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Tintorettos Frühwerk in Köln : Alles in Bewegung

Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zeigt Tintorettos Frühwerk auf brillante Weise neu. Seine Restaurierung führt zu einem Farbschock für unsere Sfumato-Sehgewohnheiten.

          Über diese Ausstellung braucht man kaum mehr Worte zu verlieren, wenn man ein Bild wie dieses zeigen kann. Jacopo Comino, genannt Tintoretto („das Färberlein“, nach dem Beruf des Vaters), malte „Jesus unter den Schriftgelehrten“ wohl 1539 am Beginn seiner Karriere, als Mann von etwa zwanzig Jahren. Ob er 1518 oder erst 1519 in Venedig zur Welt kam, ist unklar, aber der in jedem Fall bald anstehende fünfhundertste Geburtstag entwickelt Strahlkraft schon im Vorhinein: Als erstes internationales Großereignis hat gerade im Kölner Wallraf-Richartz-Museum eine Schau über den jungen Tintoretto eröffnet – mit dem geschmäcklerischen Titel „A Star Was Born“. Aber sie wird es ihren noch größer angelegten Nachfolgerinnen in Washington und Venedig nicht leicht machen; so viel steht schon fest.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn was Roland Krischel, Leiter der Mittelalterabteilung des Kölner Museums und einer der besten Kenner des Werks von Tintoretto, hier nicht nur zusammengebracht, sondern auch neu zugeschrieben hat, das wird Diskussionen auslösen und Maßstäbe setzen. Der Katalog ist ein detektivisches Kunststück eigenen Rechts, das drei Gemälde für Tintoretto neu reklamiert und bei vielen umstrittenen Bildern Händescheidungen vornimmt, die vor allem den bislang nur in Umrissen deutlich gewordenen Werkstattkollegen Giovanni Galizzi plötzlich zu einem zentralen Akteur neben dem jungen Tintoretto aufwerten – Krischel nennt ihn „das Double“ des Meisters –, ohne allerdings den Qualitätsunterschied zwischen beiden Malern zu verwischen. Vielmehr wird der erst richtig deutlich, wenn Tintoretto als Urheber von spektakulären Architekturbildern identifiziert wird, die der ältere (auch das eine neue These der Ausstellung) Galizzi dann mit Figuren füllte, die jedoch keinen Vergleich mit denen aushalten, die sonst sein Kollege schuf.

          Tintoretto weiß zu steuern

          Tintoretto ist der Meister der Bewegung, und das wird klar, noch bevor man den Ausstellungsraum betreten hat: beim Blick aus dem Treppenhaus durch die Glastür auf die gleich gegenübergehängte „Disputa“ (wie man „Jesus unter den Schriftgelehrten“ meist nennt). Der Blick geht weit in die Tiefe des Gemäldes, dann verschwimmt beim Näherkommen die figurative Form, wird zu fast autonomer Farbflächenmalerei, bis dann unmittelbar vor der Leinwand der Fokus immer zielsicherer nicht mehr auf dem in der Fluchtlinie sitzenden kleinen Jesus, sondern auf dem Gesicht des gelbgewandeten Graukopfs rechts liegt, das wie ein individuelles Porträt aus der Leinwand heraussticht. Tintoretto steuert unsere taumelnden Augen wie durch einen Bildstrudel auf diesen Punkt. Dazu trägt nicht zuletzt die dank einer eigens für die Ausstellung durchgeführten Restaurierung neugewonnene originale Farbigkeit des Gemäldes bei. Sie belegt eine fahle Giftigkeit der Palette, die nichts mit der gängigen Tintoretto-Vorstellung der Kunstgeschichte gemein hat – einen ähnlichen Farbschock für unsere Sfumato-Sehgewohnheiten bedeutete vor dreizehn Jahren die Restaurierung von Vermeers Dresdner „Kupplerin“ mit einem freigelegten ähnlich kalten Gelb; von dem als „bonbonfarben“ geschmähten restaurierten Deckengemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle ganz zu schweigen.

          Tintorettos „Disputa“ erweist sich nunmehr als Hauptwerk und macht es verschmerzbar, dass das berühmteste Bild aus den Anfangsjahren des Künstlers, das 1548 vollendete riesige „Sklavenwunder“ aus der Accademia in Venedig, hier fehlen muss; es wird Mittelpunkt der venezianischen Jubiläumsausstellung im kommenden Jahr sein. Doch in der fast zehn Jahre älteren „Disputa“ steckt motivisch alles drin, was Krischel für den Fortgang seiner Ausstellung braucht. Die Michelangelo- und Raffael-Zitate etwa. Tintoretto, der Venedig nie verließ, dürfte keines im Original gesehen haben, aber er kannte Holzschnitt- oder Kupferstichreproduktionen berühmter Werke anderer Künstler, und auch in Köln wird mittels solcher Beispiele (überwiegend aus der eigenen reichen Grafiksammlung) demonstriert, wie Tintorettos Arbeitsweise aussah – ein didaktisches Meisterstück, denn zu den rund sechzig katalogisierten Bildern gesellen sich so noch einmal fast ebenso viele dazu. Und gleichzeitig bleibt immer noch genug rätselhafte Magie, etwa im Falle der irritierend statischen Abfolge von sieben Köpfen auf der „Disputa“, gleich hinter dem ekstatisch bewegten gelben Schriftgelehrten: Diese unnatürlich gereihten Profile setzen zum Flucht- einen Kontrapunkt und heben dadurch die Figur davor zusätzlich heraus, ja, sie lenken jeden verirrten Blick ins Zentrum des Bildes wieder ab und zu ihm hin.

          Tintoretto erweist sich hier schon als Meister der Untersicht, die sich in der Kölner Ausstellung später noch vielfach als Effekt wiederfinden lässt. Am subtilsten ganz zum Schluss in drei alttestamentarischen Szenen, die um 1555 entstanden sind und heute im Prado verwahrt werden, als deren Bestimmungsort Krischel aber das Haus einer Kurtisane vermutet, einen öffentlich zugänglichen Raum also, denn dieser insgesamt sechsteilige Zyklus (die andere Hälfte wird in Paris gezeigt werden, wohin die Kölner Ausstellung im März wandert) machte unter Kollegen Furore.

          Wie auch Tintorettos Porträts, die zunächst noch akribisch dem Vorbild des großen Rivalen Tizian folgten, um dann aber mit einem Selbstporträt von 1547 eine Intensität zu entwickeln, die noch ein halbes Jahrhundert später Rubens begeisterte, dessen „Selbstbildnis im Kreis der Mantuaner Freunde“ aus eigenem Besitz das Kölner Museum hier noch überraschend ergänzt: Zwei Malergiganten schauen uns jeweils über die Schulter an, aber der jüngere hat selbst heute noch erkennbar nur Augen für den älteren.

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