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Servietten-Kunst Falt mich ganz fest!

12.12.2009 ·  Die Kunst des Serviette-Faltens ist heute fast vollkommen in Vergessenheit geraten. Wie das Tuch bei königlichen Empfängen gebrochen wird, ist in manchen Ländern Staatsgeheimnis. Nur einer kann diese Geheimnisse heute noch lüften: Joan Sallas aus Freiburg.

Von Daniel Birnbaum
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Wie die habsburgische Kaiserserviette zu einer Lilie gefaltet wird, das weiß nur noch ein kleiner Kreis von Eingeweihten in Wien. Und wie die Serviette von Karl XVI. Gustav von zwei schweigsamen Dienern in der königlichen Silberkammer nach alter Tradition gebrochen wird, ist schwedisches Staatsgeheimnis. In Stockholm werden die Dekorationen auf den Tischen bei Staatsbesuchen allgemein bewundert, aber kein Mensch kann die raffinierten Faltungen erraten, die zur kunstvollen Geometrie der Serviette führen - außer Joan Sallas in Freiburg. Aber er würde dieses Geheimnis nie verraten.

Der katalanische Faltkünstler, der seit vielen Jahren in Freiburg im Breisgau lebt, kann auch jede andere Serviette entschlüsseln. In einer mit Textilien und Papier vollgestopften Wohnung rekonstruiert er eine in Vergessenheit geratene Kunstdisziplin und entwickelt neue Formen, die auf alten Falttechniken beruhen. „Es gab in früheren Jahrhunderten hochentwickelte Kunstgattungen wie Wasserspiele, Feuerwerke und extrem aufwendige Schauessen“, sagt er, der heute wohl der einzige Vertreter seiner Disziplin ist. „Das kennt man alles nicht mehr.“

Barocker Anachronismus?

Das Interesse der Öffentlichkeit für seine Kunst war lange Zeit begrenzt, und Sallas, der nach jahrzehntelangen Forschungen ein wahres Universalwissen über die Falte in Kunstgeschichte und Tischkultur besitzt, konnte seine Studien ungestört betreiben und nebenbei Origami-Kurse geben. Doch eine Reihe von Ausstellungen in den letzten Jahren mit aufwendigen, aus Stoff gefalteten Pflanzen, Tieren und Landschaften - unter anderem im Barockmuseum in Salzburg und in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden - hat das geändert. Vor wenigen Wochen trug er im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst vor; 2010 werden Sallas vielleicht seine Auftritte in Wien und im New Yorker Metropolitan Museum vom Status des exzentrischen Außenseiters befreien.

„Im Barock war das Falten von Servietten eine hochentwickelte Kunstform“, sagt Sallas und holt aus einem Regal kostbare italienische Bücher, die er vorsichtig auf einen großen Tisch legt. Die oft mit Rosenwasser parfümierten Tellertücher wurden einst nicht nur zum Abwischen benutzt, sondern waren Teil prunkvoller Tafelaufsätze mit mythologischen Szenen aus Schlössern, Pyramiden und Obelisken - alles aus Stoff gefaltet. Bei wichtigen Banketten war ein aus Leinengewebe gefalteter Tischbrunnen mit lebendigen Wassertieren nicht ungewöhnlich, und Sallas hat selbst einen besonders dramatischen Brunnen mit Fabeltieren von 1677 rekonstruiert. Niemand sonst macht so etwas heute. Aber ist Sallas deshalb ein barocker Anachronismus?

Knitter als Inspiration

Wer Gilles Deleuzes Studie „Die Falte. Leibniz und der Barock“ kennt, weiß, dass die Idee des Barocks nicht mit der Epoche des Barock endete. Leibniz sah in der Monade eine unendlich gefaltete Struktur, in der sich das gesamte Universum widerspiegelte; literarische Schöpfungen von Jorge Luis Borges, Pierre Boulez' Komposition „Pli selon Pli“ und vor allem Stéphane Mallarmés Poesie können als späte Emanationen dieses Geistes gedeutet werden. Mallarmé etwa hat nicht nur Gedichte über die Falten der Fächer, sondern auch Gedichte auf Fächern verfasst, die er besonderen Damen widmete, wie etwa der schönen Pianistin Misia Natanson. Man hat in dieser Vorliebe für mondäne Falten eine barocke Qualität in seinem Schreiben gesehen. Und vielleicht bildet Mallarmé, der symbolistische Poet und anonyme Herausgeber der Zeitschrift „La dernière Mode“, eine Brücke zu heutigen Künstlern wie dem Modeschöpfer Issey Miyake, dem wohl berühmtesten Erzeuger von Falten unserer Zeit.

