Home
http://www.faz.net/-gsa-10ceb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sportarena O2 World Die neue Welt ist nicht aus Wellblech

09.09.2008 ·  Heute abend wird die „O2 World“ in Berlin als neues Stadion der „Eisbären“ eröffnet: Sie ist die Architektur gewordene Isolation der Superstars, die isoliert im Auge des Orkans agieren, den die Massenspektakel rings um sie entfachen.

Von Dieter Bartetzko, Berlin
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Sportarchitektur? Wer würde nicht sofort Berlin als klassischen Standort nennen, hätte nicht den legendären Sportpalast parat, die Deutschlandhalle und – nach einigem Zögern wegen 1936 – auch das Olympiastadion? Zimperlich ist die Stadt ja nicht umgegangen mit diesen berühmten Stätten, hat die beiden erstgenannten abgerissen und das Olympiastadion durchgreifend umgebaut. Bedenkt man den Massenerfolg der futuristischen neuen Stadien „Auf Schalke“, pardon: „Veltins-Arena“ in Gelsenkirchen und der „Allianz-Arena“ in München, drohte Berlin ins Hintertreffen zu geraten. Nun aber, will man den Vorankündigungen der Sponsoren glauben, hat Berlin wieder „eine der schönsten Arenen der Welt“.

Heute abend wird die „O2 World“ in Friedrichshain direkt neben dem kolossalen Ostbahnhof als neues Eishockeystadion der „Eisbären“ eröffnet. Ansehnlich ist er, der Neubau von J.S.K. Architekten, der innerhalb von zwei Jahren hochschoss. Wie das Helmgesicht eines Eishockeyspielers mutet seine Schaufront an: oben das gerundete Dach mit dem Logo „O2 World“, darunter, gleich der vergitterten Augen- und Nasenpartie, eine konvexe gerasterte Glasfront, unter der sich wie ein massiver Kinnriemen der aufgeständerte Sockelreif vorwölbt. Als technologisch-flittrige Dreingabe macht eine 1800 Quadratmeter große LED-Lichtpunkte-Installation die 20.000-Quadratmeter-Fassade zum Bildschirm.

Superlative überall

Superlative überall: 17.000 Sitz- und Stehplätze, 59 „Entertainmentsuiten“ sowie Konferenz- und Partysäle. Die Arena kann in wenigen Stunden in eine Konzerthalle verwandelt werden, ist gerüstet für jede Art von „Riesenevents“. Das alles hat sich der Förderer, genauer: Besitzer der „Eisbären“, die „Anschutz Entertainment Group“ des gleichnamigen amerikanischen Milliardärs, gemeinsam mit einigen anderen Sponsoren 165 Millionen Euro kosten lassen. Dass diese Investition sich lohnt, dafür haben die Betreiber mit ebenso harten Bandagen gekämpft wie ihre Schützlinge: Man hat der auch nicht gerade unattraktiven Max-Schmeling-Halle die Basketballer von Alba Berlin abgeworben, über den Umzug der Füchse Berlin und der Volleyballer vom SC Charlottenburg wird verhandelt, und der Veranstaltungskalender kündigt, zum Schaden der Schmeling-Halle wie von Perraults spektakulärem Velodrom, Herbert Grönemeyer, Metallica, Coldplay, Bushido, Alicia Keys und den Dalai Lama an.

Was die einen eine gigantische Mehrzweckhalle, die Betreiber dagegen ein architektonisches Juwel nennen, ersetzt für die Eisbären den legendären „Wellblechpalast“ in Hohenschönhausen. Hier, in diesem herrlichen Gestänge der nackten funktionalistischen Tatsachen, erlebte die Eishockey-Crew hautnah bei ihren Fans ihren Aufstieg und ihre Triumphe. Selbst in der Mannschaftskabine habe man das Rufen, Toben oder Anfeuern noch hören können, sagte heute einer der Spieler. Diese Atmosphäre, diesen engen Kontakt werde man doch sehr vermissen. Das ist – denn stilistisch kommt der Bau nicht über den guten Durchschnitt hinaus – der entscheidende Schritt in Neuland, den die „O2 World“ verkörpert: Sie ist die Architektur gewordene Isolation der Superstars, die, egal ob auf Kufen oder High Heels, isoliert im Auge des Orkans agieren, den die Massenspektakel rings um sie entfachen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr