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Türkische Botschaft in Berlin Es lebe neu das Ornament

Zwischen Okzident und Orient lässt sich viel Anregung finden: Der nun eröffnete Neubau der türkischen Botschaft in Berlin ist rundum gelungen.

© dpa Kupferportal als goldener Mittelweg: die neue türkische Botschaft

Ist die Türkei ein europäisches Land oder ein nahöstliches? Oder ist sie dazu verdammt, auf ewig eine Brücke zwischen beiden Welten zu sein? Geographisch betrachtet gehören drei Hundertstel des Landes zu Europa und 97 zu Anatolien. Aber kulturell, wirtschaftlich und politisch müsste es die Hälfte sein - dies zumindest signalisiert der Neubau der Botschaft der Türkischen Republik in Berlin, der am 29. Oktober, dem Nationalfeiertag der Türkei, eingeweiht wurde.

Sie steht am Südrand des Tiergartens, den einst die Nationalsozialisten zum Botschaftsviertel von „Germania“ bestimmten und wo nach 1990 neben den pompösen Dreißiger-Jahre-Palästen Japans und Italiens einige der spektakulärsten Botschaftsneubauten Berlins wuchsen: Indiens glühend rote Sandsteinfassaden aus Rajastan beispielsweise oder Österreichs Konditorei-Architektur. Auch die Nordischen Länder, Saudi-Arabien und zuletzt Slowenien haben hier architektonisch reüssiert. Das Anspruchsniveau also war hoch. Die Türkei reagierte darauf, und auch auf die immense Bedeutung beider Länder füreinander, mit dem größten Botschaftsbau, der jemals in der Geschichte des Landes gebaut wurde.

Offenheit zum westlichen Wertekanon

Entworfen hat das Ensemble ein bescheidener, begabter und gewitzter Berliner Architekt: Volkmar Nickol ließ sich gemeinsam mit Felipe Schmidt und Thomas Hillig von Symbolik und Vorbildern leiten. So entstanden drei Teile - „Palast“, „City“ und „Bosporus“. Letzterer trennt gleich der namensgebenden Meerenge als gläserne Passage die beiden anderen Bauteile. Der kubische „Palast“ dient repräsentativen Zwecken und steht für Asien; der einhüftige Büro- und Wohntrakt, dient - unverkennbar Europa - der täglichen Arbeit der hundert Mitarbeiter.

Neubau der türkischen Botschaft wird eröffnet © dpa Vergrößern Kurz vor dem kleinen Paradies: Der Eingangsbereich

Den Eingang zum alles entscheidenden Zwischenraum markiert ein riesiges Kupferportal mit Sichelmondemblem. L-förmig führt er um eine Ecke herum in einen abgesenkten Garten, das „kleine Paradies“. Um einen Brunnen herum recken sich Korkenzieherhasel, Lavendel und Oliven nach der Berliner Sonne.

Das langgestreckte Foyer mit seinen bedruckten inneren Glasfassaden ist das verbindende Element. In dem mäandrierenden Raum dominieren grüne Steinböden. Über eine skulpturale Treppe erreicht man die mit Naturstein gedeckte Dachterrasse, von der aus man sechzehn Meter über dem Tiergarten einen weiten Blick über Berlin genießen kann. Hier hat Nickol „von Günter Behnisch gelernt“, wie Leichtigkeit und Schwung einem Raum Dynamik geben und Schwere nehmen können. Den „Palast“ mit zweigeschossigem Festsaal und den Empfangsräumen des Botschafters hat der Architekt als Metapher für „kulturelle Werte, Stolz und Gastfreundschaft“ gestaltet, den Bürotrakt zur Hildebrandstraße prägt hingegen die „Offenheit zum westlichen Wertekanon und dem Kemalismus als Grundpfeiler der modernen Türkei“.

Ein idealer Sichtschutz

Das für die Öffentlichkeit wichtigste Element einer Botschaft sind ihre Fassaden. Die der Türkei sind mit türkischem Kalkstein verkleidet, der zum Teil als Rustika gestaltet wurde. Seine Farbe erinnert an das Atatürk-Mausoleum in Ankara. Aber über die Brücke, die dessen Architekt Bruno Taut, als er 1938 in Ankara und Istanbul lebte, zwischen deutscher Moderne und türkischem Laizismus schlug, wollte Nickol nicht gehen. Der Clou seines Entwurfs nämlich, eine mit Girih-Dekor am Sockel und den Obergeschossen förmlich übersäte Lochfassade längst der Tiergartenstraße, wäre bei dem dekorabstinenten Bau in Ankara undenkbar gewesen.

Neubau der türkischen Botschaft wird eröffnet © dpa Vergrößern Leichtigkeit und Schwung im Inneren

Die durchbrochenen Girih-Natursteinplatten sind ein idealer Sichtschutz, vor allem aber verweisen sie als eindeutig islamische Ornamentik auf den Orient. Exotisieren sie den Neubau? Nicht, wenn man das architektonische Vorbild, den Dolmabahçe-Palast des Sultans in Istanbul betrachtet, in dem Atatürk 1938 starb. Somit verweist der Neubau auf den Gründer der modernen Türkei und deren Tradition.

Botschaften sollen ihr Land repräsentieren und sich zugleich ins Umfeld der gastgebenden Stadt einfügen. Das ist der Türkei mit ihrem dreißig Millionen Euro teuren Bau gelungen. Demnächst wird Indonesien eine neue Botschaft in Berlin errichten. Als größtes muslimisches Land der Welt kann es sich vom Anwesen der Türkei abschauen, wie die Arabeskenkultur, die einst aus dem Bilderverbot des Islams erwuchs, im zeitgenössischen Bauen unaufdringlich und doch dekorativ angewandt werden - und zugleich die Ornamentaversion der Moderne überwinden kann.

Quelle: F.A.Z.

 
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