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Stress im Museum Will man Leonardo da Vinci als Blockbuster sehen?

 ·  Früher war der Museumsbesucher, der sich nur kurz die Bilder ansah, eine Lachnummer. Heute will man sich ihn heranziehen – alles andere stört den Betrieb. Ein Beispiel aus der National Gallery in London.

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Dieser Artikel hat 167 Zeilen, und wenn Sie ihn wirklich zu Ende lesen wollen, brauchen Sie dafür geschätzte vier Minuten. Kommt Ihnen nicht so viel vor? Kommt auf den Vergleich an. Denn wenn man als Maßstab anlegt, wie lange die Verweildauer vor einem Gemälde von Leonardo da Vinci beträgt, sind vier Minuten für einen Artikel stattlich: Vier Minuten und siebzehn Sekunden sind nämlich der rechnerische Durchschnitt, der sich ergibt, wenn man eine halbe Stunde nur durch die sieben Ölgemälde von Leonardo da Vinci teilt, die von November an in der Londoner National Gallery gezeigt werden. Die Schau umfasst darüber hinaus noch zahlreiche Zeichnungen des Künstlers und andere Werke aus der Zeit. Sechzehn Pfund kostet die Karte, nach dreißig Minuten werden die nächsten 180 Besucher eingelassen. Die National Gallery weist darauf hin, dass niemand gezwungen wird die Ausstellung zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verlassen. Jeder könne so lange bleiben, wie er möchte - oder so lange er es aushält, wenn im Halbstundentakt weitere 180 Besucher nachrücken. Dass es eng wird, wenn sich die Besucher tatsächlich dafür entscheiden würden, auch nur eine Stunde zu bleiben, kann sich jeder selbst ausrechnen.

Tipps, wie ein solcher Ausstellungsbesuch effizient durchgeführt werden kann, hat Nicholas Penny parat, der Direktor der National Gallery. „Es ist ausgesprochen wichtig“, so Penny, „unsere Website gründlich zu lesen und sich vor dem Besuch zu informieren.“ Und: „Rechtzeitig buchen und sich ordentlich vorbereiten“, rät eine Pressemitteilung des Hauses. Das klingt nach Arbeitsteilung: Zuhause lesen und im Museum schauen. Wer sich gut mit da Vinci auskennt, kann die Bilder gezielt ansehen.

Ausstellungsparcours von Blockbustern

In England ist ein Entrüstungssturm losgebrochen, Kunsterzieher und Museumsverbände haben protestiert. Aber vielleicht muss man es als Glücksfall ansehen, dass es so weit kommen konnte. Das Monster Blockbuster hat Feuer gespuckt, aber - das darf man nicht vergessen - in seinem giftigen Atem müssen wir es schon lange aushalten. Anders gesagt: Museumsdirektor Nicholas Penny spricht nur aus, wozu uns bei anderen Blockbustern subtilere Mittel längst zwingen. Um die Aufenthaltsdauer zu verkürzen, steht ein Arsenal von Psychotechniken bereit, denen Besucher gehorchen, ohne sie zu bemerken. Ob und von welchen Mitteln die National Gallery Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten.

Das fängt mit der Architektur an. Der Ausstellungsparcours von Blockbustern ist wie ein Fluchtweg mit Feuertüren angelegt: Die Menschenströme werden durch einen Schlauch immer geradeaus Richtung Ausgang geschoben. Es gibt keine Kabinette, Abzweigungen oder Sackgassen - und wie in einer Reuse kein Zurück. Wer es sich einfallen lässt, zu einem Bild zurückzukehren, wird in einigen Fällen durch Türen daran gehindert, die sich nur in eine Richtung öffnen. Das gilt auch für den Ausgang: Die Tür schnappt zu, die Karte gilt nur für den einmaligen Eintritt.

Mit der Inneneinrichtung geht es weiter. Über das Atelier einer deutschen Modedesignerin kursiert die Geschichte, dass sie die Fensterbretter abschrägen ließ, damit die Angestellten nichts darauf abstellen können. Das unwirtliche Museumsmobiliar, das die Sofas von einst verdrängt, erweckt ebenfalls den Eindruck, als sollten die Besucher, statt darauf Platz zu nehmen, schnell wieder herunterrutschen. Blockbusterausstellungen machen es sich noch einfacher: Es gibt darin keine Sitzgelegenheiten.

