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Staatsgalerie Das Stuttgarter Schüttelprinzip

18.07.2008 ·  Die Staatsgalerie in Stuttgart spielte bisher in der ersten Liga der deutschen Museen. Große Ausstellungen und der spektakuläre Bau der Neuen Staatsgalerie sorgten für verlässliche Besucherströme. Dann wollte Sean Rainbird, der Direktor, das Haus sanieren - und jetzt traut man seinen Augen nicht mehr.

Von Hans-Joachim Müller
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Wie Moos ist der Grünspan dem König um den Bronzeleib gewachsen. Etwas unnütz sitzt er auf dem hohen Ross, blickt leer in die Zeit, die nicht mehr seine ist. Lang ist es her, dass der Hofbildhauer "Dank und Ehrfurcht" in den durchlauchtigsten Sockel gemeißelt hat. Heute schaut von der achtspurigen Adenauerstraße niemand mehr auf zur vormals königlichen Gemälde- und Kupferstichsammlung. Wie es ja überhaupt um die nachmals schwäbische Stuttgarter Staatsgalerie seltsam ruhig geworden ist.

Das Museum hat immer in der ersten Liga gespielt, mit Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg in einer Klasse. Große Ausstellungen und der jedenfalls spektakuläre Bau der Neuen Staatsgalerie von James Stirling sorgten für verlässliche Besucherströme. Rund eine halbe Million zählte man sonst an den Kassen. Im vergangenen Jahr kamen gerade noch 160 000.

Dass man sich an einem Museumswerktag Joseph Beuys' bedenkliche Installation "Plastischer Fuß Elastischer Fuß" einmal mit dem Aufsichtspersonal teilen würde, hätte man vor ein, zwei Jahren noch kaum vorausgesehen. Immer waren da Leute, die mit Inbrunst die Köpfe schüttelten. Was ist los an einem Museum, wenn niemand mehr die Köpfe schüttelt? "Eine schwierige Phase", sagt Sean Rainbird, der Direktor.

Von London nach Stuttgart

Im November 2006 trat der Senior Curator an der Tate Gallery London sein deutsches Amt an. Ministerpräsident Oettinger ließ erklären, dass die hervorragenden Kenntnisse des Kandidaten auf den Gebieten der klassischen Moderne und aktuellen Kunst sowie langjährige Erfahrungen im Management an einem weltweit renommierten Kunstmuseum ausgezeichnete Voraussetzungen für die Leitung der Staatsgalerie Stuttgart seien.

Der freundliche Brite versprach, neben dem Stammpublikum ein neues, vor allem junges Publikum ansprechen zu wollen - mit einem Programm, das hohe künstlerische Ansprüche erfülle, daneben aber auch publikumsorientiert und abwechslungsreich gestaltet sein solle. Das publikumsorientierte und abwechslungsreich gestaltete Programm aber findet vorerst im Kunstmuseum statt, das unter der Leitung der jungen Marion Ackermann zu einem ebenso vergnüglichen wie gescheiten Stuttgarter In-Ort geworden ist.

Rainbird will keine Blockbuster

Wer weiß, vielleicht ist ja alles nur Heilschlaf. Tatsächlich haben die Hypotheken, die Rainbird übernehmen musste, allzu ehrgeizige Projekte erst einmal ausgebremst. Ein Bericht des baden-württembergischen Rechnungshofs, der dem Haus vorhielt, den genehmigten Stellenplan beträchtlich überschritten zu haben, strikte Sparvorgaben des Landes, dazu der Schimmelpilz in den Wänden des alten Galerietrakts, eine Großbaustelle, die zur Schließung des halben Museums nötigte: Seinen Start in Stuttgart hat sich der neue Direktor schon anders vorgestellt.

Andererseits lässt er im Gespräch keinen Zweifel aufkommen, dass er dem Blockbuster-System gründlich misstraut und seine Zukunft weniger in der Bewirtschaftung der Eventkultur als in der Pflege der Sammlung sieht. Dass ein Museum ohne Sonderausstellungen nicht im Gespräch bleibt, verkennt er nicht. Und dass auch von ihm die Reizstoffe verführerischer Namen erwartet werden, weiß er wohl. Und doch will er die Hoffnung nicht aufgeben, dass es ihm gelingen könnte, mit den Pfunden in der eigenen Sammlung zu wuchern.

Es hat insofern Methode, dass sich die Ausstellungsankündigungen nicht unbedingt ehrgeizig, originell oder ereigniskündend ausnehmen. Die Porträts der Pop-Art, die im Frühjahr auf mildes Interesse stießen, waren eine Übernahme aus London. Die für den Herbst annoncierte Landesausstellung "Matisse - Menschen, Masken, Modelle" entsteht mit dem Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Und was sonst noch auf der Liste steht - unter anderen "Adolf Fleischmann zum 40. Todesjahr", "Zeichnungen und Druckgraphik des deutschen Informel", "Edward Burne-Jones", "Andrea Mantegna und die Druckgraphik" -, mag den Kenner durchaus rühren, erscheint als Jugendgewinnungsmaßnahme aber doch von herbem Charme.

