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Veröffentlicht: 11.06.2017, 11:26 Uhr

Documenta in Kassel Alle werden eingemeindet

Die Documenta ist heimgekehrt. Nach Kassel. Vor allem aber will sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Bleibt die Frage: Wo steht dann die Kunst?

von Boris Pofalla
© Helmut Fricke Sklavenarbeit vor der Orangerie: Antonio Vega Macotela hat eine Münzprägemaschine der spanischen Kolonisatoren in Südamerika rekonstruiert.

Es ist soweit: Die Documenta ist heimgekehrt. Seit gestern können sich die Freunde der alle fünf Jahre stattfindenden, weltweit beachteten Überblicksschau in Nordhessen vergewissern, ob sie auch heil wieder zurückgekommen ist. Denn das hatte es in zweiundsechzig Jahren Documenta noch nie gegeben: dass der künstlerische Leiter das erprobte und doch immer wieder neu erfundene Konzept eines „Museums der hundert Tage“ einfach in zwei Teile sägt und mit einem Teil davon abhaut, um es woanders aufzubauen, noch dazu in Griechenland. Womöglich behalten sie sie da!

Kassel hatte anfangs Angst um seine Documenta, und so hatte es auch Widerspruch gegeben gegen den Plan des Adam Szymczyk. Plötzlich hatten sich die Kasselaner wie die Athener gefühlt, als Lord Elgin ab 1802 Plastiken aus dem Parthenon entfernen ließ, um sie nach England zu verschiffen – angeblich um sie nach dem Fertigen von Gipsabgüssen wieder zurückzubringen. Aber daran glaubt nach mehr als zweihundert Jahren wirklich keiner mehr. Heute sind sie der Stolz des British Museum. Wie Elgin diesen Kunstraub damals begründet hat – als Rettung –, kann man gerade in der Neuen Galerie nachlesen, einem der Ausstellungsorte der Documenta 14. Nun hat Lord Elgin sich für die nach ihm benannten Elgin Marbles sehr bewusst entschieden. Athen hat sich die Documenta nicht ausgesucht, es war umgekehrt. Die Schau, die in der griechischen Hauptstadt im April wie ein Ufo landete, war wie so viele koloniale Gesten als Geschenk gemeint.

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„Von Athen lernen“ heißt das demütige Motto, und immer, wenn einer, der die Macht und das Geld hat, von einem, der keine Macht und fast kein Geld hat, demütig lernen will, ist eine gewisse Skepsis angebracht. Man kommt eben nicht um die Realität herum, dass Griechenland ein hochverschuldetes Krisenland ist, das von der deutschen Regierung immer wieder gezwungen wurde, seine Ausgaben zu kürzen, auch und gerade im Bereich des Sozialen, der Gesundheit und anderer Bereiche des täglichen Lebens. Und dann kommt die finanziell gut ausgestattete Documenta daher und sagt, sie möchte „von Athen lernen“. Es ist die als antikolonial und emanzipatorisch ausgegebene Geste, die stört, nicht dass die Documenta auch mal woanders stattfindet.

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Dass das allerdings wenig bringt, weiß man jetzt. Die Documenta ist zu sehr mit Kassel verwachsen, ihre vielbeschworene Autorität beruht ja auf dem Sendungbewusstsein Arnold Bodes im Nachkriegsdeutschland. In Athen wurde von der Documenta dann vor allem Athen ausgestellt – als das laute, südlich-sinnliche Andere der westdeutschen mittelgroßen Stadt mit ihrer Fußgängerzone und ihrem bunten, aber geordneten Miteinander. Die Entscheidung für Athen ist aber nur das eine Alleinstellungsmerkmal der Documenta 14, das andere ist ihre Betonung der öffentlichen Programme, der Partizipation und alles dessen, was nicht Ausstellung ist. Ihr ideologischer Kern, das sogenannte „Parlament der Körper“. Es bildet das „Herzstück der Ausstellungsapparates“ und entstand aus der Erfahrung des „langen Sommers der Migration“, auch bekannt als Flüchtlingskrise:

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