Wer noch nie Vermeer im Städel sah

Bisher war der Museumsbesucher, der sich die Kunstwerke nur kurz oder gar nicht ansieht, eine der liebsten Lachnummern der Kulturelite. Der Schriftsteller Thomas Bernhard mokierte sich über die Banausen, die, statt die Bilder zu betrachten, „die ganze Zeit in den Katalog“ schauen. Endlos sind die Witze über Museumsgänger, die sich in Trauben vor dem Schildchen einfinden, das Künstler und Datum eines Werks vermerkt, und dem Bild weiter keine Beachtung schenken. Als 1996 das Mauritshuis in Den Haag eine Vermeer-Ausstellung zeigte, die von 300.000 Besuchern überrannt wurde, plädierte Robert Gernhardt in dieser Zeitung für den „Kunstfreund-Schein“. Für die Zulassung müsse beispielsweise nachgewiesen werden, dass man bereits eine heimatliche Sammlung besucht habe: „Der Frankfurter, der noch nie seinen Vermeer im Städel sah, sollte dem wahren Liebhaber des Malers nicht anderswo den Blick auf das Kleinod verstellen dürfen.“

Neu ist, dass die ehemalige Lachnummer zum Ideal von ehrwürdigen Institutionen aufgestiegen ist. Der Besucher von Blockbustern soll die Originale nur eines kurzen Blickes würdigen - und liest dann im Katalog. Er bleibt länger im Museumsshop als in der Ausstellung. Er zahlt sechzehn Pfund für den Eintritt und am besten noch einmal so viel im Museumscafé.

Laut Angaben der National Gallery liegt die Zahl der Besucher, die pro halbe Stunde eingelassen werden, unter dem Maximum, das die Sicherheitsbestimmungen erlauben: 230 wären möglich, 180 werden eingelassen. Als Grund für die Maßnahmen gilt die Schau „Gauguin“, die im Januar in der Tate Modern zu Ende ging und eine Flut von Beschwerden nach sich zog: zu voll, zu stickig, zu teuer. Das Schauspiel, dessen Zeuge wir sind, ist der seltene Fall eines Monsters, das an seinem eigenen Gift zugrundegeht; die Blockbuster werden von ihrem eigenen Gewicht erdrückt.

Gesamtkunstwerke, keine Götzengalerien

Es ist also an der Zeit, sich von einem Fetisch zu verabschieden, dessen Entstehen die Bildungseliten ebenso verschuldet haben wie ein hysterisches Marketing. Der Fetisch heißt Original. Dem Mythos Original ist der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in dem kurzweiligen, klugen Buch „Raffinierte Kunst“ nachgegangen - mit überraschendem Ergebnis: Wie ein religiöses Erweckungserlebnis schildern die Gründungsväter der Kunstgeschichte im achtzehnten Jahrhundert die Begegnung mit den Originalen. Wilhelm Heinrich Wackenroders Blick im Petersdom „schwebt jauchzend hinauf“, und Ludwig Tieck gibt an, „mit dem heiligen Schauer in die Sestina“ eingetreten zu sein, um Michelangelos „Jüngstes Gericht“ zu betrachten. Nur: Sie waren nachweislich nie dort. Für ihren Erfindergeist nennt Ullrich sie die „Karl Mays der Kunstgeschichte“.
Viel zu lang haben die Blockbuster den Blick darauf verstellt, was Museen eigentlich sind: Gesamtkunstwerke, keine Götzengalerien. Wenn es nicht mehr möglich ist zu verweilen, sich vor ein Werk zu setzen oder sich mit Freunden davor auszutauschen, dann kann man es auch bleiben lassen. Es ist eindeutig besser, ein Gemälde nie im Original gesehen zu haben - als 4 Minuten, 17 Sekunden davor in einer Blockbusterschau zu stehen.

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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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