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Stuttgart 21-Architekt im Gespräch : Der Geist will nicht in die Flasche zurück

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Nach dreizehn Jahren Wartezeit hat der Architekt Christoph Ingenhoven den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs begonnen und sieht sich inzwischen als Zielscheibe für die Kritik an der Moderne schlechthin. Der Lärm der Proteste übertönt, worum es ihm eigentlich geht. Hier sagt er es.

          Am 1. August dieses Jahres haben mit dem Abriss des alten Nordflügels die Bauarbeiten für Ihren neuen Bahnhof begonnen. Damit haben sich die Proteste gegen Stuttgart 21 zu Massentumulten ausgeweitet. Können Sie sich noch freuen?

          Christoph Ingenhoven: Über das Anfangen freue ich mich nach wie vor. Die Freude wird natürlich ein bisschen gedämpft. Man guckt sich diesen Protest an und sieht, dass ungeheuer viel in einen Topf gerührt wird. Die einen sind gegen den Abriss des Nord- und Südflügels, die anderen gegen das ganze Projekt, wieder andere wollen die Natur schützen. Ich glaube, dass sich das verselbständigt hat und von politischen Meinungsmachern instrumentalisiert wird.

          Welche Meinungsmacher meinen Sie?

          Insbesondere die Grünen. Sie, die sich doch eigentlich aus der außerparlamentarischen Opposition in den Parlamentarismus begeben haben, ziehen plötzlich, weil sie mit politischen Mitteln ihre populistische Entscheidung gegen Stuttgart 21 nicht durchkriegen, die außerparlamentarischen Praktiken wieder aus dem Hut. Das grenzt an Nötigung. Wenn man den Geist nicht wieder in die Flasche zurückbekommt, könnte das noch ganz andere Kreise aus der Republik anziehen, die andere Dinge im Sinn haben. Welchen Grad an Rohheit das Ganze schon erreicht hat, sieht man daran, dass Betroffene schon Morddrohungen erhalten haben.

          Werden Sie in absehbarer Zeit im Belagerungszustand bauen müssen?

          So weit ist es noch nicht. Ich kriege zwar ab und an ein paar blöde Mails, aber das kann man verkraften. Grundsätzlich vertraue ich noch immer darauf, dass die Vernunft die Oberhand zurückerlangt.

          Als Sie vor einigen Jahren in Lübeck am historischen Marktplatz einen spektakulären Kaufhausbau errichtet haben, gab es zwar keine Morddrohungen und Tumulte, aber doch massive Kritik der Bürger. Sind Sie der Mann fürs Grobe?

          In Lübeck ist damals die Diskussion sehr sachlich geführt worden. Wie seinerzeit dort versuche ich nun in Stuttgart zu erklären, was ich tue und dass ich sehr wohl die bauliche Umgebung achte. Als Zuständiger fürs Grobe fühle ich mich deshalb nicht. Eher als Zielscheibe für die aktuell grassierende Kritik an der Moderne schlechthin. Deshalb habe ich schon in Lübeck gesagt: Ich bin bereit, auf vielen Ebenen auf Vorschläge einzugehen. Eines aber werde ich nicht tun: Ich werde euch kein historisierendes Haus bauen.

          Apropos: Was bedeutet Ihnen der Stuttgarter Bahnhof als Denkmal?

          Er steht mit Recht unter Denkmalschutz und ist mit Respekt zu behandeln. Wenn man seinem Architekten Paul Bonatz, wie dies vor den jetzigen Auseinandersetzungen zuweilen der Fall war, Monumentalismus vorwirft, würde ich immer eine Lanze für ihn brechen. Trotzdem, sein Stil ist nicht meiner; er wäre es auch damals nicht gewesen. Ihn als Heroen der Frühmoderne zu verklären, wie es jetzt geschieht, finde ich eher ahistorisch. Durch seine Person und seine Auftraggeber war Bonatz jemand, der keinesfalls zum Kreis der asketischen Stuttgarten Weissenhof-Moderne gerechnet werden wollte. Was den Bahnhof angeht, hatte er weit über das später Gebaute hinausgehende Visionen, die für mich schwer verdaulich sind und in Richtung Ritterburg oder Walhall gingen. Davon zeigt auch das bestehende Denkmal noch viel. Dass es heute für uns akzeptabel ist, hat mit den Riesenverlusten an historischer Substanz zu tun, die Deutschland erlitten hat. Wie auch immer: der Bonatz-Bau ist ein erstklassiges Denkmal, und wenn wir ihn verlassen, wird er so gut sein wie kurz nach seiner Fertigstellung 1927.

          Sie verstehen sich also auch als Sanierer und Restaurator des Denkmals?

          Durchaus. Wir werden ja beispielsweise die Deckenkonstruktion der fünfziger Jahre, die nach den Kriegszerstörungen eingebracht wurde, als Zeitdokument erhalten oder Trakte restaurieren und in das Raumkonzept integrieren, die jahrzehntelang kaum genutzt wurden und deshalb annähernd original erhalten sind. Die große Bahnhofshalle, die in einem teilweise bedenklichen Zustand ist und grob verändert, ja entstellt wurde, werden wir wiederherstellen, aber auch so verändern, dass sie die Benutzer in den unterirdischen neuen Bahnhof leitet.

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