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Veröffentlicht: 09.11.2016, 21:46 Uhr

Smartphone-Fototagung Spieglein, Spieglein in der Hand

Selfies sind zum Lieblingsfraß der Küchenpsychologie geworden. Kulturlose Narzissten! Dabei greift das Selfie-Phänomen viel tiefer in unsere Psychologie ein, als es auf den Selfies aussieht.

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© dpa Boys and girls, it’s me!! Präsident Obama kokettiert vor einer Schülerversammlung in Washington mit dem Selfie-Hype, nachdem er sich gebrüstet hat, die höchste Schulabschlussrate (83%) in der Geschichte erreicht zu haben.

„Selber staunt er sich an; unbewegt in einerlei Stellung haftet er, wie ein Gebild aus parischem Marmor gemeißelt.“ So ergeht es in der griechischen Mythologie Narziss – und so ergeht es uns mehr oder weniger allen. Der Moment, in dem wir uns selbst erblicken, ist für die menschliche Seele ein Faszinosum. „Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut. Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte. Suchend wird er gesucht; und zugleich entflammt er und brennt er.“ Mit Narcissus, von dem Ovid in seinen Metamorphosen erzählt, nimmt es bekanntermaßen kein gutes Ende; vor lauter Selbstverliebtheit muss er sterben.

43252532 © AP Vergrößern Selfie kommt von Selbstdarstellung.

Hannah Bethke Folgen:

Im Zeitalter des Selfies, der unzähligen Fotos, die wir mit unserem Smartphone von uns selbst machen, liegt kaum etwas näher, als den Mythos des Narziss wiederzubeleben. Und das wird auch zuhauf getan. 423.000 Einträge findet Google in den ersten Millisekunden, wenn man das Stichwort „Narzissmus“ eingibt. Gemeinsam ist fast allen Treffern der dramatische Unterton: „Narzissmus ist das Krankheitsbild unserer Zeit“, „Narzissmus hat in Amerika die Politik zersetzt“, „Selfie-Sucht entlarvt Narzissten“, „Warum Narzissten soziale Netzwerke lieben“, „Die Narzissmusfalle“, „Die zerstörerische Kraft von Narzissten“, „Die Leiden der jungen Narzissten“, „Die verletzlichen Narzissten“, „Narzissmus, der kaum an die Folgen denkt“ – ganz offensichtlich ist die Lage sehr ernst. 

Für alle steht zumindest fest: Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist ein Volk von gestörten Narzissten, kulturlos, selbstbezogen, chronisch abgelenkt. Und um das wiederentdeckte Phänomen des nun immerhin postmodernen Narzissmus noch ein bisschen mehr zu dramatisieren, wird es nur selten erwähnt, ohne sogleich sämtliche tiefenpsychologischen oder auch eher pseudopsychologischen Erklärungen für die betroffenen Subjekte mitzuliefern, die das Feld der populär verfälschten Seelenheilkunde zu bieten hat.

Wir Assis © dpa Bilderstrecke 

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Wenn die Diagnose stimmt, haben wir Narzissten der Postmoderne – immer das Smartphone im Blick, stündlich, wenn nicht gar minütlich, auf der Suche nach dem perfekten Foto von uns selbst, das wir dann sofort in unseren sozialen Netzwerken posten und anpreisen – außerordentlich schlechte Aussichten. Werden wir eines Tages wie Narziss in uns selbst ertrinken?

Eine neue Narration des Selbst

Anlass genug, denjenigen Gehör zu schenken, die nicht nur aus laienhaftem Vergnügen alles mögliche abfotografieren, sondern aufgrund ihrer Professionalität wirklich etwas von Bildern verstehen, nämlich den Fotografen. Zum ersten Mal machten sie auf einer interdisziplinären Tagung der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) die Smartphone-Fotografie zum Gegenstand ihrer Untersuchung. „Wir haben eine neue Narration des Selbst“, erklärte André Gunthert, Professor für visuelle Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Selfies sagten etwas darüber aus, wie die Person, die sich selbst fotografiert, wirken möchte. Den eigenen Erfolg zu demonstrieren, sei dabei ein entscheidendes Attribut, das durch den Mechanismus der öffentlichen Kommentierung in den sozialen Medien an Relevanz gewinne. Dass damit in Bezug auf das vielgescholtene Selbst weitaus komplexere Mechanismen in Gang gesetzt werden, als das gemeinhin in der küchenpsychologischen Ratgeberliteratur zum Ausdruck kommt, verdeutlichte der Psychologieprofessor Gerald Cupchik aus Toronto. Eine entscheidende Folge der Smartphone-Fotografie ist aus seiner Sicht, dass wir die Fähigkeit verlieren, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Selbst zu unterscheiden. Wenn ich jedes Bild, das ich von mir mache, jedes Gefühl, das ich damit verbinde und ausdrücke, mit einer von mir ausgewählten Öffentlichkeit teile, bleibe ich – anders als Narziss, der sich außer von den Göttern unbeobachtet wähnen konnte – in meiner Selbstbespiegelung nicht alleine. Das Private wird öffentlich, die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verschwimmen.

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