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Documenta-Geschäftsführerin : Jeder Cent ist nachvollziehbar

Geht in die Offensive: Annette Kulenkampff Bild: Patrick Slesiona

Warum steht die Documenta seit Wochen im Ruf der Misswirtschaft? Weil ihre Geschäftsführerin Annette Kulenkampff nicht reden darf. Hier bricht sie ihr Schweigen.

          Frau Kulenkampff, der Documenta fehlen 5,4 Millionen Euro. Bis Mitte 2018 wurden, um die Insolvenz abzuwenden, Bürgschaften von Stadt und Land über acht Millionen Euro bewilligt. Wo ist das Geld hingegangen?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Fehlbetrag hat sich zuerst im Juni 2017 herausgestellt. Eine der Ursachen ist, dass wir in Kassel zum ersten Mal in der Geschichte der Documenta ein Sicherheitskonzept erstellt haben. Das war ein langer Prozess, der im Herbst 2016 anfing. Die Polizei hat uns viele Auflagen gemacht, die einfach zusätzliches Geld kosteten. Dieses Sicherheitskonzept ist einen Tag vor der Pressekonferenz in Kassel unterschrieben worden. Die Kosten konnten wir erst im Nachhinein verlässlich mit rund 400 000 Euro berechnen. Wir reden von einer Ausstellung mit großen Dimensionen, daher sind Mehrkosten im Verhältnis relativ hoch.

          Wurde der Aufsichtsrat über diese Mehrkosten informiert?

          Wir haben dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden am 12. Juni einen möglichen Fehlbetrag von zwei Millionen mitgeteilt. Wir hatten noch eine Million aus den Vorjahren auf dem Documenta-Konto, für deren Nutzung für die documenta 14 die Gesellschafter zustimmen müssten. Zu dem Zeitpunkt lagen wir zwanzig Prozent über den Besucherzahlen der Documenta von 2012. Vor diesem Hintergrund waren wir mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Bertram Hilgen, einig, dass wir das hinkriegen. Jede Documenta hat mit Defiziten gearbeitet und gehofft, dass diese am Ende durch die Besucherzahlen ausgeglichen werden. Das ist immer eine Wette auf die Zukunft. Die Besucherzahlen sind bis zur Hälfte der Laufzeit der documenta 14 extrem gestiegen und lagen zur Halbzeit 17 Prozent über den Besucherzahlen von 2012. Wenn das so weiter gegangen wäre, wären wir – wie jede documenta vorher – mit den Finanzen hingekommen. Aber die maximalen Kapazitäten dieser Stadt und dieser Ausstellung sind bei 900 000 Besuchern erreicht.

          Sie haben also den Aufsichtsrat informiert?

          Wir haben den jeweiligen Aufsichtsratsvorsitzenden informiert. Am 19. Juli haben wir Herrn Hilgens Nachfolger, Herrn Geselle, über diese Situation unterrichtet. Es gehören dazu auch erhöhte Energie- und Klimatisierungskosten in Athen, die so nicht absehbar waren. Ob das dann die 400 000 Euro werden, die wir hierfür eingeplant haben, wissen wir nicht.

          Jetzt sind wir bei 800 000 Euro. Da fehlen noch 4,6 Millionen.

          Zum Sicherheitskonzept kam noch Personal. Wir haben auch andere Kosten recht hoch eingeplant, zum Beispiel den Abbau des Parthenons. Wir wissen nicht, wie der Rasen darunter aussieht, und wir sind in der Verpflichtung, ihn wieder herzustellen. Es kann sein, dass das 50 000 Euro kostet. Es kann aber auch sein, dass es 100 000 Euro kostet.

          50 000 Euro haben Sie veranschlagt?

          Wir haben 100 000 Euro eingerechnet. Dann haben wir deutlich erhöhte Reisekosten, aufgrund des über neun Monate andauernden Public Programs, an dem 200 Teilnehmer aus aller Welt mitgewirkt haben. Reisekosten hängen davon ab, was gerade Flüge kosten, und Hotelzimmer hier in Kassel wurden plötzlich auch deutlich teurer, als das bei vorangegangen Documenta-Ausstellungen der Fall war. In Athen mussten wir auch Sicherheitspersonal erhöhen, weil es tatsächlich Übergriffe auf die Ausstellung gab. Und wir mussten Aufsichten nochmal einen extra Bonus zahlen. Es gibt bei der Documenta immer Leute, die sagen, wenn du das jetzt nicht machst, dann streike ich.

          Was hat die Lösung gekostet?

          Ungefähr 400 000 Euro. Dann gab es erhöhte Transportkosten. Relativ spät hat sich herausgestellt, dass vieles durch andere Verpackungs- und Sicherheitsvorschriften dazu kam. Der Hintransport ist oft eilig, hier können Kosten durch Zusammenlegen mehrerer Transporte aus Zeitgründen kaum eingespart werden. Der Rücktransport ist ja noch nicht passiert, aber wir rechnen damit, dass wir insgesamt ungefähr 500 000 Euro über dem liegen, was geplant war. Im Lauf der Zeit ist auch die Mehrwertsteuer in Griechenland auf 24 Prozent gestiegen. Natürlich schlägt sich das nieder.

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