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Trauma Afghanistan Fürs Vaterland verrückt geworden

 ·  Die Zahl der im Krieg um Afghanistan Traumatisierten ist sechsmal so hoch wie die der Schussverletzten. Ein Bundeswehr-Arzt berichtet im Rahmenprogramm der Dresdner Ausstellung „Krieg und Medizin“ über die psychischen Folgen des Einsatzes.

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Während Politiker darüber streiten, ob der militärische Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan als Krieg bezeichnet werden darf oder nicht, führen deutsche Truppenärzte Strichlisten darüber, wie viele Bundeswehrangehörige traumatisiert aus einem Einsatz zurückkehren, bei dem sie täglich ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben. Bislang liegen die offiziellen Zahlen bei weniger als einem Prozent, aber vermutlich leiden weit mehr Soldaten unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

So suchte zum Beispiel fast jeder zehnte amerikanische Soldat, der aus Somalia zurückkehrte, psychiatrische Hilfe. General Roméo Dallaire, der kanadische Oberbefehlshaber der Blauhelmtruppen, die in Ruanda tatenlos mitansehen mussten, wie mehr als 800.000 Tutsi bestialisch ermordet wurden, fühlte sich mitschuldig an den Massakern und unternahm zwei Selbstmordversuche. Auch in Afghanistan sind verantwortliche Bundeswehroffiziere öfter von Traumatisierungen betroffen als ihre Untergebenen, wie Oberstarzt Karl-Heinz Biesold jetzt bei einem Vortrag im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden ausführte.

Um Rentenansprüche gebracht

Für Therapeuten sind Soldaten eine heikle Klientel, die psychische Probleme besonders häufig als Makel empfindet, den es schamhaft zu verschweigen oder durch Selbstregulation zu beheben gilt. Um die „Pathologisierung“ Betroffener zu vermeiden, sind zunächst Gespräche mit den Vorgesetzten vorgeschrieben, ehe ein Bundeswehrarzt hinzugezogen wird. Selbst die Erfahrungen der beiden Weltkriege, die Hunderttausende von Veteranen mit schwersten traumatischen Störungen zurückließen, führten nicht dazu, dass psychische Erkrankungen wie etwa das aus den Schützengräben mitgebrachte „Kriegszittern“ ebenso als Kriegsfolge anerkannt wurden wie der Schrapnellsplitter im Oberschenkel. Amerikanische Militärärzte waren nach 1945 mit Blick auf die Staatsfinanzen gehalten, an Kriegsneurosen leidende Patienten als „konstitutionelle Psychopathen“ einzustufen. So wurden Veteranen, denen die Ärzte keine oder nur geringe Heilungschancen gaben, um ihre Rentenansprüche gebracht. Es war nie süß und ehrenvoll, fürs Vaterland verrückt zu werden.

Auch heute stellt sich die Versorgungsfrage für Soldaten, denen ihre Erlebnisse die Rückkehr in ein normales Leben unmöglich machen. Biesold, der die Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumatologie des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg leitet, berichtete von einem Patienten, der sich in eine menschenleere Gegend verkroch, weil er nur dort halbwegs sicher vor Hubschraubern war: Das Geräusch kreisender Rotorblätter führt unweigerlich zum Schockzustand, denn der Patient, der sein emotionales Gedächtnis nicht mehr steuern kann, durchlebt das traumatisierende Geschehen jedesmal aufs Neue, wenn die entsprechenden Reize ausgelöst werden.

Permanente Angstanspannung

Mittlerweile hat man genauere Vorstellungen von den neurobiologischen Prozessen im Gehirn Traumageschädigter gewonnen, und man weiß auch mehr als früher über wichtige Risiko- und Schutzfaktoren. Die tatsächlichen Kampfhandlungen in Afghanistan sind, gemessen an konventionellen Kriegen, nach wie vor selten. Doch auch wer nie in Kampfhandlungen verwickelt war, kann traumatisiert aus dem Einsatz zurückkehren. Die etwa 1100 PTBS-Patienten bilden die größte Krankengruppe innerhalb des deutschen Afghanistan-Kontingents – ihre Zahl ist sechsmal so hoch wie die der Schussverletzten. Besonders die dauerhafte Bedrohung durch Sprengstoffattentate, die sich überall und jederzeit ereignen können, führt zu permanenter Angstanspannung, die zermürbender sein kann als die konkrete Gefechtssituation.

Dass zur „sozialen Unterstützung“, die Biesold als wichtigsten Schutzfaktor für PBTS-gefährdete Soldaten nennt, auch die präzise Definition ihres Einsatzes durch die Politik zählen müsste, ließ der Offizier unerwähnt. Aber es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, was passiert, wenn ein Soldat, der seine Erlebnisse nicht verarbeiten kann, sich sagen lassen muss, er sei nicht im Krieg gewesen, sondern habe lediglich an einer humanitären Mission teilgenommen.

Komplize der Tötungsmaschinerie

Biesold, der seinen Vortrag im Rahmenprogramm der höchst sehenswerten Dresdener Ausstellung „Krieg und Medizin“ hielt, lehnt einen militärischen Sonderforschungsweg in der Traumatologie ab. Vielleicht ist auch dieses Bekenntnis noch ein Reflex auf das überaus prekäre Verhältnis, das Mediziner und Militär schon immer miteinander verbunden hat: Denn seit ihren Anfängen steht die Kriegsmedizin vor dem Dilemma, dass sie die Wunden, die der Krieg schlägt, nicht heilen kann, ohne darüber zu einem Komplizen der Tötungsmaschinerie zu werden. Die Dresdener Ausstellung beleuchtet dieses Verhältnis anschaulich, lehrreich, eindringlich und beklemmend bis in feinste Verästelungen, ohne ein Urteil darüber zu fällen.

Mit gutem Grund wird Jugendlichen unter vierzehn Jahren vom Besuch der Schau abgeraten. Zerfetzte Körper, Prothesen, das Projektil, das noch immer im herauspräparierten Rückenmark eines Soldaten steckt, die seit sechzig Jahren nicht heilenden offenen Wunden am Bein eines Überlebenden aus Hiroshima – das alles sind Bilder, die einem zusetzen. Fassungslos steht man vor einer Gussform, mit der sich ein Verstümmelter des Ersten Weltkriegs jeden Morgen eine neue Nase aus Gelatine und Glyzerin herstellte. Bei Kunstlicht war das wärmeempfindliche Gebilde durchscheinend. Und mit wachsendem Widerwillen betrachtet man die zunächst so harmlos wirkenden Filmaufnahmen aus Musterungsbüros verschiedener Länder und Epochen. Hier wird der Materialcharakter des Soldaten so deutlich wie sonst kaum einmal.

Und erst wenn das menschliche Material knapp wird, wird es kostbar. Schon Florence Nightingales Bemühungen waren nur erfolgreich, weil ihre akribisch geführte Statistik über die Todesursachen im Krimkrieg die britische Regierung davon überzeugte, dass sanitäre und medizinische Maßnahmen die Kampfkraft erheblich stärken würden: Das Ziel war humanitär, aber der Weg dorthin führte über die Logik des Krieges, der die größtmögliche Gesundheit seiner Truppen allein im Interesse der Bewahrung ihrer größtmöglichen Zerstörungskraft verlangt.

Krieg und Medizin. Im Deutschen Hygiene-Museum Dresden; bis 9. August. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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