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Sensation bei Sotheby’s : Ja zu Artemisia! Rekord für die Malerin

Artemisia Gentileschi hat im siebzehnten Jahrhundert als Frau eine Malerkarriere gemacht. Jetzt wurde ihr großartiges Bild der Maria Magdalena wiedergefunden, auf dessen Existenz bisher nur ein Foto hingewiesen hatte.

          Von Artemisia Gentileschi ist ein Gemälde der Maria Magdalena wiederaufgetaucht, das bisher nur über eine Fotografie aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert bekannt war. Es ist eine umwerfende Darstellung jener Begleiterin Jesu Christi, zugleich eine unerhört moderne Auffassung der leidenden Büßerin.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer war Artemisia Gentileschi? Am 8. Juli 1593 in Rom geboren, ist sie die bis heute bekannteste Malerin des siebzehnten Jahrhunderts. Schon zu ihren Lebzeiten genoss sie Ruhm, als Künstlerin, allerdings auch ihres frühen Schicksals halber. Es war ein Vergewaltigungsprozess, der Rom erregte, den ihr Vater, der Maler Orazio Gentileschi, im Jahr 1612 anstrengte gegen seinen Kollegen Agostino Tassi. Zu ihm hatte er die begabte Tochter, ungewöhnlich genug, in die Lehre gegeben. Tassi entjungferte seine Schülerin; die Prozessakten sind erhalten. Artemisia beteuerte, dass sie sich wehrte - mit Daumenschrauben gefoltert, wird sie befragt.

          Die Fleischlichkeit der Frauen als Augenweide für männliche Schaulust

          Was wirklich geschah, ist bis heute ungeklärt. Es ging für Artemisia und ihre Familie um das in der patriarchalischen Gesellschaft für eine Frau wertbestimmende Gut der Jungfräulichkeit; möglicherweise aber hat Tassi ein Heiratsversprechen nicht eingehalten. Jedenfalls wird er verurteilt. Doch Artemisia bleibt beschädigt. Sie muss eine Ehe mit einem unerheblichen Maler eingehen, mit ihm verlässt sie 1613 Rom und geht nach Florenz. Dort macht sie Karriere, der Gemahl verschwindet aus den Annalen. Sie ist unglaublich gut in ihrem Metier, geschmeidig in der Wahl attraktiver Sujets, außerdem protegiert durch Cosimo II. de’ Medici. Bereits 1616 wird sie, als erste Frau überhaupt, in die Accademia dell’ Arte del Disegno von Florenz aufgenommen.

          Artemisia Gentileschi ist die Frau, von der die gewalttätigste Darstellung des italienischen Barocks stammt: Sie malt jenen Moment, in dem Judith dem schlafenden Holofernes das Haupt abschneidet, mit nie gesehener Wucht. Holofernes tritt im Alten Testament als Heerführer des babylonischen Königs Nebukadnezar II. auf, der Kleinasien mit Krieg überzieht; die Witwe Judith aus dem Volk der Israeliten schafft es dank ihrer Schönheit, zu ihm vorgelassen zu werden, macht ihn trunken und tötet ihn, assistiert von ihrer Magd Abra, mit seinem eigenen Schwert. Artemisia hat das blutige Geschehen zweimal gemalt, die erste, wildere Fassung wird auf 1611/12 datiert, etwa gleichzeitig mit dem Prozess.

          Es ist unsicher, ob Artemisia in „Judith und Holofernes“ ihr Trauma aufarbeitet, wie gemutmaßt wurde; psychologische Einfühlung ist mit Vorsicht zu genießen angesichts ihrer Kunst. Die schöne Vorstellung von frühem Feminismus greift ebenfalls zu kurz. Besser spricht man von Emanzipation: Artemisia war an Leib und Ruf beschädigt, hochbegabt und - geschäftstüchtig. Ihre manchmal im Wortsinn tollen Frauen waren ein Stück Auflehnung gegen männliche Oberhand. Doch die Fleischlichkeit ihrer Frauen war unbedingt auch Augenweide für die männliche Schaulust.

          Hysterikerinnen in überspannten Leibern

          Das gilt nicht zuletzt für die Figur der Maria Magdalena: Die Magdalenen bevölkern - wie übrigens all die heiligen Sebastiane auf der anderen Seite - grade im Barock den katholischen Kosmos blühender Phantasien und nicht bloß sublimierter erotischer Natur. In der Gegenreformation wird Magdalena zur Lieblingsgestalt, als mystische Braut Christi, auch als leuchtendes Vorbild dafür, dass Abkehr vom falschen Lebenswandel zum Heil führt. Am effektvollsten im Chiaroscuro des Caravaggio, jenem dramatischen Helldunkel, das sie auszureizen wusste, hat Artemisia einige Magdalenen gemalt, gewissermaßen in verschiedenen Aggregatzuständen: ergreifend züchtig mit einem Totenschädel; begriffen im Akt der Bekehrung; oder schlafend - und sehr sexy -, wie erschöpft von dieser Anstrengung.

          Das wiedergefundene Bild ist extraordinär. Es zeigt die Magdalena in Ekstase und ist vermutlich intimes Selbstbildnis der sehr jungen Künstlerin. Der Katalogtext rückt seine Entstehung nah an den Vergewaltigungsprozess, vielleicht noch vor Artemisias Weggang nach Florenz 1613. Die Radikalität ruft Caravaggio als Vorbild auf - und macht die frappante Gegenwärtigkeit des Werks aus: Artemisias Magdalena ist in ihrer Exaltation eine frühe Schwester jener Hysterikerinnen in ihren überspannten Leibern, die um die vorletzte Jahrhundertwende Karriere machten.

          Am 26. Juni hat Sotheby’s in Paris das so lange aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwundene Gemälde versteigert. Es war seit mindestens zwei Generationen in einer alten südfranzösischen Sammlung, die Schätzung dafür lag bei 200.000 bis 300.000 Euro. Der Hammer fiel bei 720.000 Euro, mit Aufgeld sind das 865.500 Euro. Das bisher teuerste Werk der Artemisia Gentileschi in einer Auktion, eine Laute spielende Frau und wohl ebenfalls ein Selbstporträt, wurde übrigens 1998 bei Sotheby’s in London für umgerechnet knapp 580 000 Euro zugeschlagen.

          Quelle: F.A.Z.

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