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„Skulptur Projekte“ Münster : Der heiße Draht von Marl

Am kommenden Wochenende eröffnet in Münster die Schau „Skulptur Projekte“. Die Großausstellung lädt alle zehn Jahre Künstler aus aller Welt ein. Im Ruhrgebiet setzt sie jetzt schon einen Kontrapunkt.

          „Ich hoffe, es ist niemand vom Bauordnungsamt der Stadt Marl da“, strahlt Bürgermeister Werner Arndt in seiner launigen Begrüßungsrede, „weil wir eigentlich die Vorschrift haben, nicht mehr als 280 Personen in diesem Saal zu empfangen.“ Doch „es sind deutlich mehr“. Den quirligen Malochertyp, der als ausgebildeter Energieanlagenelektroniker unter Tage gearbeitet hat, ficht das nicht an. Im Gegenteil: Stolz erklärt er, dass noch nie so viele Besucher, und dazu habe er sich mit dem langjährigen Museumsdirektor Uwe Rüth bereits ausgetauscht, zu einer Kulturveranstaltung ins „denkmalgeschützte Rathaus“ gekommen seien. Was ist los in Marl? Wie kann es sein, dass die Kunst sich hier frech über geltende Vorschriften hinwegsetzt und so viele Menschen auf die Beine bringt?

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Hotspot der Kunst ist die 85.000-Einwohner-Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets bisher nicht gerade aufgefallen – oder, um genau zu sein, lange nicht mehr. Doch an diesem Sonntag erlebt sie ihr kleines Pfingstwunder: Die Skulptur Projekte, jener Ausstellungszyklus zur Kunst im Stadtraum, der seit 1977 alle zehn Jahre in Münster stattfindet, eröffnet ihre fünfte Ausgabe 2017 nicht mit einem Heimspiel, sondern im sechzig Kilometer weiter südlich gelegenen Marl, das sie sich als kritischen Kontrapunkt ausgesucht hat: „The Hot Wire“, so der Titel einer mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten erarbeiten Kooperation, soll einen heißen Draht zwischen beiden Städten spannen. Ist Marl als Partner für einen Perspektivwechsel der Skulptur Projekte in Münster, was Athen für die Documenta in Kassel ist? Der Vergleich hinkt gewaltig, und das nicht nur mangels Akropolis (und allem, wofür sie steht).

          Das Kuratoren-Team der Skulptur-Projekte Münster 2017, Marianne Wagner (von links), Kasper König und Britta Peters stehen in Münster (Nordrhein-Westfalen) auf dem Dach des LWL-Museums vor dem Dom.

          Und doch ist etwas dran. Denn auch Marl ist ein Synonym für Krise, wenn auch weniger der finanz- als der strukturpolitischen. Die beiden Städte, keine Autostunde voneinander entfernt, könnten unterschiedlicher kaum sein. Kasper König, Mitinitiator und künstlerischer Leiter der Skulptur Projekte, stellt es heraus: Münster, mehr als 1200 Jahre alt, Bürger- und Universitätsstadt – „sehr in sich ruhend, alles picobello, man registriert kaum etwas anderes“ – mit der Tendenz zum „akademischen Florida“; Marl, eine Zusammenlegung von Dörfern und Industriearbeitersiedlungen, der die Nationalsozialisten 1936, zwei Jahre vor Gründung der Chemiewerke Hüls, die Stadtrechte verliehen. Erst 2015 wurde die letzte Zeche geschlossen, der Chemiepark ist einer der größten in Deutschland.

          Starke Tradition gegen schwache Tradition. Diese erlaubte Marl, als es in den fünfziger Jahren rasant gewachsen ist und eine der reichsten Kommunen im Ruhrgebiet wurde, einen Neuanfang zu setzen und sich eine große Zukunft zu entwerfen: Das Amtshaus im alten Stadtkern war zu klein geworden, ein neues Rathaus sollte zur neuen Mitte werden, die besten Architekten Europas, darunter Alvar Aalto, Arne Jacobsen und Hans Scharoun, wurden zum Wettbewerb geladen, den Johan Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema aus Rotterdam gewannen.

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          Das Rathaus besteht aus einem flachen Publikumsgebäude, einem Stahlbetonskelettbau mit freitragendem, gestrecktem Faltwerkdach, sechzig Meter lang und 28 Meter hoch, sowie zwei Dezernatstürmen, den ersten Hochhäusern (43 und 35 Meter) in Deutschland mit einer Hängekonstruktion: Eine „Stadtkrone“ (Bakema), die zusammen mit dem von einem Luftkissendach versehenen Einkaufszentrum „Marler Stern“ sowie dem künstlich angelegten City-See eine Platzanlage flankiert. Doch „das deutsche Klein-Brasilia“, so der Schriftsteller Horst Krüger 1968 im „Merkur“, ist, von der Kohlenkrise eingeholt und ausgebremst, ein Torso geblieben.

