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Thomas Struth: Unconscious Places In einer anderen Stadt

In den siebziger Jahren begann Thomas Struth menschenleere Straßenzüge zu fotografieren: Seine Aufnahmen sind nun in einem großartigen neuen Buch versammelt.

Eine Seitenstraße in Manhattan, vielleicht am frühen Morgen; ein schwerer Cadillac, weiter hinten zwei Lieferwagen. Mehr ist auf den ersten Blick nicht zu sehen, kein Mensch, keine Bewegung, nur die „One Way“-Schilder führen ein Ballett der Richtungspfeile auf. Ansonsten: blinde Fenster, starre Feuertreppen, das Schild „Park“ meint keine Natur, sondern nur immobilisierte Autos, weiteren Stillstand. Dann aber erkennt man in diesem Bild Trümmer: Bretter, aufgeweichte Kartons, Spuren einer Verwüstung, weiter hinten einen großen Schneehaufen: Man sieht Manhattan in einem Moment, in dem die Dinge wieder auftauchen, nachdem Schneemassen sie verschwinden ließen.

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Schneesturm in Manhattan verwandelt die Stadt schlagartig in etwas anderes: In wenigen Stunden treibt der Wind, der vom Meer kommt, den Schnee zu hohen Wehen auf, irgendwann fahren keine Autos mehr, die Häuser sehen wie dunkle Felsen aus, die Straßenschluchten wie Canyons - das sonst leuchtende, glitzernde Zentrum der Zivilisation erinnert schlagartig an die Wildnis einer amerikanischen Natur, die in so vielen Filmen und Gemälden der Hudson River School beschworen wird.

Thomas Struths Foto zeigt den Moment der Rückverwandlung, wo mit dem Schmelzen der Schneeberge die Stadt allmählich wieder Stadt wird. Eine andere Fotografie zeigt den Blick über den Broadway auf die Doppeltürme des World Trade Center, in einem ähnlich alltäglichen, fast banalen Moment im Jahr 1978 - bis man merkt, dass in diesem Bild eine ganze Formtheorie zu Amerika steckt.

Von der Horizontalen zur Vertikalen

Zwei Bewegungsrichtungen sind zu erkennen: die vertikale der Doppeltürme und die horizontale des Broadways, jenes Pfades, auf dem die Erschließung Manhattans stattfand. Schon lange vor den Europäern hatten Indianer Pfade zwischen Manhattans Sümpfen und Felsen in die Wälder geschlagen. Die Hauptpiste, der sogenannte Wickquasgeck-Pfad, durchquerte die Insel von Norden nach Süden. Die Holländer bauten diesen Pfad zu einer Straße aus, die sie „Breede Weg“ nannten, daher der Name.

Der Broadway war einer der ersten symbolischen Orte für die Expansion der Siedler, die später nach Westen zogen - wie überhaupt das 19. Jahrhundert von der horizontalen Expansion geprägt war: Es war das Jahrhundert des Trecks nach Westen, der Eisenbahn und der Eroberung der Prärien. Als diese horizontale Expansion mit der Urbanisierung von Los Angeles und San Francisco an ihr Ende kam und gleichzeitig in Cowboyromanen und Filmen fiktionalisiert wurde, suchte sich die amerikanische Erzählung eine andere Richtung - die Vertikale. Das 20. Jahrhundert war in den Vereinigten Staaten das Jahrhundert des massiven Hochhausbaus und, später, der Luft- und Raumfahrt: Hochhausarchitekten und Astronauten wurden die Cowboys der Vertikale. Dieses Umkippen der amerikanischen Erzählung von der Horizontale in die Vertikale wird in Struths Aufnahme fast schlagartig sichtbar: Es wirkt, als falte sich der Broadway um neunzig Grad in den Himmel hinauf.

Gleichzeitig zeigt in diesem Bild der Vergleich der alten Häuser im Vordergrund, deren Größe man anhand der mannshohen Fenster gut einschätzen kann, und der abstrakten Form des World Trade Center, dessen Fassade keine Rückschlüsse auf ihre Größe zulässt, eine weitere ästhetische Bruchkante zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Auch die maßlosen Türme erinnern an eine Naturgewalt, ein optisches Phänomen.

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Veröffentlicht: 05.01.2013, 19:22 Uhr

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