Ungeschmälertes Vertrauen

Beim Dienstherrn, im Stuttgarter Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, genießt der Direktor ungeschmälertes Vertrauen. Es herrsche gespannte Erwartung, so Kunststaatssekretär Dietrich Birk. Man müsse schon bereit sein, sich auf etwas Neues einzulassen. Weshalb das Ministerium Herrn Rainbird auch im Bemühen ermutige, mit den eigenen Beständen publikumswirksam umzugehen.

Nun ist es ja keineswegs unehrenhaft, wenn ein Museumsmann die Rechenleistung des Kunstbetriebssystems für erschöpft hält. Irritierend ist eher die Entschlossenheit, mit der der neue Direktor dabei ist, die Staatsgalerie Stuttgart neu zu erfinden. Von Grund auf sozusagen. Als habe er eine marode Firma übernommen, die es mit rigider Konsequenz abzuwickeln gälte. Nicht allein, dass den spezialisierten Wissenschaftlern zugemutet wird, sich auch außerhalb ihres engen Kompetenzbereichs zu engagieren - nach dem Motto "Ein Haus, eine Sammlung". Ein Einbruch in säuberlich abgesteckte Claims, der wahrlich nicht unsinnig erscheint, dem Chef freilich wenig Freunde geschaffen hat. Damit könne er leben. Das Ergebnis werde ihm doch recht geben.

Immerhin ein Ergebnis ist jetzt zu besichtigen, heißt "Endlich diese Übersicht" und tut so, als habe es nie Übersicht gegeben. Zwar wird noch immer im Erdgeschoss der nominell Alten Staatsgalerie gebaut. Aber die Sammlungsräume sind nach mehr als zwei Jahren alle wieder zugänglich - und allesamt neu eingerichtet worden. Kein Bild mehr an seinem vertrauten Platz. Kein Alter, kein Mittelalter, kein hohes Alter, das ein Kunstwerk vor der Rochade bewahrt hätte. Es gibt keine alte und keine neue Staatsgalerie mehr, es gibt nur noch ein Haus, eine Sammlung.

Mittelalter neben Barnett Newman

Nun ist keineswegs verboten, alles neu zu sehen, alles neu zu mischen. Verboten ist auch nicht, den berühmten "Herrenberger Altar" des Jörg Ratgeb, der seit 1924 unverrückbar seine gewaltigen Flügel ausgebreitet hat, einmal in einen anderen Galerieraum zu komplimentieren. Er kann sich nicht wehren, er lässt sich alles gefallen, auch die jähe Nachbarschaft von Barnett Newmans "Who's Afraid of Red, Yellow and Blue II". Der zugehörige Saaltext zitiert Schiller "Über das Erhabene". Und schwer bedeutsam klingt der Akkord über die Jahrhunderte hinweg. Aber ist es nicht doch ein wenig schlicht, wenn einem zum einen Bild wie zum anderen nichts mehr als ihre fragliche Andachtstauglichkeit einfällt? Oder soll im Ernst behauptet werden, der großmächtige Gestus des Abstrakten Expressionismus habe irgendetwas mit der Theodizee der mittelalterlichen Passionserzählung zu tun?

Zwar kann Sean Rainbird auf eine chronologische Struktur seiner Neuhängung verweisen, aber erlebbar ist sie nicht eigentlich. Dass Kunst Ausdruck komplexer Bewusstseinsgeschichte ist, dass ihre Formen und Zeichen sich im Zusammenspiel von kulturellen Vorgaben und künstlerischen Visionen entwickelt haben, das alles vermittelt sich beim Gang durch die unverketteten Räume nur noch schwer. In Stuttgart wurde auf das Schüttelprinzip gesetzt, es ist wie ein Hin- und Herblättern in einem Bilderbuch, vor- oder rückwärts, es ist ziemlich einerlei, und am Ende weiß man nicht recht, was man gesehen hat.

Womöglich ist es ja doch etwas verwegen, als erste direktoriale Amtshandlung gleich einmal die ganze Kollektion umzukrempeln. Die Altmeister in den selbstherrlichen Stirling-Räumen wirken verloren und auf den jetzt einheitlich weißen Wänden zuweilen wie Handelsware auf einer Messe. Warum verzichtet man auf die Salon-Farben, die Burne-Jones' "Perseus"-Zyklus ehedem zu einem exzellent sinnlichen Raumereignis gemacht haben? Er wolle wieder ganz von vorn beginnen, sagt Sean Rainbird, alles herunterfahren, alles neutralisieren und dann wieder aufbauen. Man kann es auch so sagen: Staatsgalerie Stuttgart oder Wie man einen Sanierungsfall schafft, um ihn sanieren zu können.

Von heute an präsentiert die Stuttgarter Staatsgalerie unter dem Titel „Endlich diese Übersicht“ die neue Hängung.

Quelle: F.A.Z.
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