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Soma : Rausch aus Rentier und Fliegenpilz

Carsten Höller verwandelt den Hamburger Bahnhof in Berlin in eine Versuchsanstalt - mit lebenden Rentieren. In einem Experiment will der Künstler herausfinden, ob der Urin Fliegenpilz konsumierender Rentiere die Grundsubstanz für den mythischen Somatrank liefert.

          Um zu erklären, warum die Halle des Hamburger Bahnhofs zu einer Arena für Tiere und Pilze umgebaut wurde und dort von heute an zwölf echte Rentiere leben, muss man einen kleinen Umweg machen: Man muss beginnen mit der Geschichte eines Mannes namens Robert Gordon Wasson, der 1898 in Montana geboren wurde, 1986 starb und sich zwischendurch, erst als Hobbysammler, dann als hochgeachteter Forscher, manisch mit Pilzen beschäftigte. Zusammen mit seiner Frau gab Wasson 1957 ein Buch mit dem Titel „Mushrooms, Russia and History“ heraus, er arbeitete mit dem Drogenpionier Albert Hofmann zusammen und untersuchte mexikanische Pilzrituale, sogar ein Pilz wurde nach ihm benannt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In einem seiner Bücher, in „Divine mushroom of immortality“, spekuliert Wasson, dass es Fliegenpilze waren, die die wichtigste Rolle bei der Rezeptur eines mythischen Trankes namens „Soma“ spielten. Das Gebräu wird im Rigveda, der ältesten von vier Gründungsschriften des Hinduismus, besungen; die nomadisierenden Stämme der Weden sollen ihn im zweiten Jahrtausend vor Christus genommen haben, von Erleuchtungserfahrungen ist die Rede, wobei offen bleibt, ob der Effekt dem eines Alkoholrauschs, starkem Kokainkonsum oder der Wirkung halluzinogener Drogen ähnelte. Die Indizienlage ist, wie so oft nach fünftausend Jahren, dünn. Es gebe aber, so Wasson, noch heute sibirische Nomadenstämme, deren Schamanen in rituellen Zusammenhängen Fliegenpilze äßen; die Kollegen tränken dann den Urin - weil im Verdauungsprozess sich der giftige Stoff Muscarin abbaue und durch das stärker berauschende Muscimol ersetzt werde; der Rausch falle so stärker aus, die unschöne Nebenwirkung geringer.

          Wie ein riesiger Laborversuch

          Wasson, der die Welt der Mythen und der Antike vor allem auf den Einfluss von Pilzen abklopfte, stellte deswegen die Hypothese auf, dass die Grundsubstanz des legendären Soma womöglich Urin von Lebewesen war, die Fliegenpilze gegessen hatten. Mit dieser unappetitlichen These rollt der Hypothesenball nun zu dem 1961 geborenen Künstler Carsten Höller: Er wolle untersuchen, erklärt er, „ob der Fliegenpilz nach Passage durch das Rentier“ - zu dessen üblichen Speisen Fliegenpilze gehören - „die Grundsubstanz für das mythische Soma gewesen sein kann“, ob also Rentier-Urin zur Herstellung von Soma verwendet wurde.

          Was Höller aufgebaut hat, sieht dementsprechend aus wie ein riesiger Laborversuch: Zwölf Rentiere wurde monatelang auf den Aufenthalt in einer Kunsthalle vorbereitet, sechs sind in einem Gehege links, sechs in einem rechts untergebracht. Darüber schweben vier Volieren, in denen Vögel zwitschern; an den Seiten trifft man auf vier Podeste, schwarze und weiße Labormäuse sausen hier durch Idealstädte, überwacht von Kameras sitzen Fliegen in Plexiglaskisten, in Kühltruhen lagern Pilze. Der Aufbau der Anlage suggeriert, dass hier Empirie zählt: Links bekommen die Tiere Fliegenpilze; Wärter zapfen ihnen Urin ab und verabreichen den Mäusen, Vögeln und Fliegen mit der Nahrung muscimolhaltige Flüssigkeit; danach könnte man Unterschiede im Verhalten sehen.

          Aber was sollen die Tiere hier, im Museum?

          Höller ist studierter Naturwissenschaftler; er habilitierte sich über die Geruchskommunikation von Insekten. Er weiß, dass man, wenn man Rentier-Urin auf halluzinogene Substanzen untersuchen will, ein Labor und Reagenzgläser, aber bestimmt kein Kunstmuseum braucht. Bei der Soma-Ausstellung handelt es sich also, wie auch Dorothée Brill in einem erhellenden Katalogaufsatz ausführt, nicht um einen klassischen naturwissenschaftlichen Versuch und nicht in erster Linie um ein kryptomythologisches Drogenlabor. Höller lässt sogar offen, ob er wirklich Rentier-Urin an die Versuchstiere verfüttert. Aber was sollen die Tiere hier, im Museum?

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