Kopf und Kragen dürfte der Protestler riskiert haben, der heimlich mit Kreide „God is black“ direkt vor dem Rathaus in Johannesburg auf einen Mauersockel geschrieben hatte. So geschehen 1949, ein Jahr nach dem überraschenden Wahlsieg der burischen National Party, deren Apartheidpolitik das finsterste Kapitel der Geschichte Südafrikas verantwortet und fotografiert von der Amerikanerin Margaret Bourke-White, die im Auftrag des Magazins „Life“ als eine der ersten die sich wandelnde Situation dokumentiert hat. Alarmiert von den rassistischen Gesetzen des neuen Regimes und ihrer drakonische Durchsetzung, ließen auch einheimische Fotografen nicht auf sich warten. Wie damit Südafrikas Fotografiegeschichte noch einmal neu ansetzte, will nun die Ausstellung „Aufstieg und Fall der Apartheid“ darstellen - was auch in vollem Umfang gelingt.
Aber nur intime Kenner der Epoche oder abgebrühte Besucher wird hier primär die nationale Entwicklung eines Bildmediums interessieren, denn distanzierte Betrachtung lassen die etwa sechshundert Aufnahmen und Filme kaum zu. Weil außerhalb Südafrikas das haarsträubende Unrecht gesetzlich festgemauerter Rassentrennung in seinen perfiden Details nur wenigen geläufig sein dürfte, ist die Schau im Münchner Haus der Kunst wider ihre Absicht erst einmal dies: eine eindrückliche Geschichtsstunde, eine Bildlektion über Diskriminierung und Widerstand. Bezeichnenderweise endet sie denn auch nicht mit der triumphalen Wahl Nelson Mandelas zum ersten farbigen und demokratisch gewählten Präsidenten Südafrikas, sondern mit Narben der Erinnerung an mehr als vier Jahrzehnte Segregation, deren Boden die europäische Kolonialherrschaft schon lange vorher bereitet hatte.
Black-Power-Gebärde
Als mächtige Komplizin der Antiapartheidbewegung zeigte die Fotografie Südafrikas der Welt, was mehr als vier Jahrzehnte zwischen Kapstadt und Pretoria passierte. Es beginnt mit friedlichen Protesten in den fünfziger Jahren gegen menschenverachtende Gebote wie das berüchtigte Pass-Gesetz, das Schwarze hinderte, sich außerhalb ihnen zugewiesener Reservate frei im Land zu bewegen. Unterstützung kam von weißen Damen in Kostüm, Pumps und den schwarzen Schärpen der liberalen Frauengruppe „Black Sash“, ihre Mahnwachen an belebten Plätzen inszenierten sie bewusst als Fotomotive.
Dann folgten Massendemonstrationen gegen den Treason Trial, einen großen Landesverratsprozess gegen Aktivisten, der sämtliche Anti-Apartheit-Flügel mobilisierte. Gleich am ersten Tag gelingt Eli Weinberg die Aufnahme, die zur Ikone der Antiapartheidbewegung werden sollte: Mitten in einer Gruppe schwarzer Demonstranten mit Protestschildern - „We stay by our leaders“ - steht auch ein weißer Bub. Wie Nelson Mandela sich in Prozesspausen mit Boxen entspannt, zeigt ein Schnappschuss Bob Gosanis. Noch dient die gestreckte Faust sportlichen Zwecken, später, als die Stimmung kippt, sollte sie als Black-Power-Gebärde die erhobenen Daumen als Solidaritätsgeste ersetzen.
Popkultur und Township-Alltag
Die Wende zum bewaffneten Widerstand hat ein präzises Datum: Ian Berry ist am Ort, als am 21. März 1960 die Polizei im Township Sharpeville neunundsechzig wehrlose Demonstranten erschießt. Seine Serie hält die Panik fest, das Davonlaufen, die Verwundeten und die Leichen am Boden. Nur wenige Tage nach dem Massaker kommt es zum ersten Mordanschlag auf Ministerpräsident Hendrik Verwoerd. Eben noch hatte der Architekt der Apartheid vor laufender Kamera lächelnd Ungeheuerlichkeiten von sich gegeben, die seine Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie entblößten. Eine „Endlösung“ propagierte er wohl nur deshalb nicht, weil die Inszenierung weißer Überlegenheit einen farbigen Fond brauchte, von dem sie sich abheben konnte, und Menschen, die für Hungerlohn schufteten. Zur Beerdigung der Opfer von Sharpeville kommen fünftausend Menschen.
