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Veröffentlicht: 27.12.2011, 17:00 Uhr

Thomas Rentmeister in Bonn Malen mit Penatencreme

Wie sieht Action Painting mit Gegenständen aus? Eine große Übersichtsschau im Bonner Kunstmuseum mit Werken von Thomas Rentmeister gibt die Antwort.

Als man die Formen, die Thomas Rentmeister sich ausgedacht hatte, vor knapp fünfzehn Jahren zum ersten Mal sah, waren sie unerhört. Glänzende Blasen aus Plastik und Seen aus Schokolade. Starke skulpturale Gesten waren das, ausgeführt mit stark duftenden Lebensmitteln oder giftigem Polyester. Seit Dieter Roth und Arman hatte das so niemand gewagt. Der 1964 geborene Bildhauer schöpfte gleichermaßen aus dem Fundus der Kunstgeschichte wie aus der Ästhetik des Alltags, und das Ungewöhnlichste an diesem Werk war wohl die Respektlosigkeit, mit der hier Leben und Kunst verschmolzen wurden.

Nun richtet das Bonner Kunstmuseum ihm eine große Übersichtsschau ein, die Fragen aufwirft: Wie wirken die einst so aufsehenerregenden Gesten heute? Welche neuen Formen findet der Bildhauer und was wollen diese sagen?

Wie um mögliche Bedenken vorweg zu nehmen, begrüßt die Ausstellung ihre Besucher mit einem Paukenschlag. Im Hauptraum hat Thomas Rentmeister eine opulente Installation angerichtet und sie „Muda“ genannt. Das ist japanisch und heißt „Verschwendung“ und führt in großer Geste und ganz in Weiß zusammen, was man von ihm kennt: mit Penatencreme eingeriebene Kühlschränke, Kleidung, Plastikmöbel, Verpackungen, Taschentücher und Mehl.

Das, was er selbst „Actionpainting mit Gegenständen“ nennt, offenbart viele Schauwerte: Reste eines Plastikzauns, die aus einem Berg Zucker ragen wie Schilf aus einer Düne. Ein Haufen Wäsche, zu runzliger Masse gepresst. Profilleisten und Kühlschrankgitter, die sich zu bizarren Kristallen formieren. Luffaschwämme, Tampons und Kerzen, die wirken wie Zündelemente eines Raumschiffs. Dieser Abgesang auf die moderne Zivilisation ergießt sich überaus effektvoll in den Raum, doch man hätte sich die Fülle präziser orchestriert gewünscht: weniger Material, mehr Härte, weniger Caspar David Friedrich, mehr Donald Judd.

Irritation trotz Bekanntheit

Die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung gibt sich dagegen unspektakulär: Zum ersten Mal zeigt Thomas Rentmeister seine Zeichnungen. Die früheste entstand 1982, da war er gerade achtzehn und porträtierte seine Mutter. Doch der junge Künstler, der bei Günther Uecker und Alfonso Hüppi an der Düsseldorfer Akademie studierte, wollte keinem Stil folgen, er wollte alles: also zeichnete Rentmeister wie Francis Bacon, wie Konrad Klapheck, wie Pierre Soulages. Das sieht ebenso virtuos wie größenwahnsinnig aus. In diesen frühen Blättern scheint bereits alles auf, was später in seinem bildnerischen und skulpturalen Werk vorgeführt werden sollte: die Lust am Kitsch, das Interesse für das Körperhafte eines alltäglichen Gegenstandes, aber ebenso das Gespür für die Wirkung einer archaischen Form wie einem schwarzen Quadrat auf weißem Papier.

In einer präzisen Zusammenstellung neuer und älterer Arbeiten führt Kurator Christoph Schreier durch den Kosmos Rentmeister, in dem man auch auf alte Bekannte trifft. So sind die schmelzenden Polyester-Blobs zu sehen und ebenso das kleine, unerträglich niedliche Mädchen im karierten Hemd, das sich auf zwei Holzschemel stützt. Bei genauer Betrachtung hat die Puppe weder Arme noch Kopf: Rentmeister deutet die Silhouette nur an, alles andere geschieht in der Vorstellung des Betrachters. Rentmeister weiß genau, wann er aufhören muss, damit es weh tut und aufschreckt, so auch in seiner berühmten „Gemütlichkeitshütte“, in der eine ganze Volksmusikkapelle in einen hölzernen Verschlag hinter Butzenscheiben eingesperrt scheint und dort ihrer lärmenden Tätigkeit nachgeht.

Zwischen brauner Schokolade und weißer Creme

Wer Thomas Rentmeister jedoch bloß als Chefironiker begreift, übersieht seine sich immer neu erfindende, präzise Lust, die Welt in Formen zu gießen, die uns vertraut und doch fremd sind. Die 2010 entstandene Skulptur „Der Staatsanwalt“ bewegt sich genau auf der Grenze zwischen Verspieltheit und Härte. Aus einer Art vergrößertem, stählernen Schirmständer mit schwarzem Fuß wächst das kahle Gestänge eines Schirms, das rundherum mit gehäkelten Objekten behängt ist, die unweigerlich an Tampons denken lassen. Jeder Funktion beraubt, ist das Objekt feierlich und lächerlich zugleich: Es könnte ein Karussell sein, doch es dreht sich nicht. Es könnte ein Schirm sein, wenn es denn eine Bespannung hätte. Die boshafte Präzision dieser Arbeit lässt sich wohl nur durch eine sehr unangenehme Begegnung mit einem Vertreter dieses Berufsstandes erklären.

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Im Raum nebenan dann offenbart sich jenes Maß an Konzentration und Monumentalität und Frechheit, wie es wohl nur Thomas Rentmeister beherrscht - bis heute. Zwei Bildkörper von je zwölf Metern Länge und dreieinhalb Metern Höhe hängen sich gegenüber: Der eine gemalt mit Penatencreme, der andere mit dunkler Schokolade. Wie zwei Kämpfer im Ring wirken die für Bonn entstandenen Objekte - oder wie ein ironisches Yin und Yang der Kunstgeschichte. Denn natürlich fungieren die Bilder im Kontext dieses Hauses nicht zuletzt als humorvolle Reverenz an die Farbfeldmalerei, aber ebenso an Philip Gustons „Bad Painting“ oder das endlose Weiß eines Robert Ryman.

Doch es geht dem Künstler dabei nicht um bloße Ironie: Dafür sind seine Tableaus zu wuchtig und die malerischen, nur mit den Händen aufgebrachten Gesten zu sorgsam gesetzt. Sie erteilen dem künstlerischen Anspruch auf Ewigkeit eine radikale Absage, denn am Ende wird, typisch Rentmeister, die große Behauptung einfach ausgelöscht: Creme und Schokolade werden abgekratzt, der Holzkorpus zerstört. Zugleich läßt sich der Kontrast aus Monumentalität und Vergänglichkeit auch als Allegorie auf einen Kunstbetrieb lesen, in dem die Halbwertzeit der Gegenwartskunst immer kürzer wird und das Teuerste manchmal einfach nur ein Fake ist. Wahrscheinlich war Thomas Rentmeister nie aktueller.

Thomas Rentmeister. Objects. Food. Rooms. Im Kunstmuseum Bonn bis 5. Februar, vom Sommer an im Perth Institute of Contemporary Arts. Der Katalog kostet 39,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 

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