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Kunstjahr 2017 : Ist das für mich oder kann das weg?

Für unvorstellbare 450 Millionen Dollar versteigert: Leonardo da Vincis „Salvator Mundi“. Bild: AP

Die Zeiten sind hart, schnell und voller Widersprüche, und die Kunst konkurriert jetzt mit Hollywood und der AfD. Droht ihr die Inflation? Über das Kunstjahr 2017.

          Seit einiger Zeit ist es ja üblich, sich im Museum oder der Galerie zum Yoga zu treffen. Der abwärts schauende Hund ist die jüngste Stufe in der Annäherung von Kunstwerk und Mensch nach der Selfiezierung des Museums. Für das Museum ist die Yogastunde zugleich Lockerungsübung und Erschließung neuer Publikumskreise. Früher beugten sich vor den Bildern krumme Rücken über Kataloge, jetzt strecken sich gerade Rücken zur Decke. Hier erreicht das Ideal der Kunstvermittlung einen Höhe- und Wendepunkt, von dem aus der Weg wieder von der Kunst wegführt: Man denke sich eine futuristische Skulptur Umberto Boccionis neben einem Yogi in Kriegerhaltung. Eine Judith hinter einem Ustrasana (Kamel), Bild und Mensch je auf maximale Weise mit sich selbst beschäftigt. Anschaulicher kann kaum werden, dass es sich bei Menschen und Kunstwerken um kategorisch verschiedene Seinsweisen handelt, die nur punktuell und unter äußerst prekären Umständen etwas miteinander zu tun haben.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Könnte man für die Yogastunden die Kunst nicht gleich hinausräumen und hätte damit nicht nur mehr Platz, sondern sogar einen klareren Blick darauf, was das Museum und was „Kunst“ (in Anführungszeichen) heute sind? Denn Kunstwerke sind ja nur der Träger für „Kunst“, jene Aura, die heute den Marken der Kunstinstitutionen selbst zukommt. „Kunst“ ist ein flüssig gewordener Rahmen, in dem alles mit exemplarischer Bedeutung aufgeladen wird, wie Michael Schumachers Ferrari, der neulich in einer Auktion für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s neben Werken von Wolfgang Tillmans und David Hammons 7,5 Millionen Dollar erlöste. Früher brauchte es noch den Künstler, um den Alltagsgegenstand als Kunst zu autorisieren, jetzt schafft es das Auktionshaus alleine. Beziehungsweise, es muss die Kunstbehauptung gar nicht explizit durchziehen, um die Aufwertungsschleuse „Kunst“ zu nutzen.

          Kunst ist so mächtig und zugleich so schwach wie nie

          Hier ein Ferrari, dort ein Leonardo, hier Damien Hirsts vorsätzlich geschmacklose Porträts von Geld, dort Ökosex-Spaziergänge durch Kassel, auf denen mit Bäumen geflirtet wird: All das ist möglich. Es ist möglich, weil „Kunst“ auf den Kredit ihrer Betrachter läuft. Deshalb musste auch „Der letzte da Vinci“ auf einer Welttournee mit anschließender Youtube-Doku in möglichst viele Blicke getaucht werden, bevor er bei Christie’s in New York 450 Millionen Dollar erzielen konnte. Je höher die Preise steigen, desto mehr Blicktransaktionen sind nötig, das ist die Logik des Kunstwerks-als-Celebrity. Das Zeug muss zirkulieren. Kunst ist zirkulationsförmig geworden, von allen Seiten zerren Fahrtwinde an ihr, und das erklärt, warum Anne Imhofs Venedig-Beitrag, der sich als mächtiges, schwebendes Standbild in den digitalen Kanälen behauptete, während er am Ort selbst geduldige Anwesenheit einforderte, so erfolgreich war: Hier hat die Kunst auf die Geschwindigkeit ihrer Rezeption aufgeschlossen.

          Nie war „Kunst“ (mit Anführungszeichen) so mächtig. Hiphop (Jay-Z, Kanye West und zuletzt der Stuttgart-Rapper RIN) und Kino (Julian Rosefeldts Film gewordene Installation „Manifesto“) verbeugen sich vor ihr. Aber nie war gleichzeitig Kunst (ohne Anführungszeichen) so schwach. Schwach in den Werken, schwach in den Großausstellungen, vor allem aber schwach gegenüber politischen An- und Eingriffen, und zwar von links wie von rechts. Und das hat möglicherweise zu tun mit der dramatischen allgemeinen Ausdehnung des Ichs, die sich im Einzug der exponierten Selbstsorge ins Ausstellungshaus zeigt; und die ja bemerkenswerterweise einhergeht mit dem umgekehrten Hineingreifen der Infrastruktur ins Ich, der Einspeisung von Körper-, Geschmacks- und Verhaltensdaten durch Smartphones, Trainingsgeräte und sprachverständige Heimassistenten in Datenkreisläufe gegen kleine Ausschüttungen von Dopamin. Dienen diese Geräte der Quantifizierung des Selbst, so dient das Museum der Qualifizierung des Selbst. In der großen Mobilmachung von Zeichen, Attraktion und Anerkennung, in der alles potentiell überall gleichzeitig stattfindet, sucht das vernetzte und zerfetzte Ich hysterisch nach Resonanz, und diese Resonanz bietet einerseits der Populismus und andererseits das Museum, der Hort der letzten zählbaren Währung neben dem Menschen selbst.

