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Veröffentlicht: 19.06.2017, 22:07 Uhr

Olaf Nicolai auf der Documenta Randale in Kassel

Hör-Spiel: Olaf Nicolai hat für die Documenta ein akustisches Kunstwerk geschaffen, mit dem er der Frage nach der Beziehung von Klängen und ihrem Kontext nachgeht.

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© Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin Aus dem Jahr 2010 stammt Olaf Nicolais Installation „Warum Frauen gerne Stoffe kaufen, die sich gut anfühlen“, ein riesiger, maschinengewebter Vorhang aus Baumwolle und Seide.

Es ist nicht seine erste Teilnahme an einer Documenta. Schon bei der zehnten, der von Catherine David, war Olaf Nicolai, 1962 in Halle geboren, dabei. Außerdem auf diversen Biennalen in Venedig, zuletzt vor zwei Jahren mit seiner Arbeit „Giro“ auf dem Dach des Deutschen Pavillons. Was der Künstler tut, ließe sich großräumig als Konzeptkunst beschreiben.

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Er geht unbedingt davon aus, dass Kunst vor allem etwas mit dem Kopf zu tun hat. Und der promovierte Sprachwissenschaftler beackert das Feld der Semiotik. Zeichensysteme, keineswegs nur das der Sprache, sind sein Revier. Den Bezug von Zeichen aller Art zum von ihnen gemeinten Inhalt – und das Scheitern dieser vermeintlichen Beziehung – überprüft Nicolai in immer neuen künstlerischen Testanordnungen. So richtete er für die „dX“ 1997 einen Raum ein, der es in jeder Hinsicht in sich hatte: „Interieur/Landschaft. Ein Kabinett“ war der Titel. Dort wuchsen auf Lavasteinen echte Pflanzen. Sie wurden von Kunstlicht genährt, ihre Schönheit war Kultiviertheit, die Natur vorgab.

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Die Zeichenhaftigkeit der Natur, die so sichtbar wird, führte Nicolai dann auch noch an den umgebenden Wänden vor, an denen er Pflanzen als Scherenschnitte auf einer Tapete drapierte – das Konstrukt Natur im Salonformat. Dass die Arbeit von hohem ästhetischen Wert war, muss kaum eigens erwähnt werden. Für die Documenta 14 hat Nicolai ein sound piece geschaffen, das in Athen seine Uraufführung erlebte. Sein Anspruch lautet: „Das Klangkunstwerk ,In the woods there is a bird ...‘ basiert auf archivierten Soundmaterialien von Radioberichten und nutzt das Radio als Ausgangspunkt anstatt als bloßes Übermittlungsmedium. Ziel ist es, die Beziehung von Klang und Inhalt zu erforschen. Als Quellen dienen hierbei das Hintergrundrauschen von Demonstrationen, Randalen, Kundgebungen, die für das Radio aufgenommen wurden und die der Künstler nutzt, um einen Soundtrack aus diesen verschiedenartigen ,Stimmungen‘ zu generieren.“ Das Werk lässt sich in unterschiedlichen Zusammenhängen einsetzen, es fordert andere zur Mitarbeit und Weiterführung auf, kann als Teil von Installationen funktionieren.

46977423 © Picture-Alliance Vergrößern Der Künstler Olaf Nicolai

Wie hört sich das nun an, 31 Minuten lang? Menschen spenden Beifall, eine Polizeisirene ertönt, das Rattern eines Hubschraubers. Musik vielleicht, Lärm wie von einer Schlägerei, jemand hustet oder stöhnt. Eine Phase fast völliger Lautlosigkeit, ein repetitives Geräusch als Hintergrund, darüber gelegt Tonschnipsel. Es fallen vielleicht Schüsse, Geschrei, Pfiffe, Gejohle, auf Schwizerdütsch der Befehl „Z’ruck!“. Zuggeräusche, Rasseln, Heulen, Rauschen. Ort, Raum, Zeit überlagern sich, alles ist bestimmt von Repetition. Der Rhythmus schlägt beim Zuhören ins Hirn ein, dort beginnt die Deutungsarbeit, der Versuch, den verschiedenen Tönen ihre Situationen zuzuordnen. Damit ist man im Feld dessen, was in der Linguistik Indexikalität heißt; darauf hat es Olaf Nicolai angelegt. Er hat das genaue Gegenteil von „Stimmungsromantik“ inszeniert. Vielmehr fragt er nach der Möglichkeit – oder legt eben die Unmöglichkeit nahe –, Geräuschen ihren Kontext eindeutig zuzuordnen. Das wiederum macht die Wiederholung des Soundstücks notwendig – man will es noch einmal hören, man hängt jetzt dran.

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„In the woods there is a bird . . .“ spielt außerdem, schon im Titel, auf der Ebene der Sprache, wenn Nicolai den Dichter Arthur Rimbaud auf Englisch zitiert: „In the woods there is a bird; his song stops you and makes you blush. (. . .) And then, when you are hungry and thirsty, there is someone who drives you away.“ Das sind die erste und die letzte Zeile von Rimbauds Gedicht „Enfance III“ aus den „Illuminations“; im Original lauten sie: „Au bois il y a un oiseau, son chant vous arrête et vous fait rougir. (...) Il y a enfin, quand l’on a faim et soif, quelqu’un qui vous chasse.“ Dass Nicolai Rimbaud seine Reverenz erweist, kann nicht verwundern. Ist der Franzose doch in seiner Lyrik bis heute die nachgerade mythische Instanz für Sprachmusik und sprach-körperliche Entgleisung. Am häufigsten zitiert ist womöglich sein Satz „Je est un autre“, Ich ist ein anderer. Wahrhaftig kein Zeichen, das heil ist.

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