Michael Gielen, geboren 1927, begann seinen Berufsweg als Korrepetitor am Teatro Colón in Buenos Aires. Er arbeitete dort mit Wilhelm Furtwängler und Erich Kleiber, der bis 1935 die Berliner Lindenoper geleitet hatte und von der DDR zum Generalmusikdirektor der wiedererrichteten Staatsoper berufen wurde, aber sein Amt nicht antrat, weil die Restaurierung die Widmungsinschrift „Fridericus Rex Apollini et Musis“ aussparte. 1999 wurde Gielen zum Ersten Gastdirigenten der Staatsoper ernannt. Auch in Konzerten dirigiert er regelmäßig die Staatskapelle, deren Bedürfnisse mutmaßlich erklären, warum Daniel Barenboim die Neugestaltung des Lindenopernsaales gemäß dem Entwurf des Wettbewerbssiegers Klaus Roth zu seiner Sache gemacht hat.
Im Staatsopernstreit, den ein Treffen von Kulturstaatsminister Neumann mit dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Wowereit am heutigen Montag womöglich der Entscheidung zuführen wird, kommt dem Votum von Michael Gielen besonderes Gewicht zu. Es sei vollständig zitiert: „Ich glaube, dass Veränderungen aus akustischen (vor allem!) und Sichtgründen an der Staatsoper sehr notwendig sind. Andererseits glaube ich, dass die stilistische und bauhistorische Gestaltung beibehalten werden sollte, soweit möglich. Auf keinen Fall einen ,modernen' Zuschauerraum, das wäre scheußlich.“
Barbarischer Plan oder musikalische Notwendigkeit
Gielen äußert sich in einem Sonderheft der Zeitschrift „Theater der Zeit“, das den Streit dokumentiert und kommentiert. Mit ebenso kräftigen Worten nimmt dort der Regisseur Harry Kupfer Stellung, der an der Staatsoper mit Barenboim jene Wagneraufführungen erarbeitete, die den Ansprüchen des Generalmusikdirektors an sich selbst, wie das erstaunte Publikum nun nachträglich schließen muss, nicht entsprochen haben. Kupfer verweist im Sinne Gielens auf die technischen Möglichkeiten akustischer Optimierung durch kleinere Eingriffe und bezeichnet das Vorhaben, den von Richard Paulick gebauten, in den achtziger Jahren schon einmal sanierten Saal abzureißen, als „barbarischen Plan“. In der Debatte, die die Paulick-Gegner mehr mit geschichtspolitischen als mit musikästhetischen Topoi bestritten haben, möchte Kupfer eine echt Berliner „Macke“ erkennen.
Auf der Gegenseite beschwört der Regisseur Achim Freyer ausführlich die Qualitäten eines idealen Opernraums, um dann lakonisch festzustellen, dass sie dem bestehenden Lindenopernsaal sämtlich abgingen. Fabio Luisi, Generalmusikdirektor der Sächsischen Staatsoper, hebt in seiner knappen Stellungnahme auf den institutionellen Aspekt ab: „Dem künstlerischen Anspruch des Hauses und gerade einem GMD wie Barenboim muss auch räumlich entsprochen werden.“
Das sollte man dem Regietheater überlassen
Ein Aufsatz der Politologin Sarah Zalfen ordnet den Sanierungsstreit in die Geschichte der seit der Wiedervereinigung eigentlich nie abgebrochenen Debatte um die Verfassung der Berliner Opernlandschaft ein und erinnert daran, dass dem raumgreifenden Selbstausdruck eines Orchesterformers in der Furtwänglernachfolge mit der Deutschen Oper ein modernes großes Haus unter dem Dach der Opernstiftung zur Verfügung stünde. Das Gutachten des Münchner Akustikingenieurs Karlheinz Müller bestätigt die Möglichkeit, ohne Neubau zu „einer leicht verbesserten natürlichen Raumakustik“ zu gelangen. Friedrich Dieckmann, der „Theater der Zeit“ gemeinsam mit dem früheren Kultursenator Thomas Flierl und Harald Müller herausgibt, fügt Notizen zusammen, die für die Diagnose der „Macke“, der berlintypischen Debattenpathologie, sprechen.
Besonders nützlich ist die Dokumentation des Wettbewerbs inklusive des Wortlauts der Ausschreibung. Alle acht Entwürfe werden von den Teilnehmern selbst vorgestellt, von denen einige auch auf die vom Juryvotum ausgelöste Kontroverse eingehen. So legen Gerkan, Marg und Partner dar, dass sie „auf die übliche sensationelle Kontrastwirkung des unübersehbar Neuen in alter Umgebung“ verzichtet hätten, weil sie „dies den in ihrer Nachhaltigkeit zeitlich befristeten Inszenierungen des Regietheaters überlassen“ wollten. Diese Überlegung der Großmeister des Funktionalismus hat das Zeug zum Schlusswort.
Nur mit Presseausweis in der Staatsoper gewesen?
Henrik v. Maltzahn (henkemal)
- 14.07.2008, 19:22 Uhr