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Veröffentlicht: 22.05.2015, 21:53 Uhr

Künstler und die NSA Die Kunst überwacht zurück

Der NSA-Affäre kann man sich nur schwer entziehen, die digitale Überwachung scheint allgegenwärtig zu sein. Aber wer überwacht eigentlich die Überwacher?

von Hannah Feiler

Großformatige Gesichter lächeln den Passanten scheinbar harmlos von Häuserwänden oder Brückenunterführungen in Berlin entgegen. Der Konzeptkünstler Paolo Cirio hat Bilder hochrangiger US-Geheimdienstmitarbeiter gesprüht oder geklebt, wie zuvor schon London, New York und anderen Metropolen. Er bewege sich mit seinen Bildern, so sagt er, zwischen Street Art und Pop Art. „Overexposed“ – überbelichtet – nennt er seine Intervention. Das lässt sich auf verschiedene Arten verstehen. Zum einen sehen die abgebildeten Gesichter tatsächlich so aus, als habe man die Fotos zu lange dem Licht ausgesetzt. Zum anderen lässt sich der Titel als kritischer Hinweis auf die Praktiken der Geheimdienste auslegen, die mit den Enthüllungen von Edward Snowden oder dem aktuellen Abhörskandal auch Gegenstand der täglichen Berichterstattung sind und auf die er mit seiner Arbeit deutlich Bezug nimmt.

Für seine Bilder  verwendete Cirio eine von ihm selbst entwickelte Graffiti-Technik, die er High Definition Stencils nennt. Zunächst bearbeitete er die Bilder digital und machte per Laserverfahren Schablonen daraus. Anschließend sprühte er bis zu vier Farben hintereinander auf. So entstanden Porträts, deren Farbspektrum auch in handelsüblichen Druckern verwendet wird: CMYK, also Blau, Magenta, Gelb und Schwarz. Die Produktion eines Porträts habe mitunter mehrere Tage in Anspruch genommen, sagte Cirio. Zu sehen sind unter anderem Geheimdienst-Beamte wie Keith Alexander (NSA), John Brennan (CIA), Michael Hayden (NSA) und Michael Rogers (NSA). Bereits in früheren Arbeiten beschäftigte Cirio sich mit Themen wie Demokratie oder Datenschutz. Seine Kunstwerke wurden im Victoria and Albert Museum in London oder dem Museum of Contemporary Art of Denver gezeigt. Es gehe ihm um Transparenz, sagt er.

Die wirkmächtigsten Bilder der Gegenwart

Die Praktiken der Geheimdienste scheinen eine große Faszination auf verschiedene Künstler auszuüben. Und wie könnte es anders sein, handelt es sich bei der Überwachung doch um ein Thema, das direkt in das tägliche Leben eingreift und uns direkt betrifft. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Als Künstler könnte man nun seine Aufgabe darin sehen, das Verborgene sichtbar zu machen. Es gibt eine Vielzahl denkbarer Möglichkeiten, mit den Abhör- und Überwachungsskandalen der jüngeren Vergangenheit umzugehen und zu zeigen, was hinter den Kulissen der Macht vor sich geht.

Auf der Biennale in Venedig hat Simon Denny mit seiner Gestaltung des neuseeländischen Pavillons einen ganz besonderen Aspekt gewählt. Er bringt uns in seiner Installation „Secret Power“ das Grafikdesign der NSA nahe. Gleichzeitig ermöglicht er uns durch seine Kunst einen Einblick in die Kommunikationsstrategien des Geheimdienstes. Im Mittelpunkt der Installation steht der langjährige Kreativdirektor der NSA, David Darchicourt, den Denny als Künstler bezeichnet. In einem Interview (erschienen am 16. Mai in der FAZ) begründete er dies folgendermaßen: „Weil er der Schöpfer einiger der wirkmächtigsten Bilder der Gegenwart ist. Seine Bilder visualisieren, welche Möglichkeiten die Überwachungsprogramme als geopolitische Werkzeuge den Geheimdiensten bieten. Er ist ein sehr talentierter Bilderproduzent. Das ist Kunst für mich.“

Gleiche Transparenz für alle

Einen ganz anderen Ansatz hat hingegen der Fotograf Trevor Paglen gewählt: Er konzentriert sich nicht auf die Personen, sondern auf die neuen Orte der Datensammlung. Per Langzeitbelichtung machte er Satelliten sichtbar, die sonst unentdeckt ihre Bahnen am Himmel ziehen und fotografierte geheime Abhörstationen der NSA.

Man kann es aber auch wie Paolo Cirio machen, sich in den privaten Social-Media-Profilen hochrangiger Geheimdienstler umschauen und diese Aufnahmen veröffentlichen. Auch NSA-Mitarbeiter machen Selfies. „Wir sind alle verwundbar. Sogar die Mächtigen unter uns“, schrieb der New Yorker Kurator Nato Thomson als Grußwort im Katalog zu „Overexposed“. Wenn ihr alles über uns wissen wollt, haben wir auch das Recht, etwas über euch im öffentlichen Raum sichtbar zu machen, was ursprünglich nur für einen intimen Rahmen gedacht war – das scheint der Hintergedanke von Paolo Cirios Aktion zu sein: Gleiche Sichtbarkeit und Transparenz für alle.

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Paglen arbeitet mit Informationen, die sich mit dem entsprechenden Rechercheaufwand jeder beschaffen könnte. Auch Denny hat für seine Installation öffentlich zugängliche Daten verwendet und sie, neu zusammengefügt, in einen anderen Kontext gestellt. Kommt es also nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen und an der richtigen Stelle zu suchen? Ist der Rest eine Frage des Geldes und der technischen Mittel? Warum sollte nur im Geheimen entschieden werden, was öffentlich wird,  wer etwas wissen darf und welche Bereiche einer Gesellschaft über- oder eben unterbelichtet werden? Zumindest in kleinen Ausschnitten ist die Kontrolle nicht perfekt, und für kurze Momente kann man durch die Kunst einen Blick auf die andere Seite des Panoptikums werfen. Die Grenze zwischen dem Öffentlichen und Privaten verschwimmt – und wird von Künstlern wie Paolo Cirio in die andere Richtung durchbrochen: Die Kunst überwacht zurück.

Glosse

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Der Fleiß der Bienen ist sprichwörtlich. Wenn ihrem Eifer etwas in die Quere kommt, hat das handfeste gesundheitliche Gründe. Ganz anders hingegen die Fleißbienchen des modernen Arbeitslebens: ihnen steht die Ahnungslosigkeit ihrer Kollegen im Weg. Mehr 3 4

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