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Thomas Demands „Nagelhaus“ Darf ein Volksentscheid Kunst verhindern?

25.09.2010 ·  Der Idee des Künstlers Thomas Demand, ein abgerissenes chinesisches Haus in Zürich wiederzuerrichten, begegnet die Schweizer Volks Partei mit einer Volksabstimmung. Soll Kunst in einem demokratischen System abwählbar sein?

Von Peter Geimer
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Eine der bekanntesten Fotografien des kanadischen Künstlers Jeff Wall trägt den Titel „The Storyteller“. Das Bild zeigt eine Grünfläche unterhalb einer Betonbrücke in Vancouver, auf der sich ein paar verstreute Stadtbewohner niedergelassen haben. Wall verteilt die Personen wie Gestrandete über das unwirtliche Gelände und vermeidet jeden Anschein von Idylle. Trotzdem ist das Bild mehr als eine zivilisationskritische Anklage. Denn bei näherem Hinsehen stellt sich der Eindruck ein, dass die Dargestellten den Ort auch als eine urbane Nische begreifen. Der rohe Sichtbeton der Brücke ist abweisend und grau, zugleich dient seine Einbuchtung dem darin Hockenden aber auch als eine neuzeitliche Höhle.

In dieser Mehrschichtigkeit erinnert die Szenerie an das Projekt, mit dem der Berliner Künstler Thomas Demand sich gemeinsam mit dem Londoner Architekturbüro Caruso St. John an einem gestalterischen Wettbewerb für den Zürcher Escher-Wyss-Platz, eine städtebauliche Altlast der siebziger Jahre, beteiligt hat. Es sieht vor, dass unter einer Brücke im ehemaligen Industriequartier der Stadt ein chinesisches Haus rekonstruiert wird, dessen Bild vor einigen Jahren durch die Presse ging. Das sogenannte „Nagelhaus“ in der chinesischen Metropole Chongqing stand für den Widerstand seiner Bewohner, die sich bis zuletzt geweigert hatten, der kommerziellen Umnutzung ihres Quartiers zu weichen (siehe Wählt Kunst!).

Wenn das längst zerstörte Haus nun als architektonisches Phantombild in einem anderen Erdteil wiederauftaucht, geht es wie immer bei Demand nicht um die genaue Wiederherstellung eines verlorenen Originals. Was hier konstruiert werden soll, ist vor allem ein Abbild, das sich längst von seinem Vorbild gelöst hat und im Westen ein mediales Eigenleben führt. Ein Wiedergänger des Nagelhauses würde in Zürich, an einem neuralgischen Punkt der Stadtentwicklung, eine Art Sammelstelle bilden, an der sich die Geschichte des Hauses aus Chongqing und sein begehbares Nachbild zu einem vielschichtigen Ensemble verdichten. Überdies könnte man dort aber auch vierundzwanzig Stunden am Tag ein warmes Essen bekommen, ausruhen, reden, Zeitungen kaufen und dem brachliegenden Platz eine neue Funktion geben. Der künstlerische Beitrag wird hier nicht als die übliche „Kunst am Bau“ einfach angestückt, sondern ist dem Gesamtentwurf im Kern implementiert; das Kunstwerk würde die Stadt auch für diejenigen verändern, die es als Kunstwerk nicht erkennen.

Im Baumarkt ist es billiger

Doch obwohl der Zürcher Gemeinderat dem Projekt mehrheitlich zugestimmt hat, müssen am kommenden Sonntag die Bürgerinnen und Bürger von Zürich über das Projekt abstimmen – und Abstimmungen über Kunst im öffentlichen Raum sind auch in der Schweiz kein gewöhnlicher Vorgang. Wie kam es also dazu? Vorausgegangen war die Arbeit einer Jury, die den Entwurf von Demand und Caruso St. John als besten Beitrag ausgewählt hatte. Die Schweizer Volks Partei (SVP) hat jedoch die notwendigen Unterschriften gesammelt, um das Projekt direkt an die Wahlurne zu bringen.

Außerhalb der Schweiz hat die SVP sich bisher vor allem durch ihre rassistischen Plakate zur „Ausschaffung“ straffälliger Ausländer oder zum Minarett-Verbot einen Namen gemacht: Da wird ein dunkles Schaf von weißen Schafen mit einem Fußtritt aus der Gemeinschaft weggekickt, Hände dunkelhäutiger Menschen greifen gierig in eine Kiste mit Schweizer Pässen, eine Bastion raketenförmiger Minarette verdunkelt das Heimatland, eine Muslimin fixiert die Eidgenossen mit finsterem Blick. „Es gibt Dinge, da lohnt es sich zu kämpfen“, kommentiert Mauro Tuena von der SVP die Aktion – einen Kampf, der die Partei diesmal tief in das unübersichtliche Dickicht der Gegenwartskunst führt. Es ist schwer zu sagen, ob sie dort die Orientierung verloren hat oder aber das Nagelhaus-Projekt gezielt in einer demagogisch zurechtgestutzten Schrumpfversion präsentiert.