          Das Museum dient der Qualifizierung des Selbst

          Das erklärt, warum Kunst heute einerseits so viel bedeutet und andererseits immer weniger als Kunst durchgeht. 2017 ist das Jahr, in dem sich die Kunst, die seit der Erfindung der Avantgarde, vor allem aber seit dem Aufschwung der europäischen Kulturförderung nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich immer auf der Seite der Freiheit und des individuellen wie gesellschaftlichen Fortschritts wähnte, plötzlich auf der Anklagebank wiederfand. Ausgerechnet Künstler forderten die Abhängung von Dana Schutz’ malerischer Anverwandlung einer Ikone der amerikanischen Bürgerkriegsbewegung, des Fotos des Lynchopfers Emmett Till. Vertreter der Dakota erwirkten den Abbau von Sam Durants Außenskulptur, die an die Rolle des Galgens in der amerikanischen Geschichte erinnerte, in den Augen der Betroffenen aber koloniale Gewalt fortführte. Jimmie Durham, der jahrelang bei den Vereinten Nationen für die Rechte von First-Nation-Angehörigen stritt und der deren Erbe in unendlich klugen und witzigen Installationen und literarischen Texten sowohl gegen den Eurozentrismus wie gegen indianische Volkstümelei verteidigt, bekam vorgeworfen, er gebe sich zu Unrecht als Indianer aus, weil seine Familie sich nie als Cherokee registriert hatte. Der Videokünstler Omer Fast wurde in New York dafür kritisiert, er bediene mit einer Chinatown-Kulisse Klischees über chinesische Einwanderer. In Los Angeles forderten Gentrifizierungsgegner die Schließung der Galerie 356 Mission Rd, in der die Malerin Laura Owens zu kostenlosen Vorträgen und Konzerten lädt. Und eine Petition, welche vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte die Abhängung von Balthus’ „Thérèse, träumend“ mit dem raffiniert komponierten Blick auf die Unterhose eines Mädchens aus dem Metropolitan Museum fordert, steht kurz vor den erhofften 12 000 Unterschriften. Sie ist illustriert mit einem leeren Bilderrahmen.

          Künstler forderten die Abhängung des Gemäldes „Open Casket“ der Künstlerin Dana Schutz.

          Das alles ist in diesem Jahr passiert, in Amerika, also in einem extrem aufgeheizten politischen Klima. Aber es ist bedenklich, dass Kunst diesem nicht standhält. „Das Museum ist ein Schlachtfeld“, um einen der hellsichtigen Essays der Berliner Künstlerin Hito Steyerl zu zitieren, die kürzlich in einem Akt demonstrativen Wunschdenkens vom Magazin „ArtReview“ auf Platz eins der hundert einflussreichsten Menschen der Kunstwelt gesetzt wurde.

          Spiegel für die eigene Befindlichkeit

          Gekämpft wird auf diesem Schlachtfeld in Zeiten gesteigerter Zuschauerschaft mit gänzlich neuen Waffen: So entzog im Januar Richard Prince per Twitter seiner Malerei des Instagram-Profils von Ivanka Trump, die ausgerechnet Ivanka Trump gekauft hatte, nachträglich die Autorschaft, neutralisierte also wie in einem Science-Fiction-Film per Fernwirkung sein Werk. Und als Candice Breitz vor ein paar Tagen hörte, dass eine Triennale in Melbourne die für Gewalt gegen Flüchtlinge berüchtigte Firma Wilson Security beschäftigte, benannte sie ihre beigesteuerte Arbeit schlichtweg um in „Wilson Must Go“. Nicht nur auf Betrachterseite stehen die alten Verträge auf dem Spiel; auch Werke können, wie Alben auf Spotify, sich plötzlich verändern oder verschwinden. Auch nachdem Kunst ihr Transzendenzversprechen verloren hatte, lag ihre verführende und bildende Kraft immer darin, dass sie etwas anderes zeigte, als man selbst war. So erlaubte sie zum eigenen Leben in Distanz zu treten und schuf einen Horizont, auf den sich alle beziehen konnten. Jetzt scheint es, als gälte die Formel „Kunst ≠ Ich“ immer weniger. Als sähen die Leute wie in einem Spiegel nur ihre eigene Befindlichkeit berührt: Indianer sehen in der Skulptur eines Schafotts nur die eigene Geschichte. Gentrifizierungsgegner sehen in einer Galerie nur die Bedrohung ihres Lebensraums. Die Balthus-Gegner sehen in einem Meisterwerk der klassischen Moderne nur strukturelle sexuelle Gewalt. Und Schwarze sehen im Gemälde von Dana Schutz die Ausbeutung schwarzen Leids durch eine erfolgreiche weiße Malerin.

