http://www.faz.net/-gqz-8fh50

Sowjetukrainische Kunst : Kriminelle Tätowierungen auf der Haut unserer Städte

  • -Aktualisiert am

Einige betrachten diese Zeichen als Tätowierungen der kriminellen sowjetischen Lagerkultur auf der „Haut der ukrainischen Stadt“, so die Publizistin Olha Scharhovska. Wie Häftlinge vor ihrer Rückkehr in die zivilisierte Welt oft die schändlichen Tattoos unter Schmerzen entfernen ließen, solle auch die Ukraine, findet Scharhovska, die sowjetischen Schandzeichen restlos tilgen.

Hakenkreuz statt Hammer

Die Gegner dieser Mnemochirurgie führen Argumente an, die uns aus den Diskussionen um das DDR-Bauerbe vertraut sind: Kann man die Leidensgeschichte der Ukrainer unter sowjetischer Herrschaft auf diese Weise ungeschehen machen? Ist die Geschichte der Sowjetukraine auf eine Leidensgeschichte reduzierbar? Folgt man mit organisiertem Vergessen und Überschreiben nicht wieder der totalitären Tradition einer exklusiven Herrschaft über die Vergangenheit, die man eigentlich durchbrechen will? Sollten nicht vielmehr die Zeichen der Sowjetära, sorgsam dokumentiert und kommentiert, stehenbleiben und für alltägliche Irritation sorgen?

Eine solche, in der Netzgemeinde vielbeachtete Irritation verursachte die Designerin Olha Salo, die in digitalen Fotomontagen die Sowjetsymbolik der Kunst in der Kiewer Metro durch Nazi-Embleme ersetzte – Hakenkreuz statt Hammer, Reichsadler statt Stern, SA-Mann statt Rotarmist. Eine vermittelnde Position erwägt die sorgfältige Demontage der inkriminierten Werke, die dann in einem Museum ausgestellt werden sollten.

Asyl im Gemeinschaftsraum

Im virtuellen Raum wird unterdessen äußerst engagiert für die bedrohte sozialistische Kunst gefochten, die Werke werden akribisch dokumentiert. Das jetzt in Kiew ansässige Kulturzentrum „Izolatsiya“ präsentiert sein schon 2013 im Donbass begonnenes Projekt „Sowjetische Mosaiken in der Ukraine“ als virtuelles Archiv einer bedrohten Kunstspezies. Ironie der Geschichte auch hier: Die aus Donezk stammende Kunststiftung gehörte zu den ersten Opfern und Vertriebenen der hybriden russischen Milizen- und Militärherrschaft, die seit dem Frühjahr 2014 Gebietsteile von Donezk und Luhansk unter ihrer Fuchtel hat. Die Kreml-Propaganda von der „russischen Welt“ beschwört zwar einerseits gern die guten sowjetischen Zeiten. Doch bei genauem Hinsehen huldigt sie weniger der transnationalen Avantgardekunst der zwanziger Jahre, als Charkiv Hauptstadt der Ukraine war, oder dem ukrainischen Modernismus des Kiewer Metrobaus während der fünfziger und sechziger Jahre, sondern vor allem der reaktionären Sprache des Stalinismus und dem nationalrussischen Muff der Breschnew-Zeit.

’Good bye, Lenin!’ auf ukrainisch: In jüngerer Vergangenheit mehrt sich die Beseitigung sowjetischer Relikte aus dem öffentlichen Raum.
’Good bye, Lenin!’ auf ukrainisch: In jüngerer Vergangenheit mehrt sich die Beseitigung sowjetischer Relikte aus dem öffentlichen Raum. : Bild: AFP

Dank der zugleich pragmatischen und subversiven Mentalität der Ukrainer gibt es freilich auch Grund für eine gewisse Gelassenheit. Denn wie so oft in der Ukraine bedeutet das lärmende Inkraftsetzen eines heiß diskutierten Gesetzeswerkes noch lange nicht, dass es buchstabengetreu umgesetzt wird – schon gar nicht in der weitläufigen und zentralen Eingriffen gegenüber notorisch misstrauischen Provinz, liege sie nun im Osten oder im Westen des Landes. Die Kiewer Metro, der wichtigste Verkehrsbetrieb der Dreimillionenstadt, verweigert mit Berufung auf Denkmalschutzbedenken die Demontage der sowjetischen Mosaiken.

Und auch in der Westukraine läuft nicht immer alles so, wie man glauben könnte. Bei einem Forschungsaufenthalt in einem westukrainischen Kernkraftwerk stieß ich auf eine kleine Gemäldegalerie, die schon in den neunziger Jahren auf Befehl irgendeines „Chefs“ hatte entsorgt werden sollen. Die Kunstretter waren eine Brigade von Monteuren, einfache Arbeiter mit westukrainischem kulturellem Hintergrund, die den Bildern in ihrem Gemeinschaftsraum Asyl gewährten. Es habe ihnen leid getan um die schönen Bilder, erklärten sie. Deswegen hat ein Gemälde weißgekleideter „Ingenieure im Kontrollraum von Riwne-2“ in den Katakomben dieses Kernkraftwerks ebenso überlebt wie ein Bildnis des sowjetischen Atomphysikers Igor Kurtschatow und natürlich ein unvermeidlicher Lenin.

Anna Veronika Wendland ist Osteuropahistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Derzeit arbeitet sie über die Atomstädte und nuklearen Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa.

Quelle: F.A.Z.

Weitere Themen

„BÖsterreich“ Video-Seite öffnen

Fernsehtrailer : „BÖsterreich“

Die Satire-Serie „BÖsterreich“ läuft ab Donnerstag, den 19. Oktober um 22:15 Uhr auf ARD One.

Topmeldungen

Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
Flüchtlinge gehen am 27. Oktober 2015 nahe des bayerischen Wegscheid hinter einem Fahrzeug der Bundespolizei her, das sie zu einer Notunterkunft geleitet.

TV-Kritik: „Maischberger“ : Konfusion als Methode

Das Bild im Studio zeigt einen Flüchtlingstreck aus dem Jahr 2015. Die musikalische Untermalung stammt von der amerikanischen Serie „House of Cards“. Sandra Maischbergers Fragen erzeugen Verwirrung.
Im Mittelpunkt des Interesses: Der Parteikongress in Peking lähmt sogar den Straßenverkehr.

Zurück in die Zukunft : China will wieder mehr Staat

Auf dem Parteikongress ordnet Xi Jinping seine Prioritäten neu. Mehr Planwirtschaft und Kontrolle sollen China zu neuer Größe führen. Welche Folgen könnte das haben?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.