Es gab die Falten natürlich schon in früheren Epochen, aber der Barock geht weiter, schreibt Deleuze: „Falte auf Falte, Falte nach Falte. Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock.“ Dieser Geist lebt heute offenbar bei ganz jungen Modeschöpfern wie Zoe Bradley weiter, die mit den allerluxuriösesten Papieren arbeitet, und Sandra Backlund, die mit Hilfe klassischer Origami-Technik die geometrischen Silhouetten ihrer Kleider akzentuiert. Er lebt auch weiter bei Papierverehrern unter den zeitgenössischen Architekten wie Frank Gehry oder jüngeren Kollegen wie Ben van Berkel, der eine Art barocker Formensprache mit digitalen Mitteln entwickelt, oft mit zerknittertem Papier als Inspiration.

Der gedeckte Tisch als Ausstellung

Joan Sallas kennt das alles und vieles mehr und ist nicht sonderlich beeindruckt. Das meiste hat es nämlich schon gegeben, aber das wissen die wenigsten. Und gäbe es nicht die deutsche Gründlichkeit und vor allem den methodischen Geist eines gewissen Matthias Jäger aus Bayern, den Leon Battista Alberti der Faltkunst, hätten wir kaum Kenntnisse davon. Unter dem italienisierten Namen Mattia Giegher unterrichtete er an der Universität in Padua und verfasste das erste Faltbuch, „Li Tre Trattati“, erschienen im Jahr 1639. Dort wurden die grundlegenden Techniken zum ersten Mal schriftlich festgehalten, auch die Terminologie, mit Begriffen wie „Bergfalte“ und „Talfalte“, die heute weltweit etabliert ist. Obwohl es hier zunächst um fundamentale Handgriffe geht, bleibt Giegher keineswegs bei schlichten Formen stehen, sondern macht deutlich, wie weit die barocke Einbildungskraft zielt: Gefaltet aus Servietten, lässt er Fische, Burgen, Schiffe, Monster, ja, einen phantastischen Kosmos entstehen. Jeder Teil der Materie könne als ein Garten voller Pflanzen und Bäume und als ein Teich voller Fische gesehen werden, heißt es bei Leibniz, und jedes Glied eines Tieres und jeder Tropfen seien wieder so ein Garten und so ein Teich.

Die Kunst, Servietten zu brechen, ist nichts Isoliertes, sondern eng verbunden mit der Entwicklung der Kleidung und mit den technischen Fortschritten der Malerei, wie Sallas in Detailstudien etwa vom Grabmal der Gundela von Holzhausen im Frankfurter Dom und von Matthias Grünewalds aus Faltperspektive bemerkenswertem Bild „Die Heilige Dorothea“ vorführt. Dass niemand bisher die mit mathematischer Präzision gestalteten Ärmel der Mona Lisa erforscht hat, ist überraschend, vor allem, da die Harmonie des gesamten Bildes, wie Sallas überzeugend darstellt, von dieser in den Ärmeln angelegten Faltstruktur abhängt.

Die europäische Faltkultur, in der sich Nürnberg im siebzehnten Jahrhundert mit eigener Faltschule als wichtigstes Zentrum etablierte, wird wohl nie in der alten Form wieder aufblühen. Aber der barocke Impuls, den Sallas auch in anderen Epochen auffindet, ist auch heute spürbar. Leibniz, ein früher Theoretiker der Ausstellung, träumte von einer Akademie des Spiels und einem Theater der Natur und der Künste, einer Mischung aus Labor und Vergnügungspark voller wunderbarer Maschinen. In einer Zeit, in der manche sich eine Befreiung der Kunst aus der weißen Zelle der Galeriewelt, der Monotonie der Messen und fast identischen Institutionen wünschen, sind die Möglichkeiten, an die Sallas erinnert - Wasserspiele im Park, pyrotechnische Effekte in der Luft und gefaltete Allegorien aus feinstem Stoff auf der Tafel -, nicht nur kulturelle Fossile, sondern ein Hinweis auf andere Gelegenheiten für die Kunst, im Leben präsent zu sein. Es muss nicht die aufwendige habsburgische Kaiserserviette aus der Familie der Lilien sein. Jeder gedeckte Tisch ist eine Ausstellung.

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