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Sean Scully in Karlsruhe : Hauptstreifen und Nebenstreifen

Sean Scully Bild: Liliane Tomasko

Wenn Farbe menschlich wird und aus der Reihe tanzt: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt Sean Scully als malenden Gesellschaftsforscher.

          Oft, wenn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel besonders komplex und vielschichtig ist, prangt in dessen Mitte ein Werk von Sean Scully. In seinen Bildern verschränken sich mit breitem Pinselstrich gesetzte Streifen in Starkbunt, aber auch Schwarz oder Dunkelfarben sind zu finden. Die nie mit dem Lineal, sondern freihändig gezogenen Farbbänder stehen derart wild auf- und gegeneinander, als hätte sie ein anarchischer Maurer in ein Mörtelbett aus mehreren Schichten Farbmaterial gelegt. Weil aber diese Bildbausteine mit ihren unruhigen Konturen und den konträren Farben sehr lebendig wirken, scheinen sie zugleich wie Diskutierende aufeinander zu reagieren – eine rege Agora aus Farbe und Form. Will man veranschaulichen, dass eine Frage in einem Artikel nicht bündig aufzulösen ist, sind Scullys Bilder ideal.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei täuscht die Flachheit von Scullys Abbildungen in gedruckter Form eine Einfachheit der Oberfläche vor, die in der Realität keine Entsprechung hat. Die Vorlagen erinnern an textil verflochtene Gebilde, sie sind weitaus komplizierter, weil sie nicht nur in sich verspannt sind, sondern, zusätzlich mit ihrem reliefhaft dicken Farbauftrag, nach vorne in den Betrachterraum dringen und den Blick zugleich nach hinten in die Tiefe fallen lassen. Unter den scheinbar so hermetisch geschlossenen Streifen im Farbmörtelbett offenbaren sich noch viele weitere, hellere Schichten. Selbst wenn sich der Betrachter von einem Bild schnell abwenden wollen würde, verfängt sich sein Auge doch wie in einem Zaun aus schief zusammengenagelten Brettern, dessen kuriose Konstruktion man neugierig nachzuvollziehen sucht.

          Stellvertreterschaft der Formen für Menschen

          Der Besuch der Ausstellung „Sean Scully. Vita Duplex“ in der Kunsthalle Karlsruhe ist schon aus diesem Grund ein Muss. Wären nicht die Texte, könnte man sich Ausstellungskataloge zu Scullys Arbeiten eigentlich sparen, denn die Gemälde keines Künstlers lassen sich derart schlecht abbilden. Diese widerborstige Nicht-Abbildbarkeit ist geradezu ein Merkmal von Scullys Bildern, die zeigen, dass sie eigenständige Charaktere sind – der Gesellschaftstheoretiker Habermas hat manchen Aufsatz über sie geschrieben.

          Diesen Eindruck belegt bereits der erste Saal, in dem die frühen Bilder der sechziger und siebziger Jahre in teils zeittypisch unkonventionellen Leinwandformaten hängen: Die durchfenstert rhythmisierte Fassadenarchitektur des mitreißenden „Crossover Painting #1“ von 1974 fängt dann ebenso zu tanzen an wie „Overlay 2“ von 1973, das deutlich von Mondrians in New York entstandenem „Victory Boogie Woogie“ inspiriert ist.

          Same same but different. Im Triptychon „Arles-Nacht-Vincent“ von 2015 wirft uns Sean Scully bei gleicher Grundkomposition allein durch Farbe und Oberflächenstruktur in eine Stadt, in eine Tageszeit und in die Kunstgeschichte mit seinem Vorbild van Gogh.

          Der dritte Saal überrascht und empört zunächst durch eine Konfrontation von Scullys Matisse-Hommage der „Badenden“ mit einem Marien-Diptychon des „Böhmischen Meisters“ von etwa 1380, mit Bildern von Caspar David Friedrich, Paul Klee, Giorgio Morandi oder Karl Schmidt-Rottluff. Bei dem mittelalterlichen Werk soll offenbar die zweigeteilte Bildform und die meditative Innerlichkeit das Vergleichsmoment sein; bei Klee, den der Künstler angesichts einiger recht unverhohlener Klee-hafter Bilder in der Ausstellung erkennbar schätzt, scheint die Gegenüberstellung legitim. Bei Morandi wiederum ist die Welthaltigkeit seiner Stillleben die Vergleichsebene. Was auf den ersten Blick beliebig wirken mag, hat seine tiefere Legitimation in einer Stellvertreterschaft der Formen für Menschen. Wie bei Klee und Morandi agiert auch in Scullys Gemälden eine scheinbar abstrakte Dingwelt existenziell Menschliches aus. Wobei Scully selbst wiederholt scharf betont hat, dass er sich niemals als abstrakter Maler begriffen habe, seine Bilder seien mindestens „immer noch Selbstbildnisse“. Dass er nie ansatzlos malt, vielmehr zahlreiche farbliche und kompositionelle Anregungen aufnimmt, zeigt dieser Saal mit fast siebenhundert Jahren Kunstgeschichte sehr plastisch.

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