Wie ein Leitmotiv ziehen sich Bestattungen durch die Schau. Gemeinsame Trauer stärkte das Gemeinschaftsgefühl, sagt Okwui Enwezor, der die Ausstellung zusammen mit Rory Bester kuratiert hat. Ein anderes Leitmotiv fanden die beiden in Schildern: hier die Demonstrationsplakate im Kampf für Demokratie, dort der Schilderwald zur bürokratischen Organisation des Alltags, die jede Parkbank, jeden Strand, jede Ladentür zwischen schwarzen und weißen Nutzern aufteilte. Wer die besseren Seiten bekam, lässt sich denken. Wer den Schildern nicht gehorchte, wanderte ins Gefängnis.
Noch ist es ein weiter Weg
Lange vor dem Slogan „Black is beautiful“ präsentiert und stärkt das Magazin „Drum“ schwarzes Selbstbewusstsein mit einer Mischung aus investigativem Journalismus plus dramatischer Dokumentarfotografie und Bildstrecken zu Popkultur und Township-Alltag. Schöne Mädchen zeigen Mode, Miriam Makeba rockt und singt, und getanzt wird, dass Menschen vom Schlage Verwoerds und den weiblichen Schlachtschiffen an deren Seite die Augen aus dem Kopf gefallen sein müssen. „Drum“ war der Inkubator der neuen „vielfarbigen“ Fotografenszene des Landes, Größen wie Peter Magubane und Ernest Cole starteten hier, ebenso Alf Kumalo, Ranjith Kall und viele andere. Auch der aus Deutschland eingewanderte Jürgen Schadeberg, der das Land verließ, als „Drum“ 1965 verboten wurde.
Dasselbe Schicksal trifft das Buch „House of Bondage“, Sklavenhaus, wie der junge schwarze Fotograf Ernest Cole seine berühmte Bildsammlung vom bitteren Leben in seinem Homeland betitelte; Cole ging ins Exil. Immer häufiger eskalierte die Situation, und an der Frontlinie hielten die Kameras drauf: In Soweto schießt die Polizei auf eine Schülerdemo gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache. Der zwölfjährige Hector Pieterson stirbt in den Armen eines Freundes. Nach der Beisetzung eines dreijährigen Polizeiopfers wirft die Trauergemeinde Steine gegen bewaffnete Beamte. Der Bürgerrechtler Stephen Bantu Biko erliegt nach Verhören durch Sicherheitspolizisten seinen Kopfverletzungen. Protestierende Studenten wandern reihenweise ins Kittchen.
Die Welt reagierte auf die Bilder und Berichte immer rabiaterer Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Ausschluss des südafrikanischen Olympiateams 1964, vor allem ein innerhalb kurzer Zeit erfolgter Rückzug internationaler Firmen und der Antiapartheidaufruf der UN mit Embargos in der Folge, stützten und forcierten das Bröckeln des Systems. Doch dass Präsident de Klerk 1990 das Ende der Rassentrennungspolitik ausruft und die Freilassung Nelson Mandelas nach dreißig Jahren Haft, erreichte letztlich die Opposition im Land: Der Staat konnte die immensen Kosten seiner laufend verschärften Apartheidpolitik, der Streiks und Boykotts nicht länger tragen. Manches wandte sich zum Guten, vieles zum Besseren, aber noch ist es ein weiter Weg von der gleichberechtigten zur tatsächlich chancengleichen Koexistenz. Der im Übrigen exzellente Katalog zitiert das Besucherbuch des Hector Pieterson Museums: Ein anonymer Eintrag von 2012 lautet „I hate Whites“. Zwar riskiert der Schreiber heute nicht mehr Kopf und Kragen, aber Versöhnung klingt anders.
Wo ist das Ende der Apartheid?
Samuel Lang (Orendel)
- 16.03.2013, 13:07 Uhr