23.12.2009 · Der Streit um die Rückgabe der Nofretete hat einen weiteren Höhepunkt erreicht. Ägypten fordert den „Inbegriff altägyptischer Kunst“ zurück, den Deutschland sich unrechtmäßig angeeignet habe. Die Sache ist verzwickt, doch der Vorwurf bleibt ungerechtfertigt.
„Dann wurde die bunte Büste herausgehoben, und wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in Händen.“ So beschrieb der Architekt und Ägyptologe Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 den Fund der Nofretete, die er im Atelier des Bildhauers Thutmosis in Amarna, ehemals Achet-Aton, Hauptstadt des Pharaos Echnaton, aus dem Sand gegraben hatte. Borchardt war zwar sofort fasziniert von „der bunten Königin“, wie er und der Berliner Mäzen James Simon, der seine Grabungen finanzierte, sie bald nannten. Aber dass sie zum heißestbegehrten Welterbe werden würde, zum Inbegriff altägyptischer und damit der Kunst schlechthin, konnte er wohl nicht ahnen.
Das aber unterstellte am vergangenen Montag Zahi Hawass, der Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, dem Ausgräber. Genauer: Er fordert vehementer denn je die Nofretete für Ägypten zurück, weil Borchardt einst ägyptische „Treuhänder“ getäuscht und so erreicht habe, „dass die Statue Ägypten illegal verlassen hat“. Gelegentliche Rückgabeforderungen gab es seit den zwanziger Jahren. Doch mit dem extrem energischen Hawass und dem Jahr 2007 wurden sie drängend. Damals verweigerte Dietrich Wildung, seinerzeit Direktor des Berliner Ägyptischen Museums, den Wunsch, die Büste zur Eröffnung des neuen Nationalmuseums 2012 in Kairo auszuleihen.
Verzwickte Sachlage
Die ägyptische Empörung scheint bis heute nicht abgeflaut, denn Hawass blieb im Oktober 2009 demonstrativ der Wiedereröffnung des Berliner Neuen Museums fern, in dem Nofretete ein eigener Saal reserviert ist. Zwar nannte der ägyptische Botschafter sie bei der Gelegenheit launig die „Ständige Vertreterin Ägyptens in Berlin“, doch Hawass drohte, er werde die Büste „offiziell von Deutschland zurückfordern“. Am vergangenen Sonntag nun flog Friederike Seyfried, die neue Direktorin des Ägyptischen Museums, zu einem Gespräch mit dem Generalsekretär nach Kairo. Doch der beharrt weiter darauf, Nofretete sei, wie der berühmte Rosetta-Stein im Britischen Museum, ein „Kernstück ägyptischer Identität“ und deshalb zurückzugeben.
Was die Büste angeht, ist die Sachlage verzwickt, aber eindeutig: Am 20. Januar 1913 fand, gemäß damaligen Bestimmungen, eine Teilung sämtlicher Funde der Grabungskampagne in Amarna statt. Beteiligt waren, in Gestalt des Ägyptologen Gustave Lefebvre, der ägyptische Antikendienst, der im damals britisch besetzten Ägypten unter französischer Leitung stand, sowie Ludwig Borchardt und James Simon. Dem Ausgräber oblag das vorschlagsweise Sortieren zu gleichen Teilen, Simon stand als Geldgeber alles zu, was außer Landes gehen durfte, Lefebvre hatte Entscheidungsrecht. Mag sein, dass der Franzose sich täuschen ließ von den Sand- und Lehmkrusten, die das Antlitz der Pharaonin verunzierten. Mag sogar sein, dass Borchardt, darauf spekulierend, die Reinigung der Büste aufgeschoben hatte. Unbestreitbar aber ist, dass Lefebvre die Aufteilung akzeptierte und alle erforderlichen Dokumente unterzeichnete. Legal also gelangte Nofretete erst in James Simons Villa nach Berlin und 1924 von dort als Schenkung des Mäzens auf die Museumsinsel.
Selbstfindung und Verwertung
Doch Zahi Hawass, dem all dies bekannt ist, spricht unverdrossen von Irreführung. So bezichtigt er Borchardt, er habe Nofretete im Teilungsvertrag täuscherisch zur Gipsbüste erklärt und abgewertet – wobei er unterschlägt, dass (was auch Lefebvre bekannt war) viele Amarnakunstwerke aus einem besonders kostbaren Gips bestehen und erst 1992 und 2006 Untersuchungen eindeutig ergaben, dass der innere, roh modellierte Kern der Büste aus Kalkstein ist.
Diese Untersuchungen zeigten auch winzige Hohlräume zwischen dem Steinkern, dem Gips und den Farbauflagen. Ein Festigen ist unmöglich, das geringste Bewegen der Büste kann Zerstörungen hervorrufen. Zahi Hawass, der dies ebenfalls weiß, scheint also um das Kunstwerk weniger besorgt zu sein als um den Kern ägyptischer Identität. Dafür sprechen auch seine Andeutungen, man werde nicht auf die Ausleihe, eventuell aber auf die Rückgabe der Nofretete verzichten, falls London den Rosetta-Stein herausgebe. Das verstärkt den Eindruck einer mit Drohungen und Unterstellungen nicht geizenden Strategie, der es ebenso um die finanziell kaum zu überschätzende touristische Attraktivität der Nofretete geht wie um nationale Selbstfindung. Zumal, da Zahi Hawass, der oft und gern große Schätze des Tutanchamun auf Welttourneen schickt, Fernsehteams sich durch Pyramiden wühlen und Anatomen öffentlich Hatschepsut identifizieren lässt, sich fast täglich als glänzender Verwerter altägyptischer Kunst erweist.
„Farben wie eben aufgelegt, hervorragend. Beschreiben nützt nichts“: Es ist lange her, dass Luwig Borchardt derart still bewundernd über Nofretete schreiben konnte. Dieter Bartetzko