          Wer heute vom Balkon des mit hellem Marmor, Afzeliaholz und Aluminium ausgekleideten Sitzungstrakts, dessen Sockel 1978 für das Museum mit Glas umbaut wurde, auf die Platzanlage schaut, sieht eine trostlose unbehauste Betonfläche: Die mächtige Standuhr, auf Stelzen in einem Becken installiert, läuft, doch für Wasser und Springbrunnen fehlt das Geld, die Türme sind abgewrackt (und warten auf ihre Generalsanierung), die elfstöckige Wohnanlage „Goliath“ dahinter wurde 2006 abgerissen. Bestückt ist der Platz mit Skulpturen. Auch um den City-See, der daneben, und im ehemaligen Friedhof, der dahinter liegt, sind sie ausgestellt – mehr als hundert finden sich in der ganzen Stadt, um mit Architektur und urbanem Raum in Dialog zu treten; von Arp über Max Ernst, Giacometti und Kabakow bis Zadkine reicht die Künstlerriege. Wenn Bürgermeister Arndt „Wir sind das größte Museum Deutschlands“ sagt, rechnet er in Quadratkilometern.

          Die fünfte Ausgabe der Zehn-Jahres-Großausstellung Skulptur Projekte wirft ihre Schatten voraus. Am Donnerstag wird ihr Ableger im 60 Kilometer von Münster entfernten Marl vorgestellt. Das Bild aus dem Jahr 2007 zeigt eine Fotografin, die in Münster vor der Skulptur „Trickle down“ von Andreas Siekmann steht.

          Kunst im Stadtraum, der 1977 in Münster bei den ersten Skulptur Projekten Unverständnis und Ablehnung entgegenschlug (und die heute ein touristisch relevanter Selbstläufer ist), war in Marl damals längst angekommen. „Marl war definitiv vor Münster“, sagen Kasper König und Georg Elben, deren Konzept hier ansetzt und die unterschiedliche Entwicklungsgeschichte reflektiert: Das Rathaus in Münster sei mit Butzenscheiben wieder aufgebaut worden, das in Marl habe Glaselemente der Moderne in den De-Stijl-Farben Rot, Gelb und Blau. Das abgesunkene und außerhalb der Stadt wenig beachtete Kunstensemble neu zu besichtigen und zu befragen, um es wieder ins öffentliche Bewusstsein zu heben, ist „The Hot Wire“ angetreten.

          Die Verbindungen, die dafür hergestellt und aufgezeigt werden, verschieben die Wahrnehmung: Thomas Schütte hat, dreißig Jahre nach seiner „Kirschensäule“ in Münster, für Marl eine „Melonensäule“ gestaltet und sie ähnlich pointiert am Rande eines Parkplatzes aufgestellt, Richard Artschwagers „Fahrradständermonument“ wurde vom Münsteraner Schlossplatz hinter das Marler Rathaus transloziert, wo es als Betonskulptur besser hinzupassen scheint, und Ludger Gerdes’ Leuchtschrift „Angst“ gastiert im Gegenzug in Münster. Monolithe von Lara Favaretto sind ebenso in beiden Städten präsent wie „Tings“ von Samuel Nyholm, wie anno 1997 in Münster umkreisen zwei Reiter auf einem Rappen und einem Schimmel – in einer Performance von Reiner Ruthenbeck – gegenläufig das Kunstrevier, und Joëlle Tuerlinckx hat durch den ehemaligen Friedhof eine zweihundert Meter lange Kreidelinie gezogen, die das Museum Glaskasten mit der aufgegebenen Schule in der Kampstraße verknüpft, wo zwölf Videoarbeiten präsentiert werden.

          Zwei Frauen reiten am 1. Juli durch einen Park in Marl (Nordrhein-Westfalen). Der Ritt ist Teil der Pferde-Performance mit einem Schimmel und einem Rappen, die der Künstler Reiner Ruthenbeck bereits 1997 in Münster gezeigt hat. Bei der Ausstellung „The Hot Wire“ in Marl erlebt die Performance eine Wiederaufführung.

          Der Kunstparcours, der in Marl, ausgehend vom Creiler Platz, viele Wege und Spuren aufnimmt, ist in einem Durchgang kaum zu bewältigen oder auch nur zu überblicken. Während in Münster 35 Skulpturen zum Schaulaufen antreten, konfrontiert „The Hot Wire“ mit einer großen, über die ganze Stadt verteilten Sammlung, die neue Koordinaten sucht und deren Potentiale und Perspektiven wiederzuentdecken sind. Der Besucher bewegt sich zwischen ihnen in einem offenen Feld, und wenn er in das Kellerlabyrinth, das ursprünglich die Ratsstuben beherbergen sollte, hinabsteigt, findet er dort die Modelle aller für Marl und Münster entworfenen Objekte.

          Die Kunstvermittlung in der Stadt selbst aber bleibt die erste Aufgabe. Auch Bürgermeister Arndt sieht sich hier in der Pflicht. „Ich habe mit den Bürgern darüber diskutiert, wie stolz man sein darf, einen Künstler wie Thomas Schütte, der weltweit unterwegs ist, in Marl zeigen zu dürfen. Das wurde nicht von allen Bürgern ganz verstanden. Ich habe das den Leuten dann so erklärt: Wenn der TSV Marl-Hüls ein Spiel mit Spielern wie Kroos, Hummels, Reus oder Özil führen dürfte, fändet ihr das toll, und wärt ihr dann stolz? – Ja, haben die dann gesagt, das fänden wir toll, und wir wären stolz.“

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