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Staatsgalerie Stuttgart restituiert Gemälde : Der Fall des Kunsthändlers Max Stern

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Der jüdische Kunsthändler Max Stern musste 1937 die Werke seiner umfangreichen Sammlung zwangsversteigern lassen. Die Staatsgalerie Stuttgart ist jetzt das erste deutsche Museum, das ein Gemälde an die Erben zurückgibt. Folgen andere Museen nach?

          Seit zehn Jahren schon sucht ein Universitätsprojekt von Kanada aus nach jenen Werken, die der deutsche Kunsthändler Max Stern nach 1933 in Deutschland zwangsversteigern lassen musste, um für sich und seine Familie die lebensrettende Flucht ins Ausland bezahlen zu können. Am heutigen Dienstag wird zum ersten Mal in der Geschichte des „Max Stern Art Restitution Project“ ein deutsches Museum ein Gemälde an die Stern-Erben restituieren. Im Rahmen eines Festaktes in der kanadischen Botschaft in Berlin gibt die Staatsgalerie Stuttgart eine „Jungfrau mit Kind“ zurück, die dem Meister von Flémalle, einem unbekannten flämischen Meister am Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, zugeschrieben wird.

          Das Museum hatte das Bild nach dem Krieg zusammen mit 117 anderen Werken aus der Sammlung des Stuttgarter Papierindustriellen Heinrich Scheufelen erhalten. Seit wann Scheufelen das Bild besaß, ließ sich bislang nicht rekonstruieren. Als der Unternehmer 1943 acht Gemälde an das von Hitler geplante Großmuseum in Linz verkaufte, war die Madonna mit Kind jedenfalls nicht dabei.

          Zwangsverkauf bei Lempertz

          Recherchen der Staatsgalerie, des „Holocaust Claims Processing Office“ des Staates New York und der Provenienzforscher Anja Heuss und Willi Korte ergaben aber zweifelsfrei, dass der jüdische Kunsthändler Max Stern das Bild um 1938 unter Druck hatte verkaufen müssen, um eine Ausreisegenehmigung für seine Mutter Selma zu erhalten. Stern hatte 1934 von seinem Vater Julius dessen 1913 gegründete Galerie an der Düsseldorfer Königsallee übernommen. Am 29.August 1935 teilte der Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste ihm schriftlich mit, er habe als Jude seine Zulassung als Kunsthändler verloren. Innerhalb von vier Wochen sei die Galerie in Düsseldorf aufzulösen. Stern gelang es noch verschiedentlich, Aufschub zu erwirken. Im März 1937 verkaufte er dann aber die Gebäude an der Königsallee und bereitete seine Emigration vor.

          Stern nahm Kontakt zum Kölner Auktionshaus Lempertz auf, mit dessen Inhabern, der Familie Hanstein, ihn eine langjährige Geschäftsbeziehung verband, und bereitete den Zwangsverkauf seines gesamten noch in Deutschland verbliebenen Eigentums vor. Um auch für seine Mutter die lebenswichtigen Ausreisepapiere zu erhalten, benötigte er Bargeld, mit dem er unter anderem die vor allem Juden auferlegte „Reichsfluchtsteuer“ und die „Dego-Abgabe“ an die Deutsche Golddiskontbank entrichten konnte. Nach Auskunft von Lempertz katalogisierte Max Stern persönlich jene 228 Werke, die am 13.November 1937 am Kölner Neumarkt ganz offen als „Die Bestände der Galerie Stern - Düsseldorf“ angeboten wurden. Das Unternehmen betrachtet die Auktion 392 heute deshalb nicht als Zwangsauktion. Doch schon 1963 teilte der Kölner Galerist Günther Abels dem Landgericht Düsseldorf mit: „Es steht außer Zweifel, dass die Versteigerung der Bestände der Galerie Stern aus einer Zwangslage heraus erfolgte, die allen bekannt war und somit nicht unter normalen Bedingungen ablaufen konnte, was nicht ohne Auswirkungen auf die erzielten Preise blieb.“

          In den Wohnzimmern der Nachfahren

          Der Stern-Nachlass ist auch mit Museen in Köln und Düsseldorf im Gespräch, im Wallraf-Richartz-Museum geht es um eine Nachtszene von Adam Elsheimer, im Düsseldorfer Stadtmuseum um ein Selbstbildnis von Friedrich Wilhelm von Schadow, das Interpol sogar zur Fahndung ausgeschrieben hat. Insgesamt fehlen bis heute noch rund 400 ehemalige Stern-Bilder, nach denen seine Erben - die Concordia sowie die McGill University in Montreal und die Hebrew University in Jerusalem - auch über das Internet suchen (http://www.concordia.ca/campus-life/arts-and-culture/max-stern/).

          Besonderes Interesse dürften diese Recherchen im Rheinland hervorrufen. Die meisten der Bilder, die aus der Sammlung Stern in den vergangenen Jahren wieder in der Öffentlichkeit erschienen, stammten aus rheinischen Privatsammlungen und wurden bei Auktionshäusern in Köln eingeliefert. Deshalb ist es mehr als wahrscheinlich, dass bei den Nachfahren jener Lempertz-Kunden, die 1937 in der Auktion 392 günstig einkauften, auch heute noch das eine oder andere Bild im Wohnzimmer hängt, von dem Max Stern sich unter NS-Druck trennen musste.

          Quelle: F.A.Z.

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