Holz ist ein Handschmeichler und eine Augenweide. Und eine Wonne für den Geruchssinn ist es auch. Herrlich, wenn in einem alten Treppenhaus die Hand über einen hölzernen Handlauf gleitet, wenn auf Böden Parkett honigfarben schimmert. Kindheitserinnerung, wenn wir, egal ob in einem Gasthof oder einer Pizzeria, gut gelagertes Brennholz riechen.
Diese Gefühle sind Fundamente der Denkmalpflege - Fachwerk kann bundesweit auf einen Gefallensbonus setzen. So wundert es eigentlich nur, dass die Organisatoren des „Tags des offenen Denkmals“ nicht schon früher ihre Veranstaltung unter das Motto „Holz“ gestellt haben. Jetzt ist es so weit, und man darf sicher sein, dass heute der letztjährige Rekord von 4,5 Millionen Besuchern gebrochen wird. Das ist gut so, denn dadurch wird der Öffentlichkeit deutlich werden, dass im Bau- und Werkstoff Holz weit mehr steckt als anheimelnde Idylle.
Ohne die waghalsigen Dachstuhlkonstruktionen der Gotik wären die himmelstürmenden Kirchturmspitzen vieler unserer Dome nicht entstanden, gäbe es die Kräne - in Würzburg und Saarbrücken zum Beispiel kann man sie noch bewundern - alter Häfen nicht, auch nicht die Wind- und Wassermühlen, die Speicher der Hanse- und die ersten Fabriken unserer Industriestädte. Und was wären die Akustik und die Atmosphäre beispielsweise des Festspielhauses in Bayreuth oder von Goethes zierlichem Theater in Bad Lauchstädt ohne ihre noble innere Holzverkleidung?
Nicht ohne Tücken
Zeitweise ist viel ideologischer Missbrauch mit dem Material Holz getrieben worden. Die Nationalisten des neunzehnten Jahrhunderts hatten den Fachwerkbau zum Inbegriff nordisch-germanischen Bauens verklärt, zum „Urstoff des Deutschtums“; die Nationalsozialisten sanierten mit Feuereifer historische Fachwerkstädte als Kronzeugen „deutschen Handwerkertums“ und blendeten ihren Siedlungsbauten im Zeichen von „Blut und Boden“ gern angeblich fränkische oder alemannische Fachwerkgiebel vor.
Diese Auswüchse sind gottlob gründlich vergessen. Doch die Aura der alltagsfernen zeitenthobenen Idylle, die heute das Fachwerk-Erbe umschließt, ist auch nicht ohne Tücken. Geschützt ist, was gefällt - und dieses Gefallen kann schädlich sein für jeden Holzbau, der nicht den landläufigen Vorstellungen vom Putzigen, Hübschen oder Kuriosen entspricht. Symptomatisch dafür ist die Antwort des Bauministers Ramsauer, der vor wenigen Tagen bei der Eröffnung des Deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig (F.A.Z. vom 30. August) erklärte, das staatlich geförderte energetische Nachrüsten unseres Baubestands mache selbstverständlich halt „vor einem schönen alten Fachwerkhof“.
Neue Chancen für den Baustoff Holz
Ramsauers Beteuerung ignoriert (unwissentlich?) die zahllosen historischen Holzbauten, die kein Schmuck-, sondern lediglich schlichtes Konstruktionsfachwerk aufweisen. Und was geschieht mit den Tausenden Fachwerkhäusern, die unsere Eltern und Großeltern verputzen ließen, um die angeblich mühsamere Pflege der Balken zu vermeiden? Dürfen sie alle künftig in die elenden dicken Isoliermatten des Ökofanatismus gepackt werden?
Wir wollen nicht schwarzsehen. Denn die Liebe zum historischen Fachwerk eröffnet dem Baustoff Holz neue Chancen. So wäre zum Beispiel das Frankfurter Bauprojekt des wiedererstehenden Altstadtviertels zwischen Dom und Römer ohne die Aussicht auf Rekonstruktion berühmter historischer Fachwerkhäuser sicher nicht zustande gekommen. Eines ist das Eckhaus „Zur Goldenen Waage“, ein 1619 erbautes, hohes und schlankes Wunderwerk der Zimmermannskunst mit üppigem Zierrat, in dem Funktion und Fiktion eins sind. Übertreffen wird diesen Nachbau wohl noch der des benachbarten „Roten Hauses“. Das Original war 1360 als Fachwerkbau entstanden, dessen insgesamt fünf stattliche Obergeschosse allein auf drei mächtigen Eichenholzsäulen ruhten, die im Erdgeschoss einen öffentlichen Durchgang bildeten.
Ohne den Wahn der Passivenergiefundamentalisten
Das Rote Haus war von Beginn an durchgehend rot verputzt. Trotzdem war und ist es in Frankfurt der Inbegriff dessen, was Holzbau an technischen Meisterleitungen zu vollbringen imstande ist - und der Beweis, dass dieses Material bei entsprechender Pflege Jahrhunderte überdauert. So ebnete die Sehnsucht nach der Vergangenheit künftigem Bauen mit Holz den Weg. Denn unter den neuen Häusern, die zwischen den Rekonstruktionen geplant sind, werden mehrere Holzkonstruktionen sein: frei von Tümelei, aber voll an Erfahrung mit dem Material.
Möglich sind die neuen Holzhäuser, weil Frankfurt den aktuellen Passivhausstandard am historischen Ort flexibel handhabt. Umso leichter ist dadurch zu erkennen, dass Holz ein atmendes, dauerhaftes und elastisches, also ein nachhaltiges Baumaterial ist - und ein nachwachsender Rohstoff. Vielleicht wird das die wichtigste Erfahrung des Denkmalstags 2012 sein: dass unser bauliches Erbe zeigt, wie wir in einigen Bereichen nachhaltig bauen können, ohne dem Wahn der Passivenergiefundamentalisten zu verfallen, die beispielsweise ganz Tübingen verpacken und die Dachlandschaft der Marburger Altstadt zum Siegelkabinett der Solarenergie mutieren lassen wollen.
Doch auch wer Atem holen will angesichts widersinniger Baupolitik oder Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen, wird den Tag des offenen Denkmals genießen können. Dann zum Beispiel, wenn die Dielen des Frankfurter Goethehauses oder des Dichterhauses am Weimarer Frauenplan, die Parkette im Schloss Neuschwanstein oder dem Neuen Palais zu Potsdam diesen längst vergessenen Duft nach Bohnerwachs ausströmen, der Heimweh weckt.
Korrektur
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 09.09.2012, 13:37 Uhr
Vielen Dank, Herr Bartetzko,
Anette Wörner (Brel1)
- 09.09.2012, 11:15 Uhr