01.08.2009 · Die temporäre Kunsthalle Berlin ist binnen kurzer Zeit zu einem Lehrbeispiel für verkorkste Kulturpolitik geworden. Das auf Massen und Marketing angelegte Konzept stößt weder bei Besuchern noch bei Politikern auf Resonanz.
Von Niklas MaakDies ist die traurige Geschichte einer verpassten Chance. Wie so einige dieser Geschichten spielt sie in Berlin, auf dem leeren Platz, auf dem der Palast der Republik stand und auf dem einmal ein rekonstruiertes Stadtschloss entstehen soll und auf dem zurzeit nur die „temporäre Kunsthalle“ steht, die im vergangenen Jahr in einer blauweißen Kartonarchitektur am Rand dieses Platzes eröffnete und binnen sehr kurzer Zeit zu einem Lehrbeispiel für eine vollkommen verkorkste Kulturpolitik geworden ist.
Was ist passiert? Im Dezember 2005 hatten sich zahlreiche in Berlin ansässige Künstler zusammengetan und in einer weißgestrichenen Halle im alten, schon dem Abriss geweihten Palast der Republik eine Ausstellung eingerichtet, die vor allem eine doppelte Institutionskritik war: Kritik an den behäbigen staatlichen Museen, die nicht in der Lage waren, die aktuelle Kunstproduktion, die in Berlin stattfindet, in Ausstellungen zu reflektieren – und Kritik an der Architekturpolitik von Stadt und Bund, die eifrig all die leeren Berliner Stadtbrachen und Ruinen beseitigte, in denen sich Künstler einnisten und jene Energie entfalten können, mit der das örtliche Stadtmarketing dann immer gern wirbt.
Der Masse entgegenkommen
Die Ausstellung von 2005 war ein derart großer Erfolg, dass zwei der Mitorganisatorinnen, Coco Kühn und Constanze Kleiner, nach dem Abriss des Palasts am selben Ort eine temporäre Kunsthalle errichten wollten. Sie fanden in Dieter Rosenkranz einen Mäzen, der für diesen Einsatz prinzipiell gelobt werden muss, versammelten die Museumsleiter Katja Blomberg, Julian Heynen, Dirk Luckow und Gerald Matt zum „künstlerischen Beirat“, jagten ein Konkurrenzprojekt der Zeitschrift „Monopol“ vom Feld und bekamen von der Kulturpolitik der Stadt Berlin grünes Licht für eine Ausstellungskiste, deren Baukosten Rosenkranz trug – und nach ein paar mäßig bis überhaupt nicht gut besuchten Ausstellungen waren alle heillos miteinander zerstritten: Kleiner (deren Besetzung laut Rosenkranz „eine Fehlentscheidung“ war) musste die Leitung ebenso abgeben wie der Geschäftsführer Thomas Eller; Rosenkranz ist enttäuscht und dazu jetzt allein mit dem Kasten, weil auch der Beirat mittlerweile zurückgetreten ist. („Wir hätten am liebsten schon am Tag der Eröffnung aufgegeben“, sagt ein Mitglied.) Der neue Geschäftsführer Benjamin Anders soll jetzt richten, was noch zu richten ist.
Nun ist es nicht nur für die Verantwortlichen der temporären Kunsthalle, sondern auch für alle, die – wie Bürgermeister Klaus Wowereit – eine dauerhafte neue Kunsthalle anschieben wollen, interessant zu erfahren, warum dieses Projekt nicht wurde, was es hätte werden können. Neben persönlichen Querelen – vielleicht waren acht Leute ein paar Entscheider zu viel für eine so kleine Halle – war der Grundansatz problematisch. Man habe, so ein Mitglied des Beirats, „Kunst dezidiert nicht für die Kunstszene, sondern für das große Publikum, für Touristen zeigen“ wollen. Die bekundeten allerdings weniger Interesse als erwartet, was in der Natur der Sache liegt: Gerade Touristen suchen ja, wenn sie überhaupt Gegenwartskunst sehen wollen, eher Hinterhöfe mit Untergrund-Aura und keine Kunst, die ihnen so weit entgegenkommt, dass sie auch fast hätten zu Hause bleiben können.
Was in der blauweißen Kiste gezeigt wurde, war mit wenigen Ausnahmen auf vermutete Massenkompatibilität hin ausgesucht; so entstand ein seltsamer Kunstbegriff, der darauf hinauslief, dass Kunst etwas sei, was leicht verständlich, durch surreale Anflüge lustig, etwas zum Mitpfeifen (Candice Breitz), schön bunt (Katharina Grosse) und insgesamt eine unterhaltsam umdekorierte Version dessen wäre, was man kennt. So sieht „Kunst“ aus, die das Stadtmarketing mag.
Hauptsache, es kostet nichts
Der eigentliche Skandal im Kunsthallenfall ist aber die Indifferenz der Berliner Stadtbau- und Kulturpolitik. Man hätte einen Architekturwettbewerb ausrufen können; es gibt einfallsreiche Architekten, die wie etwa das Büro Raumlabor mit seinem „Küchenmonument“ oder wie Arno Brandlhuber in Berlin bewiesen haben, dass sie mit knappen Mitteln Orte schaffen können, die gleichzeitig Bühne für ein anderes soziales Leben, Aussichts- und Treffpunkt hätten sein können. Stattdessen nahm man ohne Not den Karton. Das Argument, es habe ja schnell gehen müssen und nicht viel kosten dürfen, ist dabei keins: In London wird jedes Jahr ein temporäres Gebäude für die Serpentine Gallery errichtet, Architekten aus aller Welt reißen sich darum, den Pavillon bauen zu dürfen. Der temporäre Kunstort hätte ein Ereignis, ein Treffpunkt, ein Signal dafür werden können, wie öffentliches Leben in einer Stadt auch noch aussehen kann. Stattdessen wurde nach dem kulturpolitischen Motto „Hauptsache, es ist Kunst drin, es kostet nichts, und man kann mitsingen“ verfahren.
Vielleicht wird noch etwas aus der temporären Kunsthalle – immerhin ist jetzt der Eintritt frei, die aktuelle Schau des Künstlerduos Allora & Calzadilla besser als die davor. Vor allem aber sollte man, bevor man eine neue Kunsthalle baut, genau überlegen, was man von Kunst erwartet, wie man sie zeigen will – und wie ein Kulturgebäude aussehen muss, das mehr als den immer gleichen Karton mit Café und Museumsshop bietet.