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Veröffentlicht: 24.11.2015, 16:42 Uhr

Spektakulärer Kunstraub Rubens verschwand am Abend

Es ist einer der größten Fälle von Kunstraub: In Verona wurden siebzehn Renaissance- und Barockgemälde gestohlen. Wer steckt hinter dem Diebstahl? Und wie lassen sich Museen schützen?

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Die Täter ließen sich Zeit, unverschämt viel Zeit, wenn man bedenkt, dass das hier ein Raubüberfall sein sollte, jeder Bankräuber würde ungläubig den Kopf schütteln: siebzig Minuten, um das Museo Civico di Castelvecchio in Verona auszuräumen und dann seelenruhig im Auto des gefesselten Wächters wegzufahren – mit siebzehn Renaissance- und Barockgemälden im Kofferraum, darunter der „Knabe mit Zeichnung“ von Caroto und die „Heilige Familie“ seines Lehrers Mantegna, dazu Werke von Pisanello, Bellini, Rubens und Tintoretto. Das Alarmsystem des Museums hatten die Täter, die, wie der Wächter zu Protokoll gab, mit osteuropäischem Akzent sprachen, außer Kraft gesetzt. Der Direktorin des Museums, Paola Marini, wurde während des Raubzugs nur ein paar hundert Meter vom Museum entfernt ein Preis verliehen.

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Es ist einer der größten Fälle von Kunstraub in Italien seit langem, und die Bezifferung des Schadens mit sechzehn Millionen Euro dient angesichts der Werke, die dabei verlorengingen, wohl eher der Beruhigung der Öffentlichkeit. Der Bürgermeister von Verona, Flavio Tosi, stattete dem Museum noch um Mitternacht einen Besuch ab, was aussah wie eine böse Allegorie: Der italienische Staat steht ratlos vor weißen Wänden und schaut ins Leere, wo einmal seine Kultur zu sehen war. „Es ist, als hätten sie die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen“, klagt der Kunstexperte Enrico Tantucci gegenüber „La Stampa“. Die italienische Presse spricht von einem Auftragsdiebstahl. Aber wer sind die Auftraggeber? Und was macht man mit gestohlenen Meisterwerken, deren Herkunft jeder kennt? An andere Museen verkaufen kann man sie nicht, das unterscheidet diesen Fall von den zahllosen Überfällen auf kleine italienische Museen, wie sie seit Jahrzehnten geschehen und bei denen oft nicht katalogisierte Antiken und Bilder gestohlen wurden.

Kunst aus dubiosen Quellen

Es ist genau zehn Jahre her, dass Marion True, die ehemalige Leiterin der Antiken-Abteilung des Getty-Museums in Los Angeles, in Rom wegen „Hehlerei und Schmuggel mit nationalen Kulturgütern“ angeklagt wurde, weil sie über Jahre hin Kunstwerke für das Museum angekauft hatte, die aus Raubgrabungen oder Überfällen auf kleinere italienische Museen stammten. In der amerikanischen Museumsszene lösten der Fall und die mit ihm verbundenen Rückgabeforderungen des italienischen Staats damals Panik aus; viele Museen hatten über Jahrzehnte Antiken und alte italienische Kunst ohne größere Provenienzrecherchen aus dubiosen Quellen erworben – nach dem Motto: Sie sei in Amerika sowieso besser aufgehoben als in den grotesk unterfinanzierten italienischen Museen (F.A.Z. vom 10.Februar 2007).

Wie wahr zumindest Letzteres ist, zeigt der Veroneser Fall, der sich bereits am vergangenen Donnerstag ereignete. Man muss aber davon ausgehen, dass die Bilder weder Museen noch zwielichtigen Privatsammlern zur heimlichen Erbauung angeboten werden, sondern dass mit ihnen das Castelvecchio – beziehungsweise dessen Versicherung – erpresst werden soll: Rückgabe gegen Lösegeld. Oft wird stillschweigend bezahlt, wird uns auf Anfrage bei der Tutela Patrimonia Culturale mitgeteilt, einer auf die Bekämpfung von Kunsthehlerei und illegalen Handel mit Kulturgütern spezialisierten Einheit der Carabinieri. Der Fall erinnert an den Überfall auf die Sammlung Bührle in Zürich vor sieben Jahren, als ebenfalls drei bewaffnete Täter Werke im Wert von mindestens 180 Millionen Franken erbeuteten, darunter Van Goghs „Blühende Kastanienzweige“ und Monets „Mohnfeld bei Vétheuil“.

Achtundvierzig Überwachungskameras

Beide wurden eine Woche später in einem gestohlenen Auto gefunden; dass ein Lösegeld gezahlt wurde, ist nie bestätigt worden. In Italien wird jetzt über die Sicherheitsetats der heimischen Museen diskutiert, deren Alarmanlagen sich oft auf dem technischen Niveau eines Dosentelefons befinden und deren Wachleute machtlos gegen Überfälle wie den von Verona sind. Überwachungskameras allein – das Veroneser Museum hat achtundvierzig – reichen offenbar nicht aus.

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Das Problem liegt anderswo: Wenn in Italien Geld für Kultur ausgegeben wird, dann fließt es häufig in zweifelhafte Prestigeprojekte, mit denen sich das Land verzweifelt von dem Ruf befreien will, ein reines Freilichtmuseum für vergangene Epochen und Jahrtausende zu sein. Allein für das überkandidelte, völlig dysfunktionale Museo nazionale delle arti del XXI secolo in Rom, ein Museum für Gegenwartskunst, das überwiegend zeigt, was es auch sonst überall auf der Welt an sogenannter Gegenwartskunst zu sehen gibt, wurden 150 Millionen Euro verbraten, während die Kulturschätze des Landes lausig klimatisiert und weitgehend ungesichert in den unterfinanzierten Museen hängen. Wenn sich das nicht ändert, wird der Überfall vom Donnerstag nicht der letzte sein.

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