08.06.2005 · Die Sensation ist perfekt: Ein 7 mal 2,5 Meter hohes Kirchenfenster in Straubings Basilika ist als zuvor unbekannter Dürer erkannt worden. Das Bild zeigt die Übergabe der Zehn Gebote durch Gottvater an Mose.
Von Dieter BartetzkoNicht nur die Welt der Kunsthistoriker, sondern die sehr vieler Deutscher steht seit dem Dienstag kopf. Denn es geht um Albrecht Dürer, nach wie vor der Kaiser aller deutschen Künstler.
Wenn, wie nun in Straubing, ein 7 mal 2,5 Meter hohes Glasbild als zuvor unbekannter Dürer erkannt wird, dann ist die Sensation perfekt. Nur einer findet etwas anderes sensationeller: Für Hartmut Scholz vom Freiburger „Corpus Vitrearum“, dem Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei, wiegt es schwerer, daß das Glasgemälde in sturer Fortschreibung einer Fehldeutung der Kunsthistorikers Franz Ebner von 1920 bis heute als ein Werk des 1494 gestorbenen Malers Wilhelm Pleydenwurff galt.
Schon im September 2004 identifiziert
Hartmut Scholz hat jedes Recht dazu. Denn er identifizierte schon im September 2004 das Fenster als Schöpfung Dürers. Ein Zufall, ein Kolloquium des Corpus Vitrearum mit Ortsbegehungen, führte dazu. Als Hartmut Scholz in Straubings Basilika St.Jakob das Gerüst bestieg, erkannte er nach wenigen Blicken Ebners Irrtum. Denn die monumentale Darstellung der Übergabe der Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten durch Gottvater an Moses glich bis ins Detail zwei Hauptwerken des jungen, aus Italien nach Nürnberg zurückgekehrten Dürer - einem 1496 entstandenen, heute in Frankfurts Städel befindlichen Entwurf für ein Glasfenster mit dem Drachenkampf des heiligen Georg und Dürers „Apokalypse“, die ihn zwischen 1496 und 1498 schlagartig berühmt machte.
Ein Hauptindiz sieht Scholz in dem schwebenden, auf Kopf und Brustkorb reduzierten Gottvater, vor allem in dessen gezacktem Flammennimbus, einer Erfindung Dürers. Nur in der Apokalypse ist er ein Hauptmotiv, danach verliert er sich. Die Möglichkeit, daß Kopisten der damals einzig zu derartigen Fenstern fähigen Nürnberger Glaserwerkstatt Hirschvogel das Straubinger „Moses-Fenster“ schufen, scheidet für Scholz aus: Niemand wäre imstande gewesen, das Motivgefüge, die Monumentalität der Komposition und die eindringliche Physiognomie des Religionsstifters und des göttlichen Gesetzgebers aus Einzelteilen der Dürer-Graphik zusammenzuklauben und zu so gewaltiger Harmonie zu fügen.
Ein Originalwerk ist uns wiedergeschenkt
„Adaptionen sind auszuschließen“: Ein Originalwerk also des jungen Dürer ist uns wiedergeschenkt, eine Vorlage, die schlagartig alle Pußeligkeit der Spätgotik abwirft. Der Sprung in die Renaissance ist vollzogen. Allein dies genügt, um das Fenster zur Kostbarkeit zu machen. Wertvoller noch wird es durch die Tatsache, daß es in besserem Zustand ist - beziehungsweise durch die anstehende Restaurierung in einer Paderborner Werkstatt sein wird - als die drei von Dürer bekannten monumentalen Fenster in der Nürnberger Kirche St.Sebald, die durch rüde Restaurierungen verunstaltet wurden.
Entstanden sind sie zwischen 1501 und 1515, in einer Zeit, als aus dem Anfänger ein Malerunternehmer geworden war, der in seiner Werkstatt selten eigenhändig, dafür aber oft von seinen Gesellen Entwürfe für Glasfenster, von der Wappenscheibe bis zum Heiligenbild, erstellen ließ. Das wiederum bedingt für das heutige Originalitätsstreben mühsamste Händescheidung: Welche Partien sind vom genialen Meister, welche von geschickten Gesellen? Diese Frage, so Hartmut Scholz, erübrigt sich in Straubing. Hier gab der ruhmbegierige Debütant Dürer im Entwurf dieser Übergabe der Zehn Gebote allein sein Bestes.
Um 1909 wurde das Straubinger Fenster restauriert. Auch ohne dieses Wissen sieht unsereins in seiner stupend vegetabilen Ornamentik, seinen umgejehrt ornamentalen Pflanzen und den glatten, graphisch sublim umrissenen Gesichtern Spuren des Jugendstils. Doch der Spezialist schließt derartige Eingriffe aus. Er sieht reinen Dürer, entstanden 1497. In einem Aufsatz Ende des Jahres, vielleicht aber auch in einem vorgezogenen aktuellen Sonderdruck, will Hartmut Scholz seine Erkenntnisse von 2004 ausbreiten und alle Zweifel an der Echtheit des Dürerfensters ausräumen.