Home
http://www.faz.net/-gsa-75jca
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Thomas Struth: Unconscious Places In einer anderen Stadt

In den siebziger Jahren begann Thomas Struth menschenleere Straßenzüge zu fotografieren: Seine Aufnahmen sind nun in einem großartigen neuen Buch versammelt.

Eine Seitenstraße in Manhattan, vielleicht am frühen Morgen; ein schwerer Cadillac, weiter hinten zwei Lieferwagen. Mehr ist auf den ersten Blick nicht zu sehen, kein Mensch, keine Bewegung, nur die „One Way“-Schilder führen ein Ballett der Richtungspfeile auf. Ansonsten: blinde Fenster, starre Feuertreppen, das Schild „Park“ meint keine Natur, sondern nur immobilisierte Autos, weiteren Stillstand. Dann aber erkennt man in diesem Bild Trümmer: Bretter, aufgeweichte Kartons, Spuren einer Verwüstung, weiter hinten einen großen Schneehaufen: Man sieht Manhattan in einem Moment, in dem die Dinge wieder auftauchen, nachdem Schneemassen sie verschwinden ließen.

Niklas Maak Folgen:  

Schneesturm in Manhattan verwandelt die Stadt schlagartig in etwas anderes: In wenigen Stunden treibt der Wind, der vom Meer kommt, den Schnee zu hohen Wehen auf, irgendwann fahren keine Autos mehr, die Häuser sehen wie dunkle Felsen aus, die Straßenschluchten wie Canyons - das sonst leuchtende, glitzernde Zentrum der Zivilisation erinnert schlagartig an die Wildnis einer amerikanischen Natur, die in so vielen Filmen und Gemälden der Hudson River School beschworen wird.

Thomas Struths Foto zeigt den Moment der Rückverwandlung, wo mit dem Schmelzen der Schneeberge die Stadt allmählich wieder Stadt wird. Eine andere Fotografie zeigt den Blick über den Broadway auf die Doppeltürme des World Trade Center, in einem ähnlich alltäglichen, fast banalen Moment im Jahr 1978 - bis man merkt, dass in diesem Bild eine ganze Formtheorie zu Amerika steckt.

Von der Horizontalen zur Vertikalen

Zwei Bewegungsrichtungen sind zu erkennen: die vertikale der Doppeltürme und die horizontale des Broadways, jenes Pfades, auf dem die Erschließung Manhattans stattfand. Schon lange vor den Europäern hatten Indianer Pfade zwischen Manhattans Sümpfen und Felsen in die Wälder geschlagen. Die Hauptpiste, der sogenannte Wickquasgeck-Pfad, durchquerte die Insel von Norden nach Süden. Die Holländer bauten diesen Pfad zu einer Straße aus, die sie „Breede Weg“ nannten, daher der Name.

Der Broadway war einer der ersten symbolischen Orte für die Expansion der Siedler, die später nach Westen zogen - wie überhaupt das 19. Jahrhundert von der horizontalen Expansion geprägt war: Es war das Jahrhundert des Trecks nach Westen, der Eisenbahn und der Eroberung der Prärien. Als diese horizontale Expansion mit der Urbanisierung von Los Angeles und San Francisco an ihr Ende kam und gleichzeitig in Cowboyromanen und Filmen fiktionalisiert wurde, suchte sich die amerikanische Erzählung eine andere Richtung - die Vertikale. Das 20. Jahrhundert war in den Vereinigten Staaten das Jahrhundert des massiven Hochhausbaus und, später, der Luft- und Raumfahrt: Hochhausarchitekten und Astronauten wurden die Cowboys der Vertikale. Dieses Umkippen der amerikanischen Erzählung von der Horizontale in die Vertikale wird in Struths Aufnahme fast schlagartig sichtbar: Es wirkt, als falte sich der Broadway um neunzig Grad in den Himmel hinauf.

Gleichzeitig zeigt in diesem Bild der Vergleich der alten Häuser im Vordergrund, deren Größe man anhand der mannshohen Fenster gut einschätzen kann, und der abstrakten Form des World Trade Center, dessen Fassade keine Rückschlüsse auf ihre Größe zulässt, eine weitere ästhetische Bruchkante zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Auch die maßlosen Türme erinnern an eine Naturgewalt, ein optisches Phänomen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wolkenkratzer für Superreiche Ganz oben wohnt das Geld allein

Man kann nie zu reich oder zu dünn sein, heißt es. In New York gilt das mittlerweile auch für Häuser. In Manhattan entstehen reihenweise Wolkenkratzer für Milliardäre. Keineswegs jedoch, weil diese Menschen dringend Wohnungen brauchten. Mehr Von Boris Pofalla

11.12.2014, 16:30 Uhr | Feuilleton
New York Erste Mieter ziehen in One World Trade Center

13 Jahre ist es her, dass die Twin Towers des World Trade Centers in New York einstürzten und dabei mehr als 2700 Menschen in den Tod rissen. Jetzt kehrt das Geschäftsleben zurück. Mehr

05.12.2014, 10:19 Uhr | Gesellschaft
Britische Royals in Amerika William und Kate in New York eingetroffen

Der britische Prinz William und seine Frau Kate sind zu einem dreitägigen Besuch in den Vereinigten Staaten eingetroffen. New York putzt sich in Blau-Weiß-Rot heraus. Aber auch Kate weiß, welches Outfit in der Stadt gut ankommt. Mehr

08.12.2014, 06:19 Uhr | Gesellschaft
One World Trade-Fensterputzer Alarm in 240 Meter Höhe

Zwei Fensterputzer in New York sind am Mittwoch mit dem Schrecken davon gekommen. Offenbar war ein Halteseil ihrer Arbeitsplattform gerissen, als sie sich gerade über dem 68. Stockwerk des One World Trade Centers befanden. Mehr

13.11.2014, 14:17 Uhr | Gesellschaft
Prime Now Amazon liefert Pakete in New York in einer Stunde aus

Es geht noch schneller als nur am selben Tag. Amazon liefert Kunden in Manhattan für 7,99 Dollar das Paket innerhalb einer Stunde. Bald soll es den Service auch in anderen amerikanischen Städten geben. Mehr

18.12.2014, 18:34 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.01.2013, 19:22 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr