07.11.2005 · Von Andy Warhol bis zum „Big Brother“-Container: Die Wiener Ausstellung „Superstars - das Prinzip Prominenz“ veranstaltet eine grandiose Abschiedsrevue. Und merkt es gar nicht.
Von Peter RichterDer Superstar, wie wir ihn kannten, wurde leider nur vierzig Jahre alt. Die Frage ist, wie es dazu kam. Wie, wo und wann er zur Welt kam, läßt sich dagegen ziemlich genau sagen, nämlich mit einer Fotostrecke des halbkriminellen Performers Jack Smith in „GNAOUA #1“ (1964, S. 68 ff.). „Superstars of Cinemaroc“ lautete der Titel, und der erste Name in der Liste war der von Francis Francine, „Cinemaroc's Number One Superstar and Ex Sideshow Hermaphrodite“.
Mit anderen Worten: Der allererste Superstar der Welt war eine halbvergessene Transe. Vorher gab es nur herkömmliche Stars. Daß deren Strahlen noch einmal in den Schatten gestellt werden könnte, war zunächst einmal nichts als eine Behauptung aus dem schwulen Underground, eine Persiflage auf den Glamour Hollywoods und eine self-fulfilling prophecy aus dem Umkreis Andy Warhols.
Und die große Wiener Ausstellung „Superstars - das Prinzip Prominenz“ kann mit der ersten Nummer jener apokryphen Filmzeitschrift, in welcher der Begriff zum ersten Mal auftauchte, nicht nur seine Geburtsurkunde vorweisen; sie zeigt auch das klägliche Ende dieses Prinzips: den heterosexuellen, speckigen, weißen Eurotrash im „Big Brother“-Container. Die staatliche Kunsthalle Wien und das private BA-CA-Kunstforum haben sich zusammengetan, um ihm gemeinsam die Sakramente zu erteilen.
Suggestiver Sound
Und wenn man sich in Wien auf etwas versteht, dann ja bekanntlich auf die opulentestmögliche Drapierung von Leichnamen. Außerdem ist, wer Monroe, Warhol und Madonna auf seine Plakate drucken kann, ohnehin schon mal auf der sicheren Seite und darf auf ein dankbares Publikum setzen. Die Ausstellung funktioniert wie die nostalgischen Weißt-du-noch-Sendungen im Fernsehen, die Künstlerliste ist ein Who's who so ziemlich aller wichtigen Künstler, die sich in den letzten Jahrzehnten mit den auratischen Phänomenen der Populärkultur befaßt haben. Und der prachtvolle Katalog ist vielleicht die letzte Gelegenheit, noch mal in dem angenehm suggestiven Sound der Cultural Studies zu baden, in Texten wie DJ-Sets aus den neunziger Jahren, voller harter Theorieriffs und den besten Benjamin/Debord/Foucault-Samples.
Allein schon diese Lektüre macht wehmütig: Mann, war das schön früher, als die Welt noch in Ordnung war und man noch das kritisieren konnte, was man eigentlich liebte. Denn natürlich ist das keine rein affirmative Angelegenheit, auch mit Kritik wird, wie die Kuratoren versichern, nicht gespart. Aber gerade diese Haßliebe ist schließlich der Kern allen Fanseins, und die kritische Analyse des Starrummels war gerade für Brillenträger schon immer das probateste Mittel, selber daran teilhaben zu können.
Die beiden Häuser, auf die sich die Ausstellung verteilt, gehen dabei vor wie konkurrierende Devotionaliensammler, wobei die Kunsthalle ihre Besucher so eng und zwingend durch ihren Parcours führt, wie man das aus zu Museen umgebauten Geburtshäusern berühmter Leute kennt, während das Kunstforum eher kulturelle Echokammern eingerichtet hat. In beiden Fällen kristallisieren sich zwei grundsätzliche Erzählstränge heraus. Der eine handelt von der sukzessiven Zurücknahme einer Selbstüberhöhung. Bei dem anderen geht es um etwas, was man mit Ortega y Gasset als „deshumanizacion“ beargwöhnen könnte: um die Abkopplung der Prominenz von ihrem menschlichen Träger, um nicht zu sagen Wirtstier.
Prinzipielle Prominenz
Erstens ist da also die Geschichte, wie der Künstler vom Star zum Fan wurde. Von Warhol, der in seiner ersten Factory mit Leuten wie Edie Sedgwick oder eben auch Francis Francine demiurgisch Superstars schaffen wollte und darüber selbst zu einem wurde, bis zu den vielen Künstlern, die dem Prinzip der Prominenz und der Aura der Stars spätestens seit den neunziger Jahren nicht mehr wesentlich anders gegenüberstehen als zahnspangentragende Take-That-Fans dem Hinterausgang ihres Hotels. Aus der mimikryhaften Anmaßung wird im Lauf weniger Jahrzehnte ein auffallend demütiges Räsonieren über Prominenz, Vorbildwirkung und Anziehungskraft von Stars.
Eben noch stand man vor Nam June Paiks Ego-Maschine, auf der er 1974 wie ein narzißtischer Bruder von Jack Nicholson in „Shining“ immer nur seinen eigenen Namen tippte, und nur wenige Räume später kann man zusehen, wie die hochpräzise Südafrikanerin Candice Breitz so ziemlich alle weiblichen Ikonen des Gegenwartskinos zwischen Julia Roberts und Cameron Diaz imitiert, wie Rodney Graham den tristen Geburtsort von Kurt Cobain mit erschütternder Ergebnislosigkeit bepilgert oder wie die Künstlerin Orlan mit Hilfe zahlloser plastischer Operationen physiognomisch der Mona Lisa und anderen kunsthistorisch kanonisierten Schönheiten nahezukommen versucht, und zwar recht erfolglos, wie man leider hinzufügen muß.
Schattige Superstars
Es sind zum Teil sehr aufopferungsvolle Proben einer aktiven und teilnehmenden Bewunderung, die hier versammelt sind. Und wenn es selbst Künstler oder sogar Kunstwerke sind, die es zu Starruhm gebracht haben, dann kommt die künstlerische Auseinandersetzung der Nachgeborenen damit oft einer freiwilligen Sisyphusarbeit gleich. Je länger die Schatten werden, welche die alten Superstars werfen, desto besser läßt sich offenbar dagegen boxen oder darin ausruhen. Das wird nirgends deutlicher als in den beiden Räumen, in denen diese Ausstellung ganz zu sich selbst kommt, nämlich, erstens, da, wo sie zeigt, was alles aus dem auf vergleichsweise wenigen Bildern beruhenden Image der Marilyn Monroe wurde - und das ist, abgesehen von der Reinkarnation durch Madonna, eine ganze Menge hervorragender Kunst von Claes Oldenburg bis Paul Pfeiffer.
Und zweitens ist da, im Kunstforum, eine Art Kultstätte rund um Joseph Beuys und dessen Auftritt als goldglänzende Erlöserfigur mit „La rivoluzione siamo Noi“ von 1972. Um ihn herum findet sich eine ganze Sammlung an Reliquien auratischen Künstlertums von Duchamp, Dali und Picasso über Marzona mit seinem in Konservendosen verpackten und mit Gold aufgewogenen Künstlerkot bis zu den „Malerfürsten“ Lüpertz und Immendorff. Und dazu dann die Kommentare und Paraphrasen von diesseits der achtziger Jahre: Maurizio Cattelan läßt eine Puppe mit den eigenen Gesichtszügen im beuysschen Filzanzug hilflos an einem kunsthistorischen Kathederständer baumeln, und der junge niederländische Künstler Marc Bijl stürzt Beuys gleich ganz vom Sockel der Behauptung, die Revolution zu sein, und mit ihm auch eine ganze Generation von Ökosozialisten. Anstelle von Beuys steht bei ihm eine augenscheinlich soeben dem Asphalt entstiegene und noch teertropfende Lara Croft mit mächtigen Brüsten und noch mächtigeren Pistolen.
Rührende Aggression
Mit der Computerspiel-Ikone Lara Croft war in den neunziger Jahren der erste komplett virtuelle Superstar aufgetaucht; und daß erst eine ganze Reihe von Jungschauspielerinnen verschlissen werden mußten, bis sich Angelina Jolie als vorläufige Croft-Darstellerin fand, zeigt, daß diese Hülle noch einmal etwas schwerer zu füllen ist als die Perücken von Marilyn Monroe und Andy Warhol und ohne menschlichen Wirtskörper am Ende sogar besser zurechtkäme.
Daß der Superstar eines Tages in seine einzelnen Bestandteile auseinanderfliegen würde, hatte sich als Tendenz bereits in den achtziger Jahren angekündigt, vor allem bei Michael Jackson und, in dessen Folge, bei Jeff Koons, die bis an ihr Lebensende mit dem Manko zu tun haben werden, daß sie die Welt leider noch mit Musik beziehungsweise Kunstwerken behelligen mußten, um von ihr als Superstars anerkannt zu werden. Inzwischen sind wir bei der Entkopplung von Substanz und Aura schon ein paar Schritte weiter, und in diese Richtung zielen letztlich die vielen Werke, die sich die Thesen Naomi Kleins zu Wesen und Unwesen von Marken und Logos zu Herzen nehmen.
Diesbezüglich gilt auch bei bildenden Künstlern die größte Haßliebe wie beim Rest der Welt natürlich McDonalds und Nike. Wenn dabei abermals Marc Bijl in einer nächtlichen Guerrilla-Aktion auf einem Berliner Basketballplatz die Logos des Sponsors Nike mit denen von Adidas übermalt, dann zeugt das von Aggressionen, die anheimelnd und rührend wirken im Vergleich zu dem, was andere junge Leute im Moment nachts auf den Straßen anderer europäischer Hauptstädte veranstalten.
Gegen den Glamour
Es ist eine grandiose Abschiedsrevue auf eine ganze Epoche, die die Kuratoren da in Wien ausgerichtet haben. Allerdings gegen ihren Willen. Im Katalog sprechen sie von „Medienikonen mit positiver Ausstrahlung als letzte Stabilitätsgaranten in einer globalen Gesellschaft, deren Wertesysteme und Ordnungsprinzipien einer zunehmenden Erosion unterliegen“. Es ist leider nicht ganz klar, wen sie dabei im Auge haben. Paris Hilton? David Beckham? Dieter Bohlen? Oder immer noch Robbie Williams, der sich soeben in seine eigene Restlaufzeit als verfettender Schlagersänger verabschiedet hat? Wer soll da ein Stabilitätsgarant sein? Und bei Bin Ladin kann man zwar von großer Prominenz, nicht aber von sonderlich positiver Ausstrahlung reden.
Spätestens seit nun auch in der deutschen Spitzenpolitik eine spezifisch ostdeutsche Glamourfeindlichkeit gegen die „Blender“ aus dem Westen triumphiert und alles Charismatische durch nackte, freudlose Substanz ersetzt hat, kommt einem diese Wiener Ausstellung wie ein wohliges Loch in der Zeit vor. Sie „will Glamour und Tristesse einer Welt zeigen, die sich immer mehr in ein ,künstliches Paradies' verwandelt“. Wenn die Welt das nur täte. Das wäre super.