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Sonderbund-Ausstellung in Köln : Kunstkanon mit blinden Flecken

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Köln feiert die legendäre Sonderbund-Ausstellung von 1912. Was aber machte die Schau so wegweisend, und was bedeutet sie für uns heute?

          Man stelle sich eine Ausstellung vor, bei der 107 der bedeutendsten Gemälde von Vincent van Gogh, darunter seine verzottelten Sonnenblumen, die abgetragenen Schuhe, sein gelbes, schiefes Schlafzimmer, nur der Rahmen sind. Er umfasst mehr als fünfhundert weitere Werke, unter anderem 24 von Paul Cézanne und sechzehn von Pablo Picasso, schließlich 31 Werke von Edvard Munch. Zahlenhuberei? Es sind die beeindruckenden Fakten zur vierten Ausstellung des Düsseldorfer Sonderbunds in Köln im Jahr 1912. Und wenn sich heute, hundert Jahre später, so manch einer über die Cafés in Museen echauffiert, kann man erzählen: Auch damals gab es eine Cafeteria und keine Angst vor Auraverlust: In einem Zelt bekam man Entwürfe von Kunstgewerblern zu sehen. Die Sonderbund-Schau präsentierte sich sogar mit einer Art Corporate Identity: Alles war mit Korbstühlen von Ehmke ausgestattet. Auch heute würde man über diese Inszenierung europäischer Moderne staunen - wäre sie nicht, allein schon der Versicherungssummen wegen, undenkbar.

          Das Wallraf-Richartz-Museum hat dennoch eine Rekonstruktion versucht. 120 Leihgaben haben es nach Köln geschafft, nur ein Bruchteil des damaligen Reichtums. Ein Standardwerk wird mit Sicherheit der mehrere Kilogramm schwere Katalog werden, herausgegeben von der Kuratorin des Museums, Barbara Schäfer. In ihm ist alles detailversessen nachvollzogen, aufgereiht und in einen Zusammenhang gestellt. Auch die blinden Flecken werden offenbar, die Werke in der Liste hinterlassen, die in den folgenden Kriegsjahren verschollen sind oder zerstört wurden. Das Buch ist ein äußerst anschaulich und lebendig geschriebener Beitrag. Die Ausstellung macht im Vergleich einen trockenen Eindruck: Sie ist kein Pilgerziel, weil man etwa noch nie gesehene Meisterwerke zu sehen bekäme (vielleicht nur Picassos Sitzender Harlekin von 1901 aus dem Metropolitan Museum in New York oder ein federweiches Stillleben mit Äpfeln von Cézanne aus dem Getty Museum). Man wird sie besuchen, um einzutauchen in eine großartige Historie und um zu begreifen, was geschah.

          Eigentlich lassen sich Legenden nicht planen

          Der „Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ war ein Düsseldorfer Förderverein für Zeitgenössisches, er wurde 1909 als eine Vereinigung von Künstlern, Sammlern und Museumsleuten unter anderen von Karl Ernst Osthaus, Gründer des Folkwang Museums in Hagen, ins Leben gerufen. Die Kölner Ausstellung von 1912 war bereits seine vierte Schau und manifestierte einen neuen Ausstellungstypus. So zumindest lautet die Legende.

          Stimmt sie? Die Kölner Rekonstruktion heißt „Mission Moderne“ und lebt von einem strengen Historisierungsansatz. Die Länderräume von 1912 werden nachempfunden, französische, niederländische, schweizerische, ungarische und norwegische Kunst folgen aufeinander, in der Mitte die Arbeiten der damals schon verstorbenen Künstler van Gogh, Cézanne und Paul Gauguin, die mit dieser Ausstellung zu Heroen wurden. Hatte man sie passiert, gelangte man in die berühmte Kapelle, gestaltet von Kirchner und Heckel, mit Fenstern von Thorn Prikker: eine Art Gesamtkunstwerk, das mit seinen Bleiglasfenstern, religiöser Ikonographie und Bauweise im gotischen Stil ans Mittelalter erinnerte. Im Vorwort mahnt der Katalog von 1912: Man sollte auf die moderne Bewegung wie auf alte Ahnen blicken, erkennen, wie mannigfaltig die Verbindungen der neusten Malerei mit der Blüte der mittelalterlichen Kunst seien. Warum verband man die Avantgarde mit so weit Vergangenem? Als Rechtfertigung? Aus Berechnung? Legenden lassen sich ja eigentlich nicht planen.

          Abstraktion galt nicht mehr als fortschrittlich

          Beim Durchschreiten der Säle befremden heute Pierre Paul-Girieuds brüske Frauenakte, Peter Almas madonnenartiges Porträt, Cuno Amiets nacktes, schamvolles Mädchen und Hodlers „Entzücktes Weib“. Bald wandern die Gedanken zur gerade zu Ende gegangenen Documenta 2013 in Kassel, die einem ähnlichen Anspruch wie die Sonderbund-Ausstellung genügen wollte. Fragen zur Kontingenz und Zwangsläufigkeit des Zusammenfallens günstiger Ausblicke auf Großausstellungen werden wach.

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