Nach Ermessen der SVP handelt es sich bei dem Projekt in erster Linie um ein „WC-Haus mit etwas Kunst“. Der Umstand, dass in der Ausschreibung der Stadt neben einem Kiosk und einem Bankautomaten auch ein WC vorgesehen war, wird genutzt, um auf Propagandaplakaten das Ensemble als eine reichlich überteuerte Toilette darzustellen. Das Gesamtkonzept wird dabei ebenso verschwiegen wie der Umstand, dass Demand an dem Projekt gar nichts verdienen würde und die Kosten durch die üblichen Bauauflagen zustande kommen. Dem Kunstverständnis der SVP gemäß ließe sich demnach eine Skulptur des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti auf folgende Kurzformel bringen: „Ein Kilo Bronze für vierhunderttausend Schweizer Franken! Im Baumarkt wäre das Material für nur 170 Franken zu haben gewesen!“

Allianz der Extreme

Das Plakat der SVP zeigt eine goldene Kloschüssel mit Namen „Nagelhaus“, darüber die Aufschrift: „5,9 Mio. für e Schiissi!“ – sinngemäß vermutlich: „Dieses Projekt ist teure Scheiße.“ Damit hat die SVP die Auseinandersetzung um zeitgenössische Kunst auf ein Niveau verfrachtet, aus dem es die Befürworter des Projekts in ihren Gegenkampagnen jetzt mühsam wieder herausbringen müssen. Sozialdemokraten und Grüne setzen sich für das Nagelhaus ein, und ein Komitee „Pro Nagelhaus – für mehr Anstand in der Politik“ sammelt Unterschriften im Netz. Auf der Architekturbiennale in Venedig zeigt Demand zurzeit ein fast lebensgroßes, abstrahiertes Modell des geplanten Baus, das er aber nicht als Vorwegnahme des Projekts in Zürich verstanden wissen will.

Die Befürworter des Projekts produzieren währenddessen Gegenbilder zur diffamierenden Kloschüssel; sie zeigen auf ihren Plakaten ein positives, möglichst realistisches Bild des Escher-Wyss-Platzes mit dem gebauten Haus und einladenden roten Lampions; in der abendlichen Szene flanieren entspannte Menschen in Richtung Nagelhaus, den „neuen Treffpunkt für Zürich-West“. Neben SVP und FDP stellt sich hingegen auch die linke Alternative Liste gegen das Projekt. Einer ihrer Vertreter im Gemeinderat greift das Projekt als „kulturelle Veräppelung“, als „Design“ und sogar als „billige Verhöhnung des Widerstands vieler Menschen dieser Stadt“ an. Damit wird auf die Proteste gegen die städtebauliche Zerstörung des Zürcher Westens in den siebziger Jahren angespielt. Inwiefern Demand und Caruso St. John, die auf diese historische Situation ja gerade reagieren, irgendjemanden verhöhnen, ist rätselhaft. So rät nun auch die AL im skurrilen Einklang mit den Rechtspopulisten zum „Nein“.

Aber in dieser Debatte geht es nicht einfach um ein „Ja“ oder „Nein“. Die Diskussion um das Dafür oder Dagegen verdeckt die grundsätzlichere Frage, ob in einem demokratischen System Kunstwerke abwählbar sein sollen. Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, Kunst als integralen Teil ihrer Kultur zu akzeptieren, kann diese Akzeptanz nicht bei Bedarf aus den Angeln heben, die Arbeit von Jurys annullieren und Kunst mal durchwinken, mal im Kollektiv zu Fall bringen. Künstlerische Projekte, ganz gleich, ob man sie im Einzelfall schätzt oder nicht, lassen sich nicht taxieren wie eine lokale Umgehungsstraße oder ein Flächennutzungsplan. Deshalb sind die Zürcher Eidgenossen an diesem Sonntag um ihre Wahlfreiheit nicht zu beneiden. Denn diese Freiheit ist doppelbödig, und die Entscheidung kann nur fragwürdig sein. Ganz gleich, wie die Wähler über das Nagelhaus entscheiden – problematisch ist, dass diese Abstimmung überhaupt stattfindet.

Der Autor ist Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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