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Veröffentlicht: 09.01.2017, 18:19 Uhr

Ausstellung zu Trisomie 21 Ich finde es doof, wenn die mich immer anglotzen

Mission possible: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die erste kulturhistorische Ausstellung über Menschen mit Down-Syndrom – eine Expedition in ein unbekanntes Land.

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Auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn ist ein Raumschiff gelandet. Ausgestiegen sind sieben Astronauten und eine Hündin, die merkwürdige Namen tragen und vom Planeten kUMUSI eingeflogen sind. Die „Second Mission“ möchte erkunden, wie es ihren ersten Siedlern, der „First Mission“, die vor fünftausend Jahren auf der Erde angekommen sind, ergangen ist: wie sie sich eingefunden haben und wie sie leben, was sie beschäftigt und was sie denken. Nicht unähnlich dem Gulliver des Jonathan Swift, dessen erste von vier Reisen auf die Insel Liliput führt und ihm einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf eine fremde Wirklichkeit, ihren Alltag und ihre Geschichte, eröffnet.

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Mit dieser Rahmenhandlung, von dem Zeichner Vincent Burmeister mit lebensgroßen Comicfiguren an die Wände geworfen, definiert die Ausstellung „Touchdown“ den Ausgangspunkt, von dem sie Neuland betritt. Denn die vermeintlich Außerirdischen sind Menschen mit Down-Syndrom, die sich auf die Suche nach den Nachfahren der „First Mission“ begeben und die Museumsbesucher mitnehmen auf ihre Forschungsreise. Es ist die erste Expedition in dieses Gebiet, die in Form einer Ausstellung unternommen wird. Wie Swifts satirisch-phantastischer Roman von 1726 legt sie es darauf an, die Kategorie des „Normalen“ in Frage und zur Diskussion zu stellen.

44134178 Die Holzfigur „Otto“ des Künstlers Markus Keuler. Ganz klein, ganz groß. © dpa Bilderstrecke 

Menschen mit Down-Syndrom sind anders. Sie haben nicht 46, sondern 47 Chromosomen; das Chromosom 21 ist nicht doppelt, sondern dreimal vorhanden. Wie das sein kann und welche Auswirkungen das hat, wird erklärt. Am Anfang aber stellen sich vier von ihnen vor: Andrea Halder, 31, aus Lauf bei Nürnberg, die Betreuungsassistentin ist, Marc Lohmann, 35, aus Bonn, der in der Hauswirtschaft arbeitet, Natalie Dedreux, 17, aus Köln, die Köchin werden will, und Julia Bertmann, 35, aus Mülheim an der Ruhr, Bürohilfskraft bei der Lebenshilfe. Sie berichten aus ihren Leben, von Wünschen, Freuden, Träumen, Sehnsüchten, Schwierigkeiten, Diskriminierungen, Behinderungen und dem, was sie unterscheidet: „Ich finde es doof, wenn die mich immer anglotzen und sich dann immer ihren Teil denken, anstatt das mal auszusprechen“, sagt Julia Bertmann. „Meine Zukunft stelle ich mir so vor, dass die nichtbehinderten Menschen mal mein richtiges Ich sehen und auch verstehen, warum ich so bin.“ Womit sie anspricht, was auch die Ausstellung sich vorgenommen hat: Indem sie den Vorurteilen, Unsicherheiten und Berührungsängsten der Besucher begegnet, schafft sie die Voraussetzung für ein umfassenderes Verständnis.

Frühe Belege in der bildenden Kunst

Down-Syndrom: So, nach John Langdon Down (1828 bis 1896), wird die Behinderung erst seit 1965 genannt. Der englische Arzt hat sie 1866 erstmals beschrieben und, seiner Zunft voraus, Konzepte und Methoden entwickelt, um Menschen mit Down-Syndrom zu fördern. Während seine Kollegen sie als „mongolian idiots“ zur Schau stellten, hat er berührende Fotos von ihnen gemacht. Schon früh, wenn auch selten, finden sich Belege in der bildenden Kunst. So hat ein Engel auf einem Gemälde „Nächtliche Anbetung des Christkindes“ (um 1515) ebenso das für das Syndrom typische Gesicht wie eine dreitausend Jahre alte Keramikfigur aus Mexiko. Ein um 550 vor Christus datiertes Skelett, das bei Tauberbischofsheim gefunden und für die Ausstellung erstmals auf Trisomie 21 untersucht wurde, enthält Symptome der genetischen Varianz.

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Die Ausstellung geht dem Thema in verschiedenen Bereichen und Richtungen nach. Auf seine Spuren in der Kunst folgt eine Würdigung von Langdon Down, der den Begriff „Mongolismus“ zunächst eingeführt hatte, später aber als abwertend und irreführend verwarf, mit Fotos aus seinem Archiv und originalen „Kranken-Akten“. Daran schließt ein Kapitel über die Rassenpolitik des NS-Regimes an, das Menschen mit Down-Syndrom als „Ballastexistenzen“ kategorisierte und auslöschte. Erst danach wird über die Forschung, ihre Geschichte und den aktuellen Stand, informiert: Angefangen bei jener Arbeitsgruppe am Hôpital Trousseau in Paris, wo der Kinderarzt Jérôme Lejeune die Entdeckung seiner Kollegin Marthe Gautier, die als Erste 47 Chromosomen nachgewiesen hatte, 1958 als seine Forschung ausgegeben und damit Karriere gemacht hat.

Beitrag zu Vielfalt und Reichtum unserer Gesellschaft?

Die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik, mit der sich eine Behinderung oder Trisomie 21 ermitteln lassen, werden aufgezeigt und die damit verbundenen Unsicherheiten und Fragen erörtert: Welche Assistenzen benötigen Menschen mit Down-Syndrom, welche familiären und sozialen Strukturen unterstützen sie, welchen Beitrag leisten sie zu Vielfalt und Reichtum unserer Gesellschaft? Die medizinische Indikation macht aus dem, was zuvor als Schicksal genommen wurde, eine ethische Entscheidung: In neun von zehn Fällen, so schätzen Fachleute, führt sie zu einem Schwangerschaftsabbruch.

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Dass Menschen mit Down-Syndrom besonders anfällig sind für Krankheiten wie einen Herzfehler oder Leukämie, bleibt nicht unerwähnt; dass sie für Eltern und Geschwister auch Sorge und Belastung bedeuten können, wird vorausgesetzt. Die Ausstellung hält sich nicht lange auf bei Bekanntem, sondern weitet und vertieft das Blickfeld. Die individuellen und mehr oder weniger selbstbestimmten Lebensentwürfe erzählen von emotionalen und kreativen Fähigkeiten. Patchworkartig aus wissenschaftlichen, künstlerischen und dokumentarischen Exponaten komponiert, entwirft sie ein Plädoyer für eine andere Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit. Nicht das Trennende, das Gemeinsame wird betont, nicht Ausgrenzung, sondern Teilhabe. Mission possible. Die „leichte“ Sprache der Ausstellung, eine Prosa der kurzen Sätze ohne Passiv und ohne Konjunktiv, wird Teil des Themas, das sie beschreibt.

Wie gut das Leben für Menschen mit Trisomie 21 in dieser Gesellschaft ist, wie es um ihre Freiheiten und ihre Selbstbestimmung steht, das reflektieren die Außerirdischen der „Second Mission“ zum Schluss: Gehen oder bleiben? Mit dem Raumschiff nach kUMUSI zurückfliegen oder hier das Beste daraus machen? Die Fragen werden an die Besucher und damit an die Gemeinschaft weitergegeben. Die Diskussion ist angestoßen. Ausgang offen.

Glosse

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