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Künstler Pierre Huyghe : „Statische Dinge sind so vorhersehbar“

Ein Pfau in der alten Eishalle: Blick auf die neue Arbeit des französischen Künstlers Pierre Huyghe Bild: Maximilian von Lachner

Pierre Huyghe hat bei den Skulptur Projekten Münster eine stillgelegte Eislaufhalle in ein komplexes biologisch-technisches System verwandelt. Ein Gespräch über die Arbeit mit Tieren und das Internet der Dinge.

          Am Freitagabend traf man dann alle, die man die Woche über in Kassel gesehen hatte, in Münster wieder, und jeder schien total erleichtert, der konfusen Documenta in die friedliche, sonnige Kleinstadt entkommen zu sein, wo alle zehn Jahre die Skulptur Projekte stattfinden, also: gute Kunst für ganz normale Menschen. Sechsunddreißig Künstler haben Werke im Stadtraum verteilt, einer von ihnen aber hat sich draußen im alten Eispalast verkeilt: der 1962 geborene Franzose Pierre Huyghe, der den Skulpturbegriff auf Krebszellen und Smartphones ausweitet. Wie geht es weiter mit der Kunst? Wie wird Augmented Reality unsere Vorstellung von Bildern und von Raum verändern?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Herr Huyghe, wir stehen hier im Münsteraner Eispalast, den Sie in eine futuristische Grubenlandschaft verwandelt haben. Wie kamen Sie darauf?

          Eigentlich war für mich ein anderer Ort in Münster vorgesehen. Vor einem halben Jahr stieß ich dann auf diese geschlossene Eislaufhalle. Die Zuschauerbänke stehen noch, man hat also eine Art von Spektakel, und man sieht auch noch die Markierungen für die Spiele im Boden. Statt hier Dinge hineinzubringen, habe ich den Betonboden aufgeschnitten.

          In prismenhaften Formen.

          Die stammen von einem logischen Puzzlerätsel, das Archimedes entwickelt hat, das Stomachion. Man schneidet Teile aus einem Quadrat und fügt sie wieder zum Quadrat zusammen. Wir legten das Muster auf die Fläche, schnitten die Teile aus und gruben uns nach und nach ganz langsam in den Boden, wo wir auf Grundwasser stießen, auf Lehm und auf Sand, der aus der Eiszeit stammt. Der letzte Gletscher, den es in Deutschland gab, war in Münster. Das war eine schöne Überraschung, in einer Eislaufhalle auf Gletschersand zu stoßen. Aus dem Lehm haben wir dann diese Kegel geformt, die aus den Gruben ragen wie Sendestationen. Darin leben Bienen, und es sind Sensoren darin, die die Lebendigkeit im Raum erfassen. Jede Bewegung in der Halle erzeugt Daten, die an den Kasten dort drüben geschickt werden, in dem sind menschliche Krebszellen, die darauf reagieren und sich unterschiedlich teilen. Dadurch entstehen wieder Daten, die an das Aquarium dort drüben gehen.

          Pierre Huyghe
          Pierre Huyghe : Bild: dpa

          Sie arbeiten schon lange mit Insekten. Auf der Documenta 13 ließen Sie 2012 einen Hund mit pink gefärbtem Bein um einen Bienenstock streifen, der einer Frauenskulptur wie ein Helm aufsaß. In ihrem Film „Human Mask“ folgt eine Drohnenkamera einem Affen durch ein verlassenes Restaurant in Fukushima. Warum arbeiten Sie so gerne mit Tieren?

          Lebewesen sind sowohl bestimmt von Reproduktion, also Notwendigkeit, als auch von Aleatorik, von unvorhersagbarem Verhalten. Das interessiert mich.

          Tiere sind auch ihr eigenes System. Es gibt keine Kultur, die sie und Ihre Handlungen verbinden würde.

          Ganz genau. Aber irgendwann machen sie dann was, das uns beeinflusst. Schauen Sie, da drüben öffnen sich gerade die Klappen der umgedrehten Pyramide in der Decke.

          Warum?

          Weil das Aquarium sich verdunkelt.

          Warum tut es das?

          Darin lebt ein Tier, ein Weberkegel. Das ist eine Meeresschnecke, die auf ihrer Schale ein Muster hat, das dem eines zellulären Automaten ähnelt. Das lesen wir als Partitur und übersetzen es in dieses kurze Dröhnen, das Sie immer wieder hören, und darauf verdunkelt sich das Aquarium oder wird durchsichtig. Da drüben ist übrigens ein Pfau.

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          Was ist seine Funktion in dem Ganzen, Dekoration?

          Nein, seine Bewegungen werden auch erfasst. Was übrigens am schwierigsten zu planen war, waren die Akteure, die zwar anwesend sind, die man aber nicht auf den ersten Blick sieht.

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