Drehbuch des Films „Trash“ etwa überließ er Paul Morrissey, doch zur Werbetour für den Film begleitet Warhol Morrissey und die beiden Hauptdarsteller Jane Forth und Joe Dallessandro dennoch nach Deutschland. Der Fotograf Leo Weisse wartet bereits am Flughafen auf ihn.

          Der Münchner, der unter anderem als Setfotograf arbeitet, hat von der Filmfirma „Constantin“ den Auftrag erhalten, die Werbetournee zu dokumentieren. Er nimmt seine Arbeit offensichtlich sehr genau: Ob die Ankunft der Crew am Flughafen München Riem, eine Pressekonferenz in München, ein Besuch im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, ein Stadtbummel durch Westberlin oder ein Abstecher zum Schloss Neuschwanstein - all dies hält er sorgsam fest.

          Kontinuierliche Selbstinszenierung

          Mit einer motivischen Großzügigkeit, wie man sie von der heutigen Digitalfotografie kennt, fängt Weisse auch viele scheinbar beiläufige Szenen ein, Augenblicke des Dazwischen: Das Warten auf eine Interviewfrage, das Umblicken am Flughafen, das allmähliche Aufstellen für ein Foto. Viele Bilder dokumentieren, wie der Fotograf sich langsam an seine Modelle annähert. Bewegungsunschärfen, Randfiguren, abgewendete Gesichter oder halbgeschlossene Augen verleihen vielen Fotos einen suchenden Charakter, wie man ihn sonst nur von Schnappschüssen unter Freunden oder aus dem Familienalbum kennt. Natürlich kann man auch die Veröffentlichung solcher Bilder als Teil einer Strategie erklären, die Warhol wie kein anderer beherrschte: Wie bei der Heiligenverehrung, für die noch das nebensächlichste Detail, ein Haar, ein Stück Holz, das der Heilige berührte, Träger von Bedeutung werden kann, inszeniert Warhol sein gesamtes Leben als Kunstwerk, seine Präsenz als auratisch.

          So gesehen, kann man auch diese scheinbar authentischen Momente, bei denen man als Betrachter den Eindruck hat, tatsächlich einmal hinter die Fassade des sonst so unnahbaren, sich üblicherweise meisterhaft selbst inszenierenden Andy Warhol zu blicken, ihm ein Stück weit persönlich nahezukommen, als Teil eines inszenierten Gesamtkunstwerks lesen: Wenn wir Warhol sehen, wie er andächtig eine Madonnenskulptur im Hessischen Landesmuseum betrachtet, wie er - umzingelt von einem Tross aus Journalisten und Politikern - durch einen Gang schreitet und dabei wie verloren ins Leere blickt oder beim Schreiben eines Autogramms schelmisch lächelt, dann war sich Warhol bewusst, dass er aufgenommen wird.

          Nun, nach vier Jahrzehnten, sind diese spannenden Zeitdokumente wieder öffentlich zu sehen. Der Kunstsammler und Warhol-Verehrer Helmut-Anton Krätz hatte die einundsechzig Foto-Abzüge kurz nach der Tour von Leo Weisse erhalten, aber nie ausgestellt. Erst sein Sohn Simon Krätz entschloss sich, die Fotos zu zeigen. 2012 waren vier Bilder im Rahmen der Ausstellung „Andy Warhol - Headlines“ im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu sehen, sie befinden sich inzwischen im Besitz des Hauses. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen stellt die Fotografien nun im Rahmen der von Meike Allekotte kuratierten gelungenen Ausstellung „ Andy Warhol. Pop Artist“ als erstes Museum in breiterem Umfang aus.

          Andy Warhol. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, bis zum 18. Mai. Der Katalog zur „Edition Weisse“ kostet 23 Euro

          Website des Museums

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Flughafen Berlin Tegel weiter betreiben Video-Seite öffnen

          Volksentscheid : Flughafen Berlin Tegel weiter betreiben

          Der Berliner Flughafen Tegel ist klein, heruntergekommen und liegt mitten in zahlreichen Wohngebieten. Dennoch werden die Berliner im Rahmen eines Volksentscheids am kommenden Wochenende wohl für den Weiterbetrieb stimmen.

          Saturnsonde „Cassini“ schweigt für immer Video-Seite öffnen

          Raumfahrt : Saturnsonde „Cassini“ schweigt für immer

          Ende mit Feuerwerk: Die Raumsonde „Cassini“ ist in der Saturn-Atmosphäre verdampft. Das Gefährt erreichte den Gasplaneten 2005 und schickte seither Aufsehen erregende Bilder zur Erde. Nun ging „Cassini“ der Treibstoff aus.

          Topmeldungen

          Trumps UN-Rede : Feurige Worte und tödliche Missverständnisse

          Donald Trump hebt die Bedeutung „souveräner Nationalstaaten“ hervor und teilt gegen Nordkorea aus. UN-Generalsekretär Guterres mahnt zur Einigkeit – mit einem Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten.
          Polizisten beobachten das Geschehen auf der Wiesn. Auch auf dem diesjährigen Oktoberfest kam es bereits zu sexuellen Übergriffen.

          Anstieg von Sexualstraftaten : Warnungen eines Wahlkämpfers

          Bayerns Innenminister Herrmann rühmt sich mit der hohen Sicherheit in seinem Bundesland. Die Zunahme der Sexualstraftaten – sowohl durch Deutsche als auch Ausländer – ist jedoch alarmierend.

          Schwache Zahlen : Die unsichere Ernte der Grünen

          Vor vier Jahren lehnten die Grünen eine Koalition mit der Union ab. Nun würden sie gerne, doch es sieht schlecht aus. Die aktuellen Prognosen sprechen gegen Jamaika.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.