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Sowjetukrainische Kunst : Kriminelle Tätowierungen auf der Haut unserer Städte

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Einige betrachten diese Zeichen als Tätowierungen der kriminellen sowjetischen Lagerkultur auf der „Haut der ukrainischen Stadt“, so die Publizistin Olha Scharhovska. Wie Häftlinge vor ihrer Rückkehr in die zivilisierte Welt oft die schändlichen Tattoos unter Schmerzen entfernen ließen, solle auch die Ukraine, findet Scharhovska, die sowjetischen Schandzeichen restlos tilgen.

Hakenkreuz statt Hammer

Die Gegner dieser Mnemochirurgie führen Argumente an, die uns aus den Diskussionen um das DDR-Bauerbe vertraut sind: Kann man die Leidensgeschichte der Ukrainer unter sowjetischer Herrschaft auf diese Weise ungeschehen machen? Ist die Geschichte der Sowjetukraine auf eine Leidensgeschichte reduzierbar? Folgt man mit organisiertem Vergessen und Überschreiben nicht wieder der totalitären Tradition einer exklusiven Herrschaft über die Vergangenheit, die man eigentlich durchbrechen will? Sollten nicht vielmehr die Zeichen der Sowjetära, sorgsam dokumentiert und kommentiert, stehenbleiben und für alltägliche Irritation sorgen?

Eine solche, in der Netzgemeinde vielbeachtete Irritation verursachte die Designerin Olha Salo, die in digitalen Fotomontagen die Sowjetsymbolik der Kunst in der Kiewer Metro durch Nazi-Embleme ersetzte – Hakenkreuz statt Hammer, Reichsadler statt Stern, SA-Mann statt Rotarmist. Eine vermittelnde Position erwägt die sorgfältige Demontage der inkriminierten Werke, die dann in einem Museum ausgestellt werden sollten.

Asyl im Gemeinschaftsraum

Im virtuellen Raum wird unterdessen äußerst engagiert für die bedrohte sozialistische Kunst gefochten, die Werke werden akribisch dokumentiert. Das jetzt in Kiew ansässige Kulturzentrum „Izolatsiya“ präsentiert sein schon 2013 im Donbass begonnenes Projekt „Sowjetische Mosaiken in der Ukraine“ als virtuelles Archiv einer bedrohten Kunstspezies. Ironie der Geschichte auch hier: Die aus Donezk stammende Kunststiftung gehörte zu den ersten Opfern und Vertriebenen der hybriden russischen Milizen- und Militärherrschaft, die seit dem Frühjahr 2014 Gebietsteile von Donezk und Luhansk unter ihrer Fuchtel hat. Die Kreml-Propaganda von der „russischen Welt“ beschwört zwar einerseits gern die guten sowjetischen Zeiten. Doch bei genauem Hinsehen huldigt sie weniger der transnationalen Avantgardekunst der zwanziger Jahre, als Charkiv Hauptstadt der Ukraine war, oder dem ukrainischen Modernismus des Kiewer Metrobaus während der fünfziger und sechziger Jahre, sondern vor allem der reaktionären Sprache des Stalinismus und dem nationalrussischen Muff der Breschnew-Zeit.

’Good bye, Lenin!’ auf ukrainisch: In jüngerer Vergangenheit mehrt sich die Beseitigung sowjetischer Relikte aus dem öffentlichen Raum.
’Good bye, Lenin!’ auf ukrainisch: In jüngerer Vergangenheit mehrt sich die Beseitigung sowjetischer Relikte aus dem öffentlichen Raum. : Bild: AFP

Dank der zugleich pragmatischen und subversiven Mentalität der Ukrainer gibt es freilich auch Grund für eine gewisse Gelassenheit. Denn wie so oft in der Ukraine bedeutet das lärmende Inkraftsetzen eines heiß diskutierten Gesetzeswerkes noch lange nicht, dass es buchstabengetreu umgesetzt wird – schon gar nicht in der weitläufigen und zentralen Eingriffen gegenüber notorisch misstrauischen Provinz, liege sie nun im Osten oder im Westen des Landes. Die Kiewer Metro, der wichtigste Verkehrsbetrieb der Dreimillionenstadt, verweigert mit Berufung auf Denkmalschutzbedenken die Demontage der sowjetischen Mosaiken.

Und auch in der Westukraine läuft nicht immer alles so, wie man glauben könnte. Bei einem Forschungsaufenthalt in einem westukrainischen Kernkraftwerk stieß ich auf eine kleine Gemäldegalerie, die schon in den neunziger Jahren auf Befehl irgendeines „Chefs“ hatte entsorgt werden sollen. Die Kunstretter waren eine Brigade von Monteuren, einfache Arbeiter mit westukrainischem kulturellem Hintergrund, die den Bildern in ihrem Gemeinschaftsraum Asyl gewährten. Es habe ihnen leid getan um die schönen Bilder, erklärten sie. Deswegen hat ein Gemälde weißgekleideter „Ingenieure im Kontrollraum von Riwne-2“ in den Katakomben dieses Kernkraftwerks ebenso überlebt wie ein Bildnis des sowjetischen Atomphysikers Igor Kurtschatow und natürlich ein unvermeidlicher Lenin.

Anna Veronika Wendland ist Osteuropahistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Derzeit arbeitet sie über die Atomstädte und nuklearen Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa.

Quelle: F.A.Z.

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