          Es ist, was es ist, sagt der Hass. Schade, dass sie nicht gesagt haben, dass es ein schlechtes Bild ist, als wäre das nicht der Punkt, an dem sich alles entscheidet. Der harlekinbunte Nachvollzug der Verunstaltung eines menschlichen Gesichts in plastischem Farbauftrag fügt dem Sujet nichts hinzu als eben Malerei. „Open Casket“ ist ein Selfie vor dem Sarg eines anderen.

          Alexandra Bachzetsis in ihrer Sirtaki-Performance „Private Song“ auf der Documenta in Athen

          Dieser Verlust des Sinns für ästhetische und ethische Ambivalenz unter den Ersatzkämpfen der Identitätspolitik ist auch möglich, weil die Kunstwelt selbst das Sprechen und Streiten über Kunst verlernt hat, und zwar verrückterweise im gleichen Zug, in dem Kuratoren das Sprechen über Kunst übernommen haben. Aber auch, weil die Kunst die Engführung von Werk, Moral und Künstlerbiographie selbst betreibt, wie auf der Documenta 14, die ja eigentlich Identität auflösen wollte: Wer bin ich, um die Arbeiten eines Aborigines, eines Kwakwaka‘wakws oder einer Samin zu beurteilen, wenn ich nicht unter ihnen aufgewachsen bin? Drei Viertel seines Katalogvorworts verwendete Adam Szymczyk auf seine Analyse des Finanzkapitalismus, als könnten das andere nicht besser. Der geäußerte Vorwurf, dass er mit der Performancekünstlerin Alexandra Bachzetsis seine eigene Frau beschäftigte, ist müßig. Bedauernswerter ist, dass er, gefangen in seiner eigenen Feedbackschlaufe, institutionelles Denken vermissen ließ und von der Regierungsbank aus Opposition spielte. Die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit sind künstlerisch vieldeutiger als vieles auf der Documenta.

          Können Politiker noch die Kunst verteidigen?

          Eine schlechte Documenta macht nicht die Documenta schlecht. Sollte man denken. Umso überraschender der feindselige Ton, in dem Kunstkritiker gleich die Abschaffung der ganzen Documenta oder von Kuratoren überhaupt forderten. Vielleicht zeigte sich auch hier der Zwang, sich irgendwie mit dem Phänomen zu vernetzen, und die direkteste Form der Vernetzung ist eben Ablehnung. So oft wie in diesem Jahr war noch nie von Kunstliebhabern zu hören, die der Documenta fernblieben.

          So konnte sich die Häme über die ästhetische Bilanz direkt über die ökonomische ergießen, was es dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, dem im Juli angetretenen Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), erlaubte, das Millionendefizit populistisch zu instrumentalisieren und sich gegen seine eigenen Mitarbeiter zu profilieren: gegen Adam Szymczyk, als hätte mit seiner Berufung nicht die Trägergesellschaft die Verantwortung für sein waghalsiges Konzept übernommen; und gegen die Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, der es fast gelungen wäre, den unmöglichen Auftrag umzusetzen, zwei Ausstellungen zum Preis von einer zu organisieren. Selbst als die Kasseler AfD eine Klage wegen Veruntreuung gegen Szymczyk und Kulenkampff einreichte, schwiegen ihre Chefs, auch der hessische Kunstminister Boris Rhein (CDU), statt klarzustellen, dass die Klage gegenstandslos, der Kläger ein Haufen kleingeistiger Wichtigtuer und die Documenta das Großartigste ist, das der Stadt je in den Schoß gefallen ist. Aber auch Politiker können offenbar Kunst nicht mehr als „≠ Geld“ erklären.

          Es ist von einer gewissen Tragik (und vielleicht auch Logik), dass jetzt ausgerechnet die am wenigsten ich-orientierte Figur in der ganzen Geschichte, die diensteifrige, superintegre Geschäftsführerin Annette Kulenkampff, ihr Amt niederlegen muss. Jetzt droht die Documenta von einer gemeinnützigen in eine profitorientierte Firma umgewandelt und für immer an Kassel gebunden zu werden, und damit steht auf dem Spiel, was die Weltkunstausstellung so besonders und auch zu dem Wirtschaftsfaktor gemacht hat, der jüngst wieder 126 Millionen Euro in die Hotels, Restaurants und Geschäfte der Stadt spielte: ihre inhaltliche Unabhängigkeit. Vertreter von SPD und CDU sind nicht in der Lage oder nicht willens, das Ansehen der Kunst gegen die AfD zu verteidigen, die wohl bald den Vorsitz des Kulturausschusses im Bundestag übernehmen wird.

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