Home
http://www.faz.net/-gsa-z5l1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Stress im Museum Will man Leonardo da Vinci als Blockbuster sehen?

Früher war der Museumsbesucher, der sich nur kurz die Bilder ansah, eine Lachnummer. Heute will man sich ihn heranziehen – alles andere stört den Betrieb. Ein Beispiel aus der National Gallery in London.

© dapd Vergrößern Wieselflink durchs Museum: Lieber zu Hause lesen, damit zum Sehen genug Zeit bleibt



Dieser Artikel hat 167 Zeilen, und wenn Sie ihn wirklich zu Ende lesen wollen, brauchen Sie dafür geschätzte vier Minuten. Kommt Ihnen nicht so viel vor? Kommt auf den Vergleich an. Denn wenn man als Maßstab anlegt, wie lange die Verweildauer vor einem Gemälde von Leonardo da Vinci beträgt, sind vier Minuten für einen Artikel stattlich: Vier Minuten und siebzehn Sekunden sind nämlich der rechnerische Durchschnitt, der sich ergibt, wenn man eine halbe Stunde nur durch die sieben Ölgemälde von Leonardo da Vinci teilt, die von November an in der Londoner National Gallery gezeigt werden. Die Schau umfasst darüber hinaus noch zahlreiche Zeichnungen des Künstlers und andere Werke aus der Zeit. Sechzehn Pfund kostet die Karte, nach dreißig Minuten werden die nächsten 180 Besucher eingelassen. Die National Gallery weist darauf hin, dass niemand gezwungen wird die Ausstellung zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verlassen. Jeder könne so lange bleiben, wie er möchte - oder so lange er es aushält, wenn im Halbstundentakt weitere 180 Besucher nachrücken. Dass es eng wird, wenn sich die Besucher tatsächlich dafür entscheiden würden, auch nur eine Stunde zu bleiben, kann sich jeder selbst ausrechnen.

Mehr zum Thema

Tipps, wie ein solcher Ausstellungsbesuch effizient durchgeführt werden kann, hat Nicholas Penny parat, der Direktor der National Gallery. „Es ist ausgesprochen wichtig“, so Penny, „unsere Website gründlich zu lesen und sich vor dem Besuch zu informieren.“ Und: „Rechtzeitig buchen und sich ordentlich vorbereiten“, rät eine Pressemitteilung des Hauses. Das klingt nach Arbeitsteilung: Zuhause lesen und im Museum schauen. Wer sich gut mit da Vinci auskennt, kann die Bilder gezielt ansehen.

gauguin © Art Institute of Chicago, USA Vergrößern Die Gauguin-Schau in der Tate Modern schreckte viele ab: zu voll, zu stickig, zu teuer

Ausstellungsparcours von Blockbustern

In England ist ein Entrüstungssturm losgebrochen, Kunsterzieher und Museumsverbände haben protestiert. Aber vielleicht muss man es als Glücksfall ansehen, dass es so weit kommen konnte. Das Monster Blockbuster hat Feuer gespuckt, aber - das darf man nicht vergessen - in seinem giftigen Atem müssen wir es schon lange aushalten. Anders gesagt: Museumsdirektor Nicholas Penny spricht nur aus, wozu uns bei anderen Blockbustern subtilere Mittel längst zwingen. Um die Aufenthaltsdauer zu verkürzen, steht ein Arsenal von Psychotechniken bereit, denen Besucher gehorchen, ohne sie zu bemerken. Ob und von welchen Mitteln die National Gallery Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten.

Das fängt mit der Architektur an. Der Ausstellungsparcours von Blockbustern ist wie ein Fluchtweg mit Feuertüren angelegt: Die Menschenströme werden durch einen Schlauch immer geradeaus Richtung Ausgang geschoben. Es gibt keine Kabinette, Abzweigungen oder Sackgassen - und wie in einer Reuse kein Zurück. Wer es sich einfallen lässt, zu einem Bild zurückzukehren, wird in einigen Fällen durch Türen daran gehindert, die sich nur in eine Richtung öffnen. Das gilt auch für den Ausgang: Die Tür schnappt zu, die Karte gilt nur für den einmaligen Eintritt.

Mit der Inneneinrichtung geht es weiter. Über das Atelier einer deutschen Modedesignerin kursiert die Geschichte, dass sie die Fensterbretter abschrägen ließ, damit die Angestellten nichts darauf abstellen können. Das unwirtliche Museumsmobiliar, das die Sofas von einst verdrängt, erweckt ebenfalls den Eindruck, als sollten die Besucher, statt darauf Platz zu nehmen, schnell wieder herunterrutschen. Blockbusterausstellungen machen es sich noch einfacher: Es gibt darin keine Sitzgelegenheiten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tour-de-France-Sieger Der gelbe Hai Vincenzo Nibali

Er zeigt sich als Meister seines Fachs: Der Italiener Vincenzo Nibali gewinnt die Tour wie ein Alleinherrscher und wehrt auch Angriffe auf seine Redlichkeit ab. Nicht jeden kann er überzeugen. Mehr

27.07.2014, 19:17 Uhr | Sport
Im Kino: „Monsieur Claude und seine Töchter“ Die Multikultimodellfamilienkomödie

„Monsieur Claude und seine Töchter“ legt die Ressentiments allen Beteiligten gleichermaßen in die Münder. Am Ende steht eine harmlose Familienkomödie. Mehr

23.07.2014, 16:09 Uhr | Feuilleton
Internet-Studie So surfen die Deutschen

Der Fotodienst Instagram wird vorzugsweise von Frauen genutzt, während Männer verstärkt Internetportale nutzen, die sich mit Computerspielen auseinandersetzen. Arbeitslose sind am längsten im Internet, zeigt jetzt eine Umfrage. Mehr

27.07.2014, 21:01 Uhr | Wirtschaft

Auf nach Russland!

Von Swantje Karich

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hat sich für eine Absage der Teilnahme seines Landes am Kulturjahr 2015 in Russland entschieden. Aber ist ein solcher Boykott von Nutzen? Mehr 1 1