16.06.2008 · „Ein Berliner in New York“ heißt der Comic, der zwei Wochen lang an der Stelle von „Strizz“ erscheint. Sein Zeichner Tomas Bunk, „Mad“-Mitarbeiter seit 1990 und Meister des Wimmelstils, erzählt eine Geschichte, deren Kern die Liebe ist.
Von Andreas PlatthausEin Leben in zehn Fortsetzungen, in 139 Bildern? Das ist selbst für Tomas Bunk, den Meister des Wimmelstils, zu dem ihn kein Geringerer als Harvey Kurtzman, der Gründer von „Mad“, erklärt hat, schwer zu schaffen. Deshalb beschränkt Bunk sich auf ein Vierteljahrhundert, die Zeit seit 1983, als sein amerikanisches Abenteuer begann, das bis heute andauert.
„Ein Berliner in New York“ heißt der Comic, den wir von heute an für zwei Wochen an der Stelle von „Strizz“ abdrucken, damit Volker Reiche seinen verdienten Jahresurlaub antreten kann. Es ist erst der zweite in sechs Jahren; beim ersten hatte ihn 2007 Ralf König vertreten - ein Zeichnerfreund, und so verhält es sich auch mit Tomas Bunk. Das können wir schon in der zweiten Folge von „Ein Berliner in New York“ sehen, als Bunk noch in Deutschland weilt und das Ehepaar Reiche besucht. Später wird er weitere Comic-Größen treffen: Art Spiegelman und dessen Frau Françoise Mouly ermöglichen ihm den beruflichen Einstieg in Amerika, Gary Panter tritt ins Bild, Kurtzman empfiehlt ihn an „Mad“, wo Bunk Meister wie Sergio Aragones, Will Elder oder Al Jaffee kennenlernt.
Amerikanischer Einfluss
Und doch ist dieser Comic keine Geschichte des Genres, sondern eben knapp ein halbes Leben: das des Tomas Bunk. Die erste Hälfte begann 1945 im kroatischen Split, wo seine Eltern nach dem Exil, das sie 1933 angetreten hatten, gelandet waren; erst 1957 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Tomas Bunk studierte an der Kunsthochschule in Hamburg und zog 1973 nach Berlin, wo er einer der aktivsten Protagonisten der deutschen Alternativ-Comicszene wurde (eine schöne Hommage an den Kollegen Gerhard Seyfried findet sich im vorletzten Bild unserer heutigen Folge). Bunks Stil aber verdankt sich vor allem amerikanischem Einfluss: Robert Crumb natürlich und dem anarchischen Humor von „Mad“, jener Humorzeitschrift, für die er selbst seit 1990 arbeitet. Insofern war der aus Liebe betriebene Umzug nach New York im Oktober 1983 eine ästhetische Heimkehr.
Mehr muss man nicht erzählen; alles Weitere steht in den zehn Folgen von „Ein Berliner in New York“. Bunk entfaltet darin eine Detailfülle, die auch nach mehrmaliger Lektüre noch Überraschungen bereithalten wird, und der Sprachenmischmasch, der für sein Leben prägend geworden ist, bietet zusätzliches Vergnügen. Doch im Kern dieser Geschichte steckt die Liebe: zu seiner Frau Hinda, für die Bunk zum jüdischen Glauben konvertiert, zu den Kindern Ben und Anna-Sophia, zum Comic, zu New York und zum Leben selbst, das fast vorzeitig geendet hätte - und wenn er das erzählt, setzt Bunk ein einziges Mal wilde Farben ein. Er hat überlebt - welch ein Glück für ihn und uns.
Hier geht's zum Comic: Tomas Bunks „Berliner